http://www.faz.net/-gqe-6ukh3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.10.2011, 17:52 Uhr

Energiepreise Klimaschutz verdoppelt Kosten für Haushalte

Die europäischen Verbraucher müssen sich in den kommenden Jahren auf deutlich höhere Energiepreise einstellen. Ein internes EU-Papier geht von einer Verdoppelung bis 2030 aus. Doch die Annahmen der Szenarien sind zweifelhaft.

von , Brüssel
© ZB Mehr Energie: Die Haushalte werden künftig mehr Geld für Strom und Heizen ausgeben

Die europäischen Verbraucher müssen sich in den kommenden Jahren auf deutlich höhere Energiepreise einstellen. Die Ausgaben der privaten Haushalte für Energie werden sich bis 2030 voraussichtlich verdoppeln. Dies geht aus einem internen Entwurf für ein Strategiepapier zur EU-Energiepolitik bis 2050 hervor, das der zuständige Kommissar Günther Oettinger bis Ende des Jahres offiziell vorstellen will.

Hendrik  Kafsack Folgen:

Derzeit wenden die Haushalte 7 bis 8 Prozent ihres Einkommens für die Energieversorgung auf. Nach dem Papier werden es bis 2030 bis zu 15 Prozent und 2050 bis zu 16 Prozent sein. Darin sind auch die Kosten für die bessere Isolierung von Gebäuden und für die Anschaffung effizientere Fahrzeuge enthalten, die nötig sind, um die Energieeffizienzziele der EU zu erfüllen. Der Strompreis wird bis 2030 inflationsbereinigt bis zu 50 Prozent steigen, anschließend aber leicht sinken.

Gemeinsames Klimaschutzabkommen

Wie stark die Kosten steigen, hängt auch davon ab, inwieweit die EU künftig auf erneuerbare Energiequellen setzt und ihren Energieverbrauch senkt. Die EU-Kommission hat dazu sieben verschiedene Szenarien analysiert - nicht aber, wie sich die Energiekosten entwickeln würden, wenn die EU ihre globale Vorreiterrolle im Kampf gegen den Klimawandel aufgeben würde.

Mehr zum Thema

Vielmehr basiert die Analyse auf der Annahme, dass sich die Staaten der Welt doch noch auf ein gemeinsames Klimaschutzabkommen einigen. Am stärksten wird der Preis demnach bis 2030 ansteigen, wenn die EU sich weitgehend aus der Kernenergie verabschiedet und keine neuen Atomkraftwerke mehr baut. Der Anteil der Kernenergie an der Energieerzeugung sänke dann bis 2050 auf 2,5 Prozent. 65 Prozent entfielen auf erneuerbare Quellen und 33 Prozent auf fossile Brennstoffe.

Viele Variablen in den Berechnungen

Ähnlich stark steigt der Preis, wenn die EU die erneuerbaren Energiequellen besonders fördert. In diesem Szenario würden 83 Prozent der in der EU erzeugten Energie aus diesen Quellen gewonnen, allein 49 Prozent aus Windkraft. Der Anteil von Atomenergie sänke auf 3,5 Prozent, derjenige fossiler Brennstoffe auf unter 10 Prozent. Etwas geringer steigt der Preis, wenn die EU auf die noch nicht marktreife und stark umstrittene Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) setzte.

Bis 2050 würde der Strompreis in den meisten Szenarien leicht sinken. Nur bei der starken Förderung der erneuerbaren Energie stiege er weiter an. Allerdings basiert das auf der nach Ansicht von Fachleuten zweifelhaften Annahme, dass die aus erneuerbaren Quellen erzeugte Energie nur ineffizient gespeichert werden kann und dass mit Atomkraft und mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke mit geringer Auslastung (20 bis 50 Prozent) betrieben werden. Das treibt die Stromkosten künstlich nach oben.

Infrastrukturinvestitionen führen auch zu Anstieg

In allen anderen Szenarien liegt die Auslastung zwischen 40 und 90 Prozent. Am günstigen wäre es nach der Analyse langfristig, wenn keine Technologie bevorzugt wird und die EU sowohl CCS als auch die Kernenergie weiter nutzt. Die Atomkraft machte dann 2050 16 Prozent der Energieerzeugung aus, die erneuerbaren Energien 59 Prozent und fossile Brennstoffe 25 Prozent. Auch in diesem Szenario läge der Strompreis 2050 aber noch ein Drittel höher als heute.

Grund für den Preisanstieg sind nicht zuletzt die Infrastrukturinvestitionen, um das Stromnetz zu modernisieren oder an den Ausbau der erneuerbaren Energie anzupassen. Die Kosten dafür hatte Oettinger schon zuvor auf allein 200 Milliarden Euro bis 2020 beziffert. Ein Teil davon dürfte allerdings auch ohne den Klimaschutz anfallen. Das EU-Energienetz ist 30 bis 40 Jahre alt und muss dringend erneuert werden. Hinzu kommen unter anderem die Kosten für die Förderung erneuerbarer Energie, die für die Erzeugung von Strom aus Gas, Öl oder Kohle nötigen Emissionsrechte sowie die Senkung des Energieverbrauchs von Gebäuden.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Klimaschutz und Energiepolitik Neubauten ohne Gas- und Ölheizung

Vom Jahr 2030 an sollen Autos ohne Benzin und Diesel fahren, alte und neue Häuser besser gedämmt und Gas- und Ölheizungen für Neubauten verboten werden. Das alles und noch viel mehr steht im Entwurf des Klimaschutzplans 2050, der der F.A.Z. vorliegt. Mehr Von Andreas Mihm, Berlin

30.06.2016, 07:04 Uhr | Wirtschaft
Kopf hoch! Straßenschilder gegen Smartphones in Südkorea

Smartphones sind in Südkorea sehr beliebt. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung besitzt ein intelligentes Handy. Das hat auch seine Auswirkungen auf den Straßenverkehr. Die Anzahl der Fußgänger-Unfälle, die Smartphones geschuldet sind, hat sich in der Hauptstadt Seoul in fünf Jahren verdoppelt. Nun sollen neue Straßenschilder die Aufmerksamkeit der Passanten zurück auf den Verkehr lenken. Mehr

24.06.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Bad Vilbel Das Wagnis hat sich gelohnt

Ökologie und Ökonomie verbinden: Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) haben verraten, was sie sich für die zweite Regierungshälfte vorgenommen haben. Mehr Von Ralf Euler

28.06.2016, 20:08 Uhr | Rhein-Main
Nach schwerem Unwetter Braunsbachs Bürgermeister fordert Hilfen vom Bund

Braunsbachs Bürgermeister Frank Harsch fordert Hilfen von Bund und Land. Nach den schweren Unwettern am Wochenende wagt er es kaum, die Kosten der Instandsetzung des Ortes zu beziffern. In der Nacht zu Montag hatte sich eine Sturzflut aus Wasser und Schlamm durch den Ort Braunsbach in Baden-Württemberg gewälzt. Mehr

01.06.2016, 09:45 Uhr | Gesellschaft
Währungsfonds IWF warnt vor dramatischen Folgen eines Brexit

Die Warnungen des Währungsfonds vor einem Brexit werden lauter. In einer neuen Analyse zeichnen die Ökonomen düstere Szenarien auf. Leidtragende wären vor allem die Briten selbst. Mehr

18.06.2016, 05:25 Uhr | Politik

Paris braucht Druck

Von Christian Schubert, Paris

Wenn die Briten aus der EU austreten, gewinnt die deutsch-französische Achse in Europa an Gewicht. Das birgt auch Konfliktpotential. Mehr 0

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 63

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden