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Veröffentlicht: 03.11.2013, 09:44 Uhr

Entwicklungsökonom Paul Collier „Wir locken die Menschen in den Tod“

Der Entwicklungsökonom Paul Collier spricht im Interview über die Lehren aus der Tragödie von Lampedusa und die gesellschaftlichen Folgen von Ein- und Auswanderung.

© Andreas Pein Paul Collier forscht über Migration. Sein Großvater emigrierte einst aus Deutschland nach Nordengland

Herr Collier, jeden Monat aufs Neue sterben Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu kommen. Was läuft da falsch?

Die aktuelle Politik ist tödlich. Auf dem Weg über das Mittelmeer sind in den vergangenen Jahren Tausende junger Afrikaner ertrunken. Wir locken diese Menschen in den Tod, weil ihre einzige Chance, nach Europa zu kommen, darin besteht, irgendwelchen nordafrikanischen Gangstern einen Haufen Geld für einen Platz auf einem lecken Boot zu zahlen. Dafür braucht man Geld und Eigeninitiative, das sind nicht die Ärmsten, die da kommen.

Also ist Europa noch zu großzügig zu den Bootsflüchtlingen?

Wir machen ihnen falsche Hoffnungen. Wenn wir die Möglichkeiten für junge Afrikaner ausbauen würden, etwa hier in Europa zu studieren, dann würden wir ihnen glaubwürdige Chancen bieten. Es ist lächerlich, dass die Europäische Union die Leute erst ignoriert und sie dann mit Rechten überschüttet, sobald sie einen Fuß auf den Strand von Lampedusa setzen.

Sie übertreiben. Auch jetzt werden doch die meisten zurückgeschickt oder in Italien wegen illegaler Einwanderung angeklagt. Wie viel strenger wollen Sie werden?

Jeder, der mit dem Boot kommt, sollte automatisch zurückgeschickt werden. Erst wenn das durchgesetzt wird, werden die Leute aufhören, es zu versuchen.

Wäre es in der Zwischenzeit nicht humaner, zumindest diejenigen reinzulassen, die es geschafft haben?

Wenn wir den Leuten erlauben, herzukommen, wären es nicht mehr wenige. Wenn wir nur verhindern wollen, dass die Menschen ertrinken, sollten wir eine kostenlose Fähre übers Mittelmeer einrichten. Halb Afrika würde mitfahren. Die einzige realistische Lösung ist es, keinerlei Anreize zu schaffen, sich in ein leckes Boot zu setzen. Aber wir müssen das mit besseren Angeboten kombinieren, auf legalem Weg nach Europa zu kommen. Und später müssen die Leute eine Chance haben, in ihrem eigenen Land Arbeit zu finden.

Was können denn die Europäer tun, damit die Flüchtlinge zu Hause Arbeit finden?

Wir brauchen eine bessere Wirtschaftspolitik, die das Geschäftsklima in diesen Ländern verbessert. Deutschland zahlt Entwicklungshilfe an Brasilien – die brauchen das Geld nicht. Wenn es stattdessen an die ärmsten Länder ginge, wäre das schon ein wichtiger Schritt.

Warum wollen Sie die Leute eigentlich unbedingt am Auswandern hindern?

Das will ich gar nicht. Aber eine gute Migrationspolitik muss berücksichtigen, dass Ein- und Auswanderung langfristig schwerwiegende soziale Folgen für eine Gesellschaft haben können. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.

- © AFP Vergrößern Um Tragödien wie die von Lampedusa zu verhindern, will Collier jeden Bootsflüchtling automatisch wieder zurückschicken. „Erst wenn das durchgesetzt wird, werden die Leute aufhören, es zu versuchen“

Was ist an den gesellschaftlichen Folgen so schwerwiegend?

Ich will damit nicht sagen, dass die Folgen grundsätzlich negativ sind. Einwanderung macht eine Gesellschaft vielfältiger. Einwanderer sind innovativ und bringen neue Perspektiven. Aber Vielfalt reduziert auch das Vertrauen der Leute untereinander, sie kooperieren nicht mehr so bereitwillig und sind weniger großzügig zueinander. Vergleichen Sie sehr homogene Länder wie Deutschland und Japan mit Ländern wie Nigeria – in Nigeria ist es viel schwieriger, Geschäftsbeziehungen zu regeln und öffentliche Güter bereitzustellen. Und wenn Sie ein typisches europäisches Land mit Amerika vergleichen, dann ist Amerika natürlich vielfältiger, aber als Gesellschaft auch sehr viel weniger großzügig.

Kann die Politik nicht beeinflussen, wie sich die Vielfalt auswirkt?

Natürlich sollten wir überlegen, wie wir mit der Vielfalt umgehen können. Länder mit erfolgreicher Integrationspolitik können auch mehr Einwanderung vertragen. Aber wenn man einer multikulturellen Politik anhängt, ist vielleicht weniger Einwanderung besser. Ganz schlecht ist das, was die britische Regierung gerade macht: aus reinem Populismus weniger Studenten ins Land lassen, weil das die absoluten Zahlen senkt. Wer kommt, ist wichtiger als wie viele.

Sie reden hauptsächlich von den Folgen für die Einwanderungsländer. Die Einwanderer selbst und diejenigen, die in ihren Heimatländern bleiben, sehen das wahrscheinlich anders, oder?

Nicht wirklich. Nur die Gründe sind andere. Wenn ein paar Leute auswandern, ist das gut für ihr Heimatland. Viele Studien zeigen, dass bei moderaten Auswandererzahlen viele nur vorübergehend das Land verlassen und dann besser ausgebildet zurückkommen. Wenn zu viele auswandern, gehen all die klügsten Leute.

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