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Veröffentlicht: 19.09.2013, 08:17 Uhr

Energiewende Keine Spur vom grünen Beschäftigungswunder

Mit der Energiewende sind große Hoffnungen auf neue Arbeitsplätze verbunden. Doch bislang stehen die erneuerbaren Energien nicht einmal für ein Prozent aller Erwerbstätigen.

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© ZB Einbruch: In der Solarindustrie sind 40 Prozent der Stellen weggefallen

Die Förderung von Umweltschutz und erneuerbaren Energien in Deutschland waren von Anfang an mit großen Erwartungen für den Arbeitsmarkt verbunden. Politiker und Lobbyisten versprachen ein wahres Beschäftigungswunder durch die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft, vor allem der Industrie, auf mehr Nachhaltigkeit. Im derzeitigen Wahlkampf stellen die Grünen durch einen grünen Wandel in der Wirtschaft eine Million neuer Arbeitsplätze bis 2025 ins Schaufenster. Auch die SPD lockt mit dem Versprechen auf mehr Beschäftigung. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die als Mitglied im Schattenkabinett des SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel im Falle eines Wahlsieges die Energiewende in Hessen koordinieren soll, hält einen Beschäftigungszuwachs durch die erneuerbaren Energien von 100.000 Stellen bis zum Ende des Jahrzehnts für möglich – ein Bereich, den der Stromkunde mit dreistelligen Milliardensummen subventioniert.

Sven Astheimer Folgen:

Es gibt jedoch auch skeptische Stimmen aus der Wissenschaft. Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn warnt in einer Studie, über die diese Zeitung als erste berichtet hat, vor überzogenen Erwartungen an einen ökologischen Umbau der Wirtschaft. „Ich glaube nicht, dass Green Jobs auf absehbare Zeit für ein Beschäftigungswunder sorgen werden“, sagt Autor Nico Pestel. Er kritisiert vor allem, dass es weder einen brauchbaren internationalen Standard für grüne Beschäftigung gibt noch eine solide Datenbasis, mit der Beschäftigungserfolge nachvollzogen werden können.

Zwei Millionen Erwerbstätige im Umweltschutz

In der Tat ist umstritten, was als „grüne Beschäftigung“ gilt. Zählt dazu im engeren Sinne nur das Produzierende Gewerbe, etwa die Hersteller von Photovoltaik- und Windkraftanlagen, oder auch Dienstleister und Zulieferer sowie Handwerker? Und ist der Heizungsinstallateur nun ein „grüner Beschäftigter“, weil er auch die Sonnenkollektoren auf das Dach montiert? Oder hat er lediglich sein Geschäftsfeld erweitert, dafür vielleicht andere aufgegeben? Gleiches gilt für den Malermeister, der nun Häuser dämmt.

Nach einer internationalen, sehr weitreichenden Definition arbeiteten 2008 rund 2 Millionen Menschen in Deutschland im „Umweltschutz“, wie aus der IZA-Studie hervorgeht. Davon entfiel jedoch weit mehr als die Hälfte auf „Personalaufwendungen und umweltorientierte Dienstleistungen“, wozu Architekten, Gartenlandschaftsbauer und der öffentliche Personennahverkehr zählen. Von einem Beschäftigungszuwachs kann in diesen Fällen nicht gesprochen werden, da diese Arbeitsplätze schon existieren.

Immer weniger Arbeitsplätze in der Solarwirtschaft

Für ein echtes Beschäftigungsplus muss deshalb der Blick auf die erneuerbaren Energien gerichtet werden. Weil diese jedoch kein eigener Wirtschaftszweig sind, gibt es auch keine zusammenfassenden Beschäftigungsdaten, heißt es dazu aus dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Nur einzelne Bereiche werden bislang akribisch gezählt, zum Beispiel die Solarproduktion. Die Daten dazu, die dieser Zeitung vorliegen, haben es in sich. Demnach ist die Zahl der Beschäftigten in der Herstellung von Solarzellen und Solarmodulen innerhalb eines Jahres um 41,5 Prozent auf nur noch 5828 in der ersten Hälfte dieses Jahres gesunken. Erfasst werden Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern, von denen es nur noch 21 in ganz Deutschland gab. Einige der jüngsten Insolvenzen im Zuge des harten Preiswettbewerbes vor allem mit asiatischen Anbietern sind in der Statistik noch gar nicht enthalten. Zusammen mit den knapp 690 Mitarbeitern (minus 17 Prozent) bei Produzenten von Solarwärmekollektoren waren damit von Januar bis Juni weniger als 7000 Menschen bei größeren Herstellern beschäftigt – Tendenz fallend. Für Branchenvertreter sind dies alarmierende Signale.

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Man könne die Zahlen „nicht bestätigen oder nachvollziehen“, antwortet der Bundesverband der Solarwirtschaft auf eine Anfrage dieser Zeitung und verweist auf Berechnungen des Forschungsinstituts Prognos, das für das Jahr 2011 noch von 22.000 Vollzeitarbeitsplätzen in der Photovoltaikproduktion ausging. „Diese Zahl dürfte sich nach unseren Schätzungen inzwischen beinahe halbiert haben“, räumt der Verband zwar ein, weist allerdings auf besagte Wertschöpfungsketten aus Handwerkern, Zulieferern und Distributoren (Großhändler, Projektierer) hin. Die Lobby schlägt diese Arbeitsplätze hinzu und kommt für das Jahr 2012 noch auf rund 100.000 Arbeitsplätze in Deutschland, die durch die Photovoltaik-Technologie „geschaffen und gesichert“ würden. In diesem Jahr dürften es jedoch deutlich weniger sein.

Kein „grünes Beschäftigungswunder“ in Sicht

Dagegen liegen für die Windkraft gar keine gesicherten Beschäftigtenstatistiken vor. Der Bundesverband Windenergie weist deshalb auf Berechnungen und Umfragen im Auftrag des Bundesumweltministeriums hin. Demnach waren im Jahr 2012 knapp 378.000 Personen durch die Nutzung erneuerbarer Energien beschäftigt. Mit einem Minus von 4000 ergab sich erstmals ein Rückgang seit 2006. Zu den erwähnten rund 100.000 Beschäftigten durch Solarenergie kommen jene durch Biomasse (128.900), Windkraft (117.900), Geothermie (13.900), Wasserkraft (7200) und geförderte Forschung/Verwaltung (9400). Insgesamt entsprach dies weniger als einem Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Ein „grünes Beschäftigungswunder“ lässt sich daraus kaum ableiten.

Schließlich wirft Arbeitsmarktforscher Pestel noch die wichtige Frage auf, ob aus diesem errechneten Bruttozuwachs am Ende ein Netto-Beschäftigungsanstieg wird. Oder – mit anderen Worten – inwieweit „der grüne Wirtschaftswandel nicht-grüne Arbeitsplätze gefährdet“. Diese Zahlen zu erheben dürfte allerdings auch gestandene Statistiker an ihre Grenzen führen.

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