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England Britische Baupolitik rächt sich

23.07.2007 ·  Nach starken Regenfällen sind viele englische Städte überschwemmt. Jetzt rächt sich die sorglose Politik der Behörden, Siedlungen in Flussniederungen zu genehmigen. Premierminister Brown kommt das sehr ungelegen, will er doch den Wohnungsneubau fördern.

Von Bettina Schulz, London
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Nach sintflutartigen Regenfällen sind weite Teile Mittelenglands überschwemmt. Viele tausend Familien sahen zu Beginn dieser Woche ihr Hab und Gut in einer stinkenden Flussbrühe versinken. Schlimmer noch: Sie stehen ohne Elektrizität und Trinkwasser da. Doch das ist nicht allein den Wolkenbrüchen geschuldet, die in den vergangenen Tagen mehr Regen auf England niederprasseln ließen, als normalerweise in zwei Monaten fällt.

In England rächt sich die sorglose Politik von Stadtbehörden, Neubausiedlungen in ungeschützten Flussniederungen und Auen zu genehmigen. Nach einem von der Regierung vorbereiteten „Grünpapier“ zum britischen Immobilienmarkt leben 10 Prozent der englischen Bevölkerung in Gebieten, die von Überflutungen bedroht sind. Skeptiker fürchten, dass die Planung, weitere Wohnviertel in Niederungen wie dem Thames Valley zu bauen, die Notsituation vieler Haushalte künftig noch verschärfen wird.

Wohnungsneubau hat für Brown Priorität

„In England liegen viele Städte wie York in Flussniederungen, weil sich die Römer dort ansiedelten“, sagte die Wohnungsbauministerin Yvette Cooper am Montag. Dort könne der Wohnungsneubau nicht unterbunden werden. Kritiker werfen der Regierung jedoch vor, nie ausreichend in Schutzmaßnahmen gegen Überflutungen investiert zu haben, vor allem nicht angesichts des sich wandelnden Klimas und der in Großbritannien erwarteten stärkeren Regenfälle in Zukunft. Die Leiterin des Umweltministeriums, Baroness Young, sagt, jährlich seien mindestens 1 Milliarde Pfund Investitionen erforderlich, um die Schutzvorrichtungen gegen Überschwemmungen zu stärken.

Premierminister Gordon Brown betonte am Montag bei Besuch der überfluteten Regionen, die Umweltbehörden müssten bei den künftigen Bauplanungen stärker eingebunden werden. Doch die Konsequenz, Bauvorhaben in Flussnähe und in Flussniederungen einzuschränken, widerspräche seiner jüngsten Politik: Brown hat den Wohnungsneubau zu einem zentralen Thema seiner Politik auserkoren. Bis zum Jahr 2020 will die britische Regierung 3 Millionen neue Familienhäuser bauen, jährlich etwa 240.000 Stück; und es sollen möglichst billige Eigenheime auf billigem Bauland sein - dazu gehören vor allem Flussniederungen.

Schere zwischen Nachfrage und Angebot öffnet sich

In den vergangenen Jahren haben mangelnde Investitionen in die Erschließung von Bauland und in die Infrastruktur sowie mangelnder Wohnungsbau zu einer ernsten Wohnungskrise in Großbritannien geführt. Die Hauspreise haben sich in England seit 1997 verdreifacht. Die Schere zwischen einer rasant wachsenden Nachfrage nach Wohnungseigentum und wenig neuen Bauvorhaben ist immer weiter auseinander gegangen.

Geschiedene, Alleinstehende, Einwanderer, ältere Leute und junge Berufstätige, die sich das erste Mal Wohnungseigentum zulegen wollen, suchen nach preisgünstigen Immobilien. Doch neue Häuser sind kaum noch erschwinglich: In 70 Prozent der britischen Städte kann sich ein Lehrer kein durchschnittliches Haus mehr leisten, warnt die Hypothekenbank Halifax.

Diesem Mittelstand will Brown helfen, in dem besonders preisgünstige Häuser und Sozialwohnungen errichtet und neue Finanzprodukte ausgetüftelt werden, die Käufern die Aufnahme von langfristig günstigen Festzins-Darlehen für den Hauskauf ermöglichen. Im vergangenen Jahr wurden gerade einmal 167.000 neue Eigenheime gebaut - weit weniger, als Brown mit 240.000 im Jahr für notwendig hält, um die Krise zu bewältigen.

Anreize für lokale Stadtbehörden

Die Crux ist jedoch, dass sich die lokalen Stadtbehörden und Lokalpolitiker gegen die Erschließung von Bauland wehren, da Neubauten in ihrer Wählergemeinde unpopulär sind. Gleichzeitig halten sich die Politiker - und zwar auch Brown - an die Politik, die an Städte angrenzenden Grünflächen und Bauernlandschaften nicht zu zersiedeln. In den Stadtzentren werden daher zwar Wohnblocks mit kleinen Eigentumswohnungen für die Vermietung hochgezogen. Aber es fehlt an Neubauten am Stadtrand, die es Familien erlauben würden, raus ins Grüne zu ziehen. Die Hauspreise in den Städten steigen daher so dramatisch an, dass die Bank von England die Inflationsgefahr des Immobilienmarktes bereits mit mehreren Zinserhöhungen zu drosseln suchte.

Brown will die lokalen Stadtbehörden nun über Anreize drängen, mehr Bauland freizugeben. Die Behörden jedoch schieben den schwarzen Peter zurück und fordern von der Regierung, mehr in Straßen und Schulen zu investieren, damit sich in den neuen Siedlungen überhaupt leben lasse.

Quelle: F.A.Z., 24.07.2007, Nr. 169 / Seite 11
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