Herr Hatakka, der beschleunigte Atomausstieg trifft in Ihrer Branche nicht gerade auf Begeisterung. Ihr größerer Konkurrent Eon fordert wegen entgangener Gewinne 8 Milliarden Euro Schadenersatz von der Bundesregierung. Was plant Vattenfall?
Wenn es für eine angemessene Entschädigung notwendig ist, dann werden auch wir Klage erheben. In jedem Fall müssen wir als Vorstände im Interesse unserer Aktionäre handeln. Auch wenn wir den beschleunigten Atomausstieg in Deutschland natürlich respektieren.
Das klingt recht ambivalent. Sind Sie für oder gegen den Atomausstieg?
Wir jammern nicht, wir machen mit! Aber wir erwarten eine faire Kompensation für den Schaden, den wir durch den Atomausstieg erleiden. Es gibt dafür auch einen Präzedenzfall im Zusammenhang mit der Schließung eines Atomkraftwerks in Schweden.
Wie schätzen Sie die Zukunft der Atomkraft ein? Wird Deutschland für seinen Ausstieg Nachahmer finden.
Jedes Land entscheidet selbst über seinen Erzeugungsmix, und es gibt große Unterschiede. Italien und die Schweiz haben sich auch gegen Kernkraft entschieden, aber das ist so nicht vergleichbar mit Deutschland. In anderen Ländern wie Finnland und Schweden, aber natürlich auch Frankreich und Großbritannien wird Kernkraft zum zukünftigen Erzeugungsmix gehören.
Aber der Mix der Energieerzeugung in Europa wird sich in den nächsten Jahren schon dramatisch verändern?
Ja, das ist schon durch den deutschen Ausstieg und die entsprechenden Planungen der Europäischen Union vorgezeichnet. Im Moment kommt rund ein Viertel der Energie in den 27 EU-Ländern aus Kernkraft, rund 55 Prozent aus fossilen Kraftwerken und etwa ein Fünftel aus erneuerbaren Energien. Die Kernkraft wird bis 2030 auf einen Anteil von 15 bis 20 Prozent zurückfallen. Aber sie wird auf jeden Fall weiterhin eine Rolle spielen. In Schweden sind neue Atomkraftwerke als Ersatz an bestehenden Standorten explizit erlaubt, um ein Beispiel zu nennen.
Energiepolitik ist ja auch Industriepolitik. Für wie verlässlich halten Sie die Rahmenbedingungen in Deutschland, unabhängig vom Atomausstieg?
Wenn man weiß, was wir rund um den Neubau des Kraftwerks Moorburg in Hamburg erlebt haben, das erst jetzt nach langem Hin und Her auf gutem Weg ist, oder wenn ich an die Anschlussprobleme mit den deutschen Offshore-Windparks denke, fällt auch diese Bilanz nicht gut aus. Glücklicherweise waren wir mit unserem Offshore-Projekt DanTysk früh dran und haben uns einen Anschluss gesichert.
Wie könnte man die Energiepolitik in Europa denn verlässlicher und einheitlicher gestalten?
Der Schlüssel dazu wäre ein funktionierender Emissionsrechtehandel. Ein neues, funktionierendes System aufzubauen käme in seiner Bedeutung der Entdeckung Amerikas gleich. Aber das ist wohl eine vergebliche Hoffnung. Eher entwickelt sich alles in die gegenteilige Richtung. Jedes Land möchte vom anderen in der Energieerzeugung unabhängig sein, in Deutschland gilt das inzwischen sogar für einzelne Bundesländer.
Wie wird sich vor diesem Hintergrund einerseits und der deutschen Energiewende andererseits denn der Strompreis entwickeln?
Die Stromrechnung für Privatkunden wird 2020 wahrscheinlich 30 Prozent höher sein als heute. Der Großhandelspreis wird allerdings nicht signifikant steigen, denn es werden ja erhebliche Erzeugungskapazitäten zusätzlich geschaffen.
Warum entkoppelt sich der Privatkundenpreis vom Großhandelspreis?
Der Grund ist ganz einfach: weil die EEG-Förderung und die Netzumlage signifikant steigen werden, um den ehrgeizigen Ausbau der Regenerativen und der Netzinfrastruktur zu finanzieren.
