http://www.faz.net/-gqe-7hhe7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.09.2013, 08:23 Uhr

Energiewende Ökostrom gefährdet Klimaziel

Die Energiewende wird zur Umverteilungsmaschine. Die Förderung läuft aus dem Ruder. Es gibt viel mehr Grünstrom als geplant. Die Preise für Emissionszertifikate verfallen. Kohle erlebt eine Renaissance. Und die Welt stößt mehr CO2 aus als jemals zuvor.

von
© dapd Strom für Deutschland: Arbeit an einer neuen Hochspannungsleitung

Der Strompreis spaltet Deutschland. Die Mehrheit der Bevölkerung fürchtet weiter steigende Energiepreise. Aber das kümmert die wachsende Schar von Profiteuren der Energiewende nicht. Denn wer mit einem Windrad, einer Solar- oder Biogasanlage auf das Subventionskarussell aufgesprungen ist, versorgt sich selbst mit Strom und kann obendrein so viel Strom produzieren, wie er möchte, weil Ökostrom im Netz immer Vorrang hat und auch noch zum Vorzugspreis abgenommen wird. Da man in Deutschland sich nur so vor ständig steigenden Strompreisen schützen kann, schrumpft die Zahl der „normalen“ Stromverbraucher, die als Mieter oder Gewerbetreibende für den Förderwahn aufkommen müssen.

Holger Steltzner Folgen:

Die Kosten für die Energiewende bezifferte Umweltminister Peter Altmaier im Gespräch mit dieser Zeitung auf eine Billion Euro. Das ist die Hälfte der deutschen Staatsschulden. Kein Wunder, dass Angela Merkel eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ihr dringendstes Vorhaben nennt – sollte sie Bundeskanzlerin bleiben. Sie will „den rasanten Anstieg“ der EEG-Umlage begrenzen. Das hat Merkel schon einmal versprochen – aber nicht gehalten. Vor zwei Jahren kündigte sie in ihrer Regierungserklärung nach der Atomkatastrophe in Japan an: „Die EEG-Umlage soll nicht über ihre heutige Größenordnung hinaus steigen; heute liegt sie bei etwa 3,5 Cent je Kilowattstunde.“

Gut ein Jahr später stand die Anhebung auf 5,3 Cent an, und man unkte, Merkel müsse bei ihrem Versprechen wohl ein Zahlendreher unterlaufen sein. Heute, da die nächste Anhebung auf rund 7 Cent bevorsteht, macht keiner mehr Witze. Denn damit wird allein die EEG-Umlage doppelt so teuer wie das Gut Strom, das an der Börse zu weniger als 4 Cent gehandelt wird. Für Otto Normalverbraucher kommen in der Ökoplanwirtschaft noch Stromsteuer, Mehrwertsteuer, Konzessionsabgabe, Kraft-Wärme-Kopplungs-Aufschlag und die Kosten für Stromerzeugung sowie Transport und Vertrieb hinzu, so dass der Stromkunde am Ende bis zu 30 Cent je Kilowattstunde zahlt.

Mehr deutscher Grünstrom als geplant

Weil die Förderung des Ökostroms völlig aus dem Ruder läuft, wird die Energiewende zu einer gigantischen Umverteilung. Durch ein Windrad erzielt ein kleiner Acker an der Küste eine jährliche Pacht von 30.000 Euro, während in der Pension daneben der Rotorlärm die Gäste vertreibt. Auf dem Land verdienen Hausbesitzer mit ihren Solardächern glänzend, zahlen tun dafür die Mieter in den Städten. Für die Umverteilung von unten nach oben stehen auch die riesigen Solarparks in Bayern. Großzügig gerechnet, bekommt Bayern das Geld, was es in den Länderfinanzausgleich einzahlt, über den EEG-Solarausgleich von Nordrhein-Westfalen zurückerstattet.

Das EEG ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Staatseingriff in den Markt den nächsten nach sich zieht. Weil durch den zu schnellen Ausbau von Solar- und Windanlagen das Stromnetz an sonnigen und windigen Sommertagen die Last nicht tragen kann, bekommen Solar- und Windparkbetreiber Geld vom Staat fürs Nichtstun, für das Abklemmen vom Netz. Wenn der im Überfluss produzierte deutsche Ökostrom ins polnische oder holländische Stromnetz drückt, zahlen wir mit negativen Strompreisen dafür. Polen will sich künftig mit technischen Barrieren (Phasenschiebern) gegen unerwünschten deutschen Windstrom wehren. Was bleibt da vom europäischen Binnenmarkt? Man stelle sich vor, Frankreich sperrte im Verkehrswesen die Autobahnbrücke über den Rhein, weil in der Urlaubszeit zu viele deutsche Autos darüber rollen. Im Energiebereich ist das die Antwort unserer Nachbarn auf die deutsche Energiewende, die in ganz Europa die Strompreise grotesk verzerrt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Investoren verwirrt Rätselhafte Energiepolitik

Wie viel Geld muss ein Betrieb für Strom zahlen? Auf diese Frage brauchen Betriebe auf Standortsuche eine Antwort. In Wiesbaden ist sie kaum zu finden. Mehr Von Thorsten Winter, Wiesbaden

17.05.2016, 18:40 Uhr | Rhein-Main
Nächster Halt Phoenix Solar Impulse 2 setzt Weltreise fort

Die Weltumrundung von Solar Impulse 2 geht weiter. Das Solarflugzeug ist von einem kleinen Flughafen in der Nähe von San Francisco abgehoben – nächstes Ziel ist Phoenix in Arizona, mehr als 1100 Kilometer entfernt. Mehr

02.05.2016, 17:05 Uhr | Gesellschaft
Erneuerbare-Energien-Gesetz Gegenwind für EEG-Reform

Die Windkraftbranche, Kommunen, Umweltschützer und Hessens Wirtschaftsminister Al-Wazir sehen die Energiewende bedroht. Berlin bevorzuge Konzerne, lautet ein Vorwurf. Mehr Von Ralf Euler, Wiesbaden

10.05.2016, 12:03 Uhr | Rhein-Main
Braunkohle Umweltaktivisten besetzen Gleise in der Lausitz

Mit Gleisbesetzungen haben Umweltschützer in der Lausitz ihre Protestaktion für einen sofortigen Ausstieg aus der Braunkohle fortgesetzt. Nach Angaben des Aktionsbündnisses Ende Gelände beteiligen sich mehr als 2000 Personen an einer Blockade des Kohle-Kraftwerks Schwarzen Pumpe. Dem Betreiber Vattenfall zufolge sollen einige Demonstranten gewaltsam auf das Betriebsgelände vorgedrungen sein. Mehr

16.05.2016, 20:11 Uhr | Gesellschaft
Milch-Test Die Milch macht’s!

Milch ist so billig wie nie. Aber welche schmeckt am besten? Und welche ist am gesündesten? Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat Milch getestet – und Überraschendes herausgefunden. Mehr Von Sebastian Balzter, Sharon Exeler und Nora Nagel

23.05.2016, 11:31 Uhr | Finanzen

Schweizer Wäsche

Von Johannes Ritter

Eine Tessiner Privatbank wird aufgelöst, weil sie einem korrupten malaysischen Staatsfonds bei der Geldwäsche geholfen hat. Richtig so. Mehr 1 2


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Nachteile für Migranten Viele Türken in Deutschland sind arm

Weniger Einkommen, weniger Wohnraum, weniger Bildung: Die Lebensverhältnisse vieler Migranten sind schwierig – auffällig stark gilt das für Bürger türkischer Herkunft. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin 100 142

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“