09.04.2011 · Der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand ist eine „grüne Instanz“: Lange Zeit Gegner der Atomkraft, hält er sie nun für unentbehrlich, wenn unser Planet angesichts des drohenden Klimakollapses eine Überlebenschance haben soll.
Deutschland hat vor, ganz auf Atomkraft zu verzichten. Ist das eine gute oder schlechte Idee?
Ich habe den Eindruck, Deutschland legt es darauf an, zum nächsten Italien zu werden. Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Italien nach dem Zwischenfall in Tschernobyl alle Atomkraftwerke abschaltete und seitdem eine Menge Strom aus Frankreich, einem Land mit vielen Atomreaktoren, bezieht, und zwar zu Höchstpreisen. Soweit mir bekannt ist, hat Deutschland sich mittlerweile von einem Energieexporteur in einen Energieimporteur verwandelt und bezieht Strom auch aus Tschechien, wo er ebenfalls aus Atomkraft gewonnen wird.
Sie sehen also viel Scheinheiligkeit im deutschen Verzicht auf Atomkraft?
Scheinheiligkeit ist ein kurioses Konzept. Ich würde eher sagen, Deutschland hat nicht das Gesamtbild im Blick. Und das Gesamtbild umfasst eben auch den Klimawandel und Treibhausgase. Da gibt es keine Besserung, die Lage verschlimmert sich sogar. Deutschland bezieht jedoch 23 Prozent seiner Stromversorgung aus Kohle, was verständlich ist, denn es gibt halt viel Kohle im Land. Im europäischen Gesamtbild steht Deutschland mit seiner gegenwärtigen Haltung jedenfalls etwas sonderbar da, aber das wohl nicht zum ersten Mal.
Sie scheinen die Gefahren für die Umwelt und die Risiken der Atomkraft gegeneinander abzuwägen. Kommen Ihnen dabei keine Bedenken?
Eine der Folgen von Fukushima ist, dass auch viele Atomkraftgegner darüber erstaunt sind, wie Deutschland reagiert hat. Es wurde einmal angenommen, dass ein weiterer Zwischenfall, wie es ihn in Three Mile Island in Harrisburg gab, das Ende der Atomindustrie bedeuten müsste. Jetzt stellt sich heraus, dass die Leute dazugelernt haben. Sie lesen Berichte über Isotopen im Boden und Wasser bestimmter Gegenden um Fukushima, über verstrahlte Fische. Die erste Reaktion ist natürlich: Meine Güte, ist das alles gefährlich! Dann aber gibt es genauere Informationen, und es erweist sich, dass der Strahlungslevel normal ist und die gemessenen Werte nicht besorgniserregend sind. Es kommen nun Informationen auf der zweiten Ebene zum Tragen, und durch sie verändert sich unsere Einstellung zur Atomkraft.
Gibt es denn nach Ihrer Meinung keinen Unterschied zwischen den Risiken, die von einem Atomkraftwerk ausgehen, und denen anderer Technologien?
Das ist eine Frage, in der es um schnell oder langsam geht. Unfälle in Atomreaktoren sind selten, aber es sind Riesenereignisse. Wenn dagegen Menschen bei Verkehrsunfällen oder an Krebs sterben, sind das permanente Ereignisse, die es nicht vermögen, sofort etwas auszulösen. In einer korrekt angelegten Risikoabwägung großen Rahmens wird aber versucht, solche Unterschiede zu berücksichtigen. Fukushima zwingt uns nun dazu, über diese Probleme nachzudenken und dabei eine weite Zeitspanne zu berücksichtigen. Dazