01.09.2007 · Die Strompreise ziehen weiter an. Jetzt haben gleich 42 Anbieter ihre Tarife im Schnitt um sieben Prozent erhöht. Wer vom Grundversorger zum billigsten Anbieter wechselt, kann je nach Region viel Geld sparen. Im brandenburgischen Eberswalde sind es sogar 300 Euro.
Von Holger SchmidtDie Preisspirale auf dem deutschen Strommarkt dreht sich weiter. Zum 1. September haben 42 Anbieter ihre Tarife um durchschnittlich 7,3 Prozent angehoben, wie das Verbraucherportal Verivox.de errechnet hat. Dazu gehören die regionalen Versorger in Würzburg, Passau, Cottbus, Kassel, Magdeburg, Aschaffenburg und Fulda. Insgesamt haben bislang 223 der rund 850 Energieunternehmen in Deutschland den Wegfall der Genehmigungspflicht für Endkundentarife seit dem 1. Juli für Preiserhöhungen genutzt.
Immer mehr Verbraucher reagieren auf die stetig steigenden Preise mit einem Wechsel ihres Lieferanten. „Im ersten Halbjahr 2007 haben rund 520.000 Haushaltskunden den Stromanbieter gewechselt. Ich rechne damit, dass sich bei den Haushaltskunden die Zahl der Wechsel in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr mindestens verdoppeln wird“, sagte Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur in Bonn. Nach einer Umfrage des Verbands der Elektrizitätswirtschaft haben 7,3 Prozent der privaten Haushalte seit 1999 ihren Stromversorger gewechselt. Besonders hoch ist die Wechselbereitschaft bei Menschen von 60 Jahren und älter. Ein Fünftel der Wechsler hat einem Öko-Stromanbieter den Vorzug gegeben.
„Sensibilität für Energiekosten gestiegen“
Die Störfälle in einigen Atomkraftwerken und der Preisschub im Sommer haben die Wechselwilligkeit spürbar erhöht. „Seit Juni erleben wir ein nie zuvor dagewesenes Interesse der Verbraucher am Anbieterwechsel. Die Sensibilität der Verbraucher für ihre Energiekosten ist deutlich gestiegen“, sagt Verivox-Energiefachmann Peter Reese. Seiner Meinung nach haben viele Energiekonzerne den Fehler gemacht, Gewinnsteigerungen und Preisanhebungen gleichzeitig zu veröffentlichen, was viele Verbraucher zum Handeln veranlasst hätte. Zudem haben Politiker und Verbraucherschützer in den vergangenen Wochen wiederholt zum Wechsel aufgerufen, um den Wettbewerb in Schwung zu bringen.
Entscheidendes Kriterium für einen neuen Versorger ist der Preis. Durchschnittshaushalte mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden im Jahr können mit einem Wechsel aus ihrem Grundversorgungstarif zum billigsten Anbieter knapp 300 Euro im Jahr sparen. Besonders hoch ist das Sparpotential in den Hochpreisregionen im Osten Deutschlands und in einigen Regionen Baden-Württembergs, während die Bayern ihre Stromrechnung kaum senken können.
Großstädter sind aktivere Wechsler
„Grundsätzlich sind Großstadtbewohner aktivere Wechsler als Landbewohner. In Sachsen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin sind besonders viele Wechsel zu beobachten“, sagt Reese. In den Großstädten können Haushalte bei einer Unterschrift beim derzeit günstigsten Anbieter ohne Vorauszahlung, der Teldafax Energy GmbH, zwischen 108 Euro in Dortmund und 171 Euro in Stuttgart sparen. Den größten Profit können die Bewohner von Eberswalde ziehen, deren Stromrechung um 292 Euro im Jahr sinken kann.
Dennoch bleibt die Mehrheit ihrem bisherigen Versorger treu. Nur 10 Prozent der Haushalte plant einen Versorgerwechsel in den kommenden zwei Jahren, wie eine Umfrage der Unternehmensberater von IBM und der Universität Bonn ergeben hat. 46 Prozent der Befragten ist der Wechsel zu kompliziert. Weitere 18 Prozent halten die Angebote anderer Anbieter nicht für günstiger, obwohl drei Viertel der Befragten nicht wussten, wieviel Strom sie verbrauchen und wie sich ihre Stromrechnung zusammensetzt.
Transparente Tarifmodelle gewünscht
Die Verbraucher wünschen sich zudem einfache und transparente Tarifmodelle und äußerten viel Sympathie für die Nutzung energieintensiver Geräte wie Waschmaschine, Trockner oder Spülmaschine in den späten Abendstunden, wenn sie von einem günstigeren Nachttarif profitieren. Eine stündliche Preisdifferenzierung, die hohe Tarife in Zeiten mit hohem Verbrauch und günstige Tarife in den Tageszeiten mit geringem Verbrauch vorsieht, lehnten die befragten Verbraucher klar ab.