08.04.2010 · Zeitarbeiter tragen ein deutlich höheres Entlassungsrisiko als die Beschäftigten anderer Branchen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund prangert das überdurchschnittliche Armutsrisiko der Beschäftigten an - und verbindet Forderungen mit seiner Kritik.
Von Sven AstheimerZeitarbeiter tragen ein deutlich höheres Entlassungsrisiko als die Beschäftigten anderer Branchen. Monatlich verlieren im Durchschnitt rund 6 Prozent aller Leiharbeitnehmer ihren Arbeitsplatz, das sind 3,5 Mal so viel wie etwa im Gastgewerbe. Im Verarbeitenden Gewerbe, das von der Wirtschaftskrise besonders betroffen ist, waren es 0,6 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit eines Arbeitsplatzverlustes liegt in allen Wirtschaftszweigen in Ostdeutschland höher als im Westen. Dies geht aus einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, welche dieser Zeitung vorliegt. Dafür wurden die Zugangszahlen der Bundesagentur für Arbeit von Oktober 2008 bis September 2009 ausgewertet.
Während dieses Zeitraums verloren nach DGB-Angaben rund 430.000 Leiharbeiter ihre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Damit seien rein rechnerisch innerhalb eines Jahres rund 76 Prozent aller Zeitarbeitskräfte arbeitslos geworden. Selbst in den Aufschwungjahren 2007 und 2008 seien rund 300.000 Betroffene erwerbslos geworden. Zu den Neueinstellungen wurden keine Angaben gemacht. „Dies zeigt, dass sich die Verleihbranche immer noch durch eine Politik des Heuerns und Feuerns auszeichnet und personalpolitische Risiken auf Beitragszahler und Steuerzahler abgewälzt werden“, heißt es in dem Papier.
Überdurchschnittliches Armutsrisiko
Die Arbeitnehmerorganisation weist auch auf das überdurchschnittliche Armutsrisiko der Beschäftigten hin und beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, denen zufolge 77 Prozent der Vollzeitbeschäftigten einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle erhalten. Der durchschnittliche monatliche Bruttolohn eines Geringverdieners in der Zeitarbeit betrug zuletzt knapp 1300 Euro, der Durchschnittsverdienst lag bei etwa 1750 Euro. Laut Gewerkschaftsbund ist jede siebte bis achte Vollzeitkraft in der Zeitarbeit auf ergänzendes Arbeitslosengeld II angewiesen.
Der DGB, der selbst mit Zeitarbeitgeberverbänden Flächentarifverträge ausgehandelt hat, fordert deshalb den Gesetzgeber unter anderem dazu auf, das Prinzip der Gleichbezahlung von Stammbelegschaften und Zeitarbeitern vom ersten Tag an wiedereinzuführen. Abweichungen, etwa für Einarbeitungszeiten, dürften nur in einem sehr engen Rahmen stattfinden. Außerdem müssten etwa die Weiterbildung von Zeitarbeitern gefördert und die Überwachung der Personalverleiher verstärkt sowie die Sanktionsmöglichkeiten verschärft werden.
Die Zeitarbeitsbranche war nach der Deregulierung durch die rot-grüne Bundesregierung vor allem während des vergangenen Aufschwungs rasant gewachsen. Infolge der Wirtschaftskrise sank die Beschäftigtenzahl jedoch auf den Tiefstand von 580.000, erholte sich mit anziehender Konjunktur aber zuletzt wieder auf mehr als 700.000. Der Anteil der Zeitarbeiter an allen Beschäftigten in Deutschland liegt damit zwischen 2 und 2,5 Prozent.
Sven Astheimer Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.
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