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Energiewirtschaft Ein Einkaufskartell für den Strommarkt

01.11.2006 ·  Industrie und Energieversorger verhandeln über ein neues Modell der Energielieferung. Danach sollen sich Unternehmen zu Einkaufskonsortien zusammenschließen. Diese sollen dann weniger für den Strom zahlen. Wie wenig, ist noch strittig.

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Industrie und Energieversorger erwägen ein neues Modell, das die Stromkosten für viele Industrieunternehmen deutlich und nachhaltig senken könnte. Große und mittelständische Industrieunternehmen mit hoher Stromnachfrage sollen sich dazu künftig zu Einkaufskonsortien zusammenschließen, um so dauerhaft Elektrizität zu niedrigeren Preisen zu beziehen. Dieses Kartell soll dann künftig mit den einzelnen Stromkonzernen über Preis und Menge verhandeln.

Das ist der Kern eines Modells, das der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) derzeit mit den vier großen Energiekonzernen berät. Er erwarte, daß man sich bis zum Jahresende einigen werde, sagte der Vorsitzende des BDI-Energieausschusses, Gernot Schäfer, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Dienstag in Berlin. Dabei könnten die Preise um mindestens 10 bis 20 Prozent unter dem aktuellen Börsenpreis liegen, hofft Schäfer. Andere Beteiligte nannten den Ausgang der Gespräche, die in der kommenden Woche fortgesetzt werden sollen, „völlig offen“. In Kreisen der Energiewirtschaft wurde Skepsis laut. Die Konzerne stehen nicht nur unter dem Druck der Industrie, die Preise zu reduzieren, sondern auch unter dem der Politik, die die Energiekosten zunehmend für ein Standortrisiko hält. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will deshalb das Kartellgesetz ändern.

Französische Lösung nicht umsetzbar

Die schon lange über die Strom- und Energiekosten klagenden Industrieunternehmen verbinden mit dem Modell die Hoffnung, im internationalen Wettbewerb nicht schlechtergestellt zu werden, als zum Beispiel Unternehmen aus Frankreich. Die dortige Lösung, nach der der staatliche Stromversorger EDF der Industrie Vorzugspreise einräumt, hatte die Runde aber schon als in Deutschland nicht umsetzbar verworfen. Zu dem von BDI-Präsident Jürgen Thumann einberufenen Kreis gehören Vertreter von Thyssen, Bayer, BASF, dem mittelständischen Unternehmen Schäfer-Kalk sowie der Energiekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und ENBW.

Nach dem BDI-Modell würde das Einkaufskonsortium ausschließlich für Unternehmen des produzierenden Gewerbes geöffnet. Die damit zu bewegende Strommenge wäre gewaltig. Sie könnte bis zu einem Siebtel des von deutschen Industrieunternehmen nachgefragten Stroms ausmachen. Bei einem Volumen von mehr als 15 Prozent des relevanten Marktes würde gegen EU-Kartellregeln verstoßen. Das Bundeskartellamt sei über die Pläne informiert, heißt es im BDI.

Strom darf nur für den Endverbrauch benutzt werden

Teilnahmeberechtigt an dem Konsortium, das auch mehrere Unterkonsortien für kleine und mittelgroße Unternehmen bilden könnte, wären Unternehmen mit einem Stromkostenanteil von mindestens 15 Prozent der Bruttowertschöpfung. Das entspricht dem Härtefallkriterium im Gesetz für Erneuerbare Energien (EEG). In einer zweiten Stufe könnte diese Zugangsschwelle auf 10 Prozent reduziert werden. Damit könnten sich Unternehmen mit einem niedrigeren Verbrauch zusammenschließen und ihre Nachfrage bündeln.

Sichergestellt werden soll, daß die vom Kartell eingekaufte Strommenge nur für den Endverbrauch verwandt wird. Damit soll den Elektrizitätserzeugern die Sorge genommen werden, das Konsortium könnte später als Händler an der Börse auftreten und ihnen Konkurrenz machen. Unklar ist, ob die vom Konsortium abzuschließenden Verträge länger als 15 Jahre laufen dürfen.

Preisbildung nach Angebot und Nachfrage?

Das Konsortium soll dann die zu beziehende Strommenge ausschreiben und darüber bilateral mit den Erzeugern verhandeln. Preissenkend könnte dabei nach Einschätzung des BDI wirken, daß die Unternehmen große Mengen Strom abnähmen oder auch eine kurzfristige Unterbrechung bei Lieferengpässen akzeptierten. Ähnliche Klauseln gibt es heute schon in vielen Lieferverträgen der Stromwirtschaft mit Großabnehmern. Die Konzerne gewähren dafür dann einen Preisnachlaß.

In Kreisen der Energiewirtschaft wird das Modell insgesamt noch skeptisch gesehen. Viele Fragen seien ungeklärt. Die Nachfrager halten einen Preis von etwa 35 Euro je Megawattstunde (MW) im internationalen Vergleich für „wettbewerbsfähig“. Am Dienstag wurden an der Leipziger Strombörse allerdings 56,41 Euro je MW Lieferung 2007 gezahlt. Deshalb wollen die Stromkonzerne auch auf jeden Fall an einer Preisbildung festhalten, die sich durch Angebot und Nachfrage ergebe, heißt es in einem BDI-Memorandum. Der Vorsitzende des Energieausschusses machte deutlich, er erwarte Strompreise, „die deutlich näher an den Produktionskosten liegen als am Börsenkurs“. In der Strombranche wird der durch Angebot und Nachfrage an der Börse erzielte Preis dagegen als der relevante Preis angesehen.

Quelle: ami., F.A.Z., 01.11.2006, Nr. 254 / Seite 13
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