02.02.2006 · Es herrscht Goldgräberstimmung unter den Müllsammlern. Seit der Grüne-Punkt-Anbieter DSD den lukrativen Verpackungsmüll mit der Konkurrenz teilen muß, verliert er Marktanteile.
Von Helmut BünderDas Geld steckt in leeren Zahnpastatuben und Joghurtbechern. Seitdem das Duale System Deutschland (DSD) den lukrativen Verpackungsmüll mit der Konkurrenz teilen muß, macht sich in manchen Unternehmen Goldgräberstimmung breit. Allein die Mainzer Landbell AG hat dem DSD im ersten Jahr nach der Zerschlagung des Monopols mehr als 50 Millionen Euro Umsatz abgenommen. Das kleine Unternehmen mit gerade zwei Dutzend Beschäftigten strotzt vor Selbstbewußtsein. „Für dieses Jahr streben wir eine Verdoppelung auf 100 Millionen Euro an“, sagte der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Schertz der Frankfurter Allgemeinen zeitung.
Landbell ist mit seinem konkurrierenden dualen System für die haushaltsnahe Entsorgung von Verpackungsabfall, anfangs begrenzt auf Hessen, seit 2003 auf dem Markt. Inzwischen sind die Mainzer auch in Bayern, Niedersachsen, dem Saarland sowie in Berlin, Hamburg und Bremen zugelassen. Schertz rechnet fest damit, daß im Laufe dieses Jahres alle übrigen Länder folgen werden.
Die DSD-Verfolger kämpfen um Marktanteile
Der Markt wird neu verteilt. Auch die Kölner Interseroh AG will ihr duales System in einigen Monaten im gesamten Bundesgebiet anbieten. Sie ist im Genehmigungsverfahren schon ein Stück weiter und erreicht über die Zulassungen in insgesamt neun Bundesländern potentiell schon 61 Prozent der Bevölkerung. „Damit sind wir klar die Nummer 1 der DSD-Verfolger“, sagt Interseroh-Vorstand Roland Stroese und beansprucht damit den Platz, den auch Landbell für sich reklamiert. Dessen Chef argumentiert nicht mit Marktpotentialen, sondern mit tatsächlichen Umsatzanteilen. Im gesamten Bundesgebiet sieht er Landbell bei 3,8 Prozent, die Kölner dagegen erst bei 0,6 Prozent.
Bei Interseroh ist dazu keine Auskunft zu bekommen. „Es ist schön, daß Landbell so genau über uns Bescheid weiß“, heißt es nur. Um so präziser sind die Prognosen. Darin eingerechnet sind auch die Umsätze aus den Selbstentsorgerlösungen für Unternehmen, die ihre leeren Verkaufsverpackungen ohne den Umweg über die gelbe Tonne direkt bei Großverbrauchern einsammeln lassen. „In der Kombination beider Systeme wollen wir mittelfristig, also in den nächsten zwei bis drei Jahren, 15 Prozent Marktanteil erreichen“, sagte Stroese.
Die ehrgeizigen Pläne zeigen, unter welchem Druck das DSD inzwischen steht. Andere Wettbewerber wie die Belland Vision aus Pegnitz und die Kölner VfW nagen mit ihren Selbstentsorgerangeboten ebenfalls kräftig am Umsatz des früheren Monopolisten. Ihr Erfolg macht Appetit. Auch der größte deutsche Entsorgungskonzern, Remondis aus Lünen, spielt inzwischen mit dem Gedanken, in die Selbstentsorgung einzusteigen.
Der Grüne Punkt schrumpft
2004, im letzten Jahr vor dem Verkauf an die Investorgesellschaft KKR, hatte der Grüne Punkt noch ein Lizenzaufkommen von 1,6 Milliarden Euro erzielt. Zahlen für 2005 gibt es noch nicht. Der inzwischen zurückgetretene Vorstandschef Peter Zühlsdorff hatte vor einigen Monaten ein Minus von 14 bis 16 Prozent prognostiziert. „Wir bewegen uns nach wie vor im erwarteten Rahmen“, sagte eine DSD-Sprecherin. Die Entwicklung sei von KKR so einkalkuliert worden, es gebe für die neuen Eigner deshalb keinen Grund für einen vorzeitigen Verkauf. „Kunden können auch zurückkommen. Bei uns stimmt nicht nur der Preis, sondern auch die Dienstleistungsqualität“, sagte sie.
Die Konkurrenz sieht das anders. Die angekündigten neuen Geschäftsmodelle des DSD ließen auf sich warten, die von KKR kalkulierten Renditen lägen in weiter Ferne. Gespannt wartet die Branche deshalb auf die im März beginnende Neuausschreibung der DSD-Verträge mit den Entsorgungsunternehmen, die im Auftrag des Grünen Punktes den Müll einsammeln. Angesichts des scharfen Wettbewerbs wird mit einem kräftigen Druck auf die Preise der Vertragspartner gerechnet.
Argwöhnisch beäugen die Wettbewerber zugleich die Rabattpolitik des DSD gegenüber seinen Kunden aus der Konsumgüterbranche. Der frühere Monopolist habe wiederholt versucht, Wettbewerber durch kartellrechtlich fragliche Treueprämien und andere Sondervergünstigungen für Großkunden auszustechen. „Der Eifer des Kartellamtes scheint zu erlahmen“, sagt der Landbell-Chef Schertz. Auch Stroese berichtet von Hinweisen aus dem Markt auf eine „nicht kartellrechtskonforme Rabattpolitik des DSD“. Dessen Sprecherin kontert: Man stehe in einem engen Kontakt mit dem Kartellamt, und die Preispolitik bewege sich in dem von ihm gebilligten Rahmen.
Begehrte Müllsammler
Der Erfolg der DSD-Konkurrenten macht sie zu attraktiven Übernahmezielen. Interseroh wird vom Berliner Entsorgungskonzern Alba umworben, der den Aktionären ein Übernahmeangebot unterbreitet hat. Auch Schertz berichtet von diversen Anfragen. Doch Landbell-Haupteigner Frank Binder, Erbe und Großaktionär des Chemieunternehmens Merck, will an seiner Beteiligung von 86 Prozent festhalten. Auch ein Börsengang steht nicht zur Debatte. „Wir finanzieren unser Wachstum aus eigener Kraft und werden unseren Charakter als Familienunternehmen behalten“, sagte Schertz.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2369 | −0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 103,10 $ | −0,15% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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