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Energieversorgung : Asiens Wiederentdeckung der Atomkraft

Baustelle des Atomkraftwerks Sanmen im Osten Chinas im Sommer 2009 Bild: ASSOCIATED PRESS

Viele asiatische Länder setzen auf Kernkraft, um ihr Wirtschaftswachstum zu stützen. Indien braucht den Atomstrom so dringend wie kein anderes Land. In China befinden sich über 25 Kernkraftwerke im Bau.

          Für die Nuklearindustrie kommt der Reaktorunfall in Japan zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn bis zum Unfall in Fukushima erlebte die Atomenergie in Asien eine Renaissance. Der Nordosten der Region – Japan, China und Südkorea – setzt stark auf die nukleare Energie, Indien sucht seit Monaten mit Kraft deren Ausbau. Nun nähern sich auch die Regierungen Südostasiens der Atomenergie rasch an. Dabei zeigten die Menschen Asiens höchstens örtlich Widerstand gegen die Pläne – eine breite Anti-Atombewegung wie in Amerika oder Europa gibt es in Asien nicht. Wohl aber den Bedarf für eine deutlich bessere Stromversorgung. „Es gibt ein massives Potential für Nuklearenergie in der Region“, frohlockte Kenji Uenishi, Asien-Chef des Anlagenlieferanten Generel Electric Energy vergangenes Jahr.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Yukiya Amano, Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien, rechnet damit, dass bis 2030 zwischen 10 und 25 weitere Länder in die friedliche Nutzung der Kernenergie einsteigen werden. Hinter dem Interesse an Atomenergie steht die Notwendigkeit, das rasche Wirtschaftswachstum abzusichern. Dabei ist die Region zu weiten Teilen erdbebengefährdet, ihre öffentliche Versorgung funktioniert oft nur schlecht. Doch schätzt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB), dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Energie in Asien 2030 rund 50 Prozent über demjenigen von 2005 liegen werde. Allein der Verbrauch der Entwicklungsländer der Region werde jährlich im Durchschnitt um 2,7 Prozent zulegen.

          Indien braucht Atomstrom so dringend wie kein anderes Land

          Deutlich schneller steigt der Prognose nach allerdings der Verbrauch an Atomstrom: „Die Nuklearenergie wird bis 2030 um durchschnittlich 5,1 Prozent jährlich wachsen – die schnellste Wachstumsrate einer Energiequelle in Asien“, heißt es bei der ADB. Zwischen 2005 und 2015 werde der Verbrauch von Atomstrom in Asien sogar um jährlich 5,5 Prozent zulegen. „Der Löwenanteil des Wachstums wird aus China stammen.“ Die Volksrepublik hat 13 Atomkraftwerke in Betrieb, mehr als 25 befinden sich im Bau. Bis 2020 soll sich die Leistung des chinesischen Atomprogramms auf mindestens 80 Gigawatt verzehnfachen, im Jahr 2050 soll sie bei 400 Gigawatt liegen. Stand die Atomenergie 2005 in Asien bei einem Wert von knapp 148 Millionen Tonnen Öläquivalent (MTOE), werde sich ihr Wert bis 2030 insgesamt auf 508,8 Millionen Tonnen erhöht haben, schätzte die ADB.

          In der völlig unterentwickelten Militärdiktatur Burma (Myanmar) wollen die Generäle angeblich mit russischer Hilfe ein Atomprogramm schmieden – was weltweit mit großem Misstrauen verfolgt wird. Kaum ein Land braucht den Atomstrom wohl so dringend wie Indien. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes von rund 9 Prozent jährlich ist schon jetzt gedeckelt durch den Mangel auch an Energie. Stromausfälle prägen die Produktion in allen Teilen Volkswirtschaft.

          Viele infrastruktur-schwache Länder wollen Atomprogramme beschließen

          Der jüngste Spieler ist nun Südostasien. Bislang betreiben die Südostasiaten kein einziges Atomkraftwerk – auch wenn es erste Überlegungen zum Einstieg auf den Philippinen und in Thailand schon Mitte der sechziger Jahre gab. Unter dem Dach des Staatenbundes Asean hat sich eine Beratungsgruppe zum Ausbau der Nuklearenergie (Asean Nuclear Energy Cooperation Sub Sector Network) gebildet. Sie hatte ihr erstes Treffen Mitte Februar in Singapur. Malaysia hat inzwischen eine Beratungskommission gebildet, die dazu führen könnte, dass 2021 das erste Atomkraftwerk auf der Halbinsel gebaut werden sollte. Es gibt Überlegungen für ein gemeinsames Werk mit dem benachbarten Singapur.

          Der Druck, unter dem die Politik der infrastruktur-schwachen Länder steht, zeigt sich am Beispiel der Philippinen: Präsident Benigno Aquino ließ vor der Katastrophe in Japan durchblicken, dass er vor dem Ende seiner Amtszeit 2016 ein Atomprogramm verabschieden wolle. Zuvor hatten die Wirtschaftsvertretungen praktisch aller westlichen Länder auf den Bau von Atomkraftwerken gedrängt. Nun prüft auch Thailand den Bau ab dem Jahr 2020. Vietnam ist weiter vorangeschritten: Mit russischer Hilfe soll bis 2014 das erste Atomkraftwerk gebaut werden, 2020 wollen die Vietnamesen acht Atomfabriken betreiben. Die größte Volkswirtschaft der Region, das stark erdbebengefährdeten Inselreich Indonesien, hat im Oktober ein Abkommen für den Bau von zwei Atommeilern unterzeichnet.

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