Und mit welcher Erzeugungsstrategie geht Vattenfall in diese Zukunft?
Unser Ziel ist CO2-Neutralität in unserer Stromerzeugung bis 2050. Wir sind heute weltweit führend in Offshore-Wind und werden weiter wachsen, hauptsächlich im Norden Europas. Onshore-Wind ist ebenfalls ein Wachstumsmarkt für uns, oder auch die Biomassemitverbrennung in Großanlagen - woran die deutsche Politik leider kein Interesse hat. Und wir wollen und werden in der Wasserkraft weiter wachsen. Aber auch die Kohle wird in der Zukunft eine wichtige Rolle in unserem Energiemix spielen. Zugleich werden wir aber keine neuen Kohlekraftwerke ohne CCS-Abscheidung bauen.
Von der bisherigen CCS-Gesetzgebung sind Sie enttäuscht?
Vattenfall begrüßt, dass sich im Vermittlungsausschuss endlich eine Verständigung zur Umsetzung der CCS-Richtlinie in Deutschland ergeben hat. Dies ist ein positives Signal für die weitere Erforschung dieser wichtigen Klimaschutztechnologie. Wenn Klimaschutz in Europa und auf der Welt weiter ganz oben auf der Agenda stehen soll, werden Energie und Industrie an CCS auf Dauer nicht vorbeikommen. Diese Verständigung kommt für unser im Dezember eingestelltes Projekt aber leider zu spät und schafft noch nicht die Voraussetzungen, die wir dafür brauchen. Das Gesetz eröffnet allerdings die Tür für spätere Anwendungsmöglichkeiten. Und auch für europäische Transportinfrastrukturen und grenzüberschreitende Kooperationen gibt die Umsetzung der CCS-Richtlinie positive Impulse.
Aber die Braunkohle macht Ihnen derzeit schon viel Freude? So viel wie im vergangenen Jahr haben Sie schon lange nicht mehr gefördert ...
Uns machen zur Zeit viele Energieträger Freude, aber die Volumina der Braunkohle werden auch wieder sinken. Nochmal: Neue Braunkohlekraftwerke bauen wir nicht ohne CCS.
Und zum Stichwort dezentrale Energieerzeugung haben Sie nichts zu bieten?
O doch! Wir haben gerade in Berlin und Hamburg viel Erfahrung, wie man dezentrale und zentrale Energieversorgung miteinander in Einklang bringen kann. Wir betreiben ein sogenanntes virtuelles Kraftwerk, das ein ganz wichtiger Baustein bei der Speicherthematik werden könnte. In den kommenden zehn Jahren werden wir rund 60 Prozent unserer Investitionen in erneuerbare Energien und andere CO2-arme Technologien investieren.
In Amerika entwickelt sich der Energiemarkt gerade in einer überraschenden Art und Weise. Durch die Nutzung von bisher nicht erschlossenen Gasvorkommen über die sogenannte Fracking-Methode entwickelt sich das Land zum Gasexporteur. Wie wird sich das auf Europa auswirken?
Mittelfristig wird der Einfluss dieses Gases, das dann verflüssigt als Liquid Natural Gas über die Weltmeere verschifft werden kann, für mehr Wettbewerb sorgen. Es wird aber an der langfristigen Marktdynamik nichts verändern, so bedeutend es für Amerika ist.
Das Gespräch führten Carsten Knop, Christoph Ruhkamp und Holger Steltzner.
@Andreas Pätzold :Was wollen sie uns damit sagen?
Thomas Wolfgang (Tom-Mogontiacum)
- 04.07.2012, 07:56 Uhr
30% Preissteigerung bis 2020? Heute schon Realität!!!
Andreas Pätzold (Andreas1804)
- 03.07.2012, 20:55 Uhr
Recht auf gute Geschäfte ?
Zeljko Mlinaric (maksibus)
- 03.07.2012, 18:44 Uhr
Wieso glaubt Eon und Vattenfall ein immerwährendes Recht auf gute
Geschäfte zu haben?
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 03.07.2012, 16:26 Uhr
Vereinbarte CCS Menge entspricht einem Sechstel eines KKW
Lutz Wendorff (Paul_Oskar)
- 03.07.2012, 14:13 Uhr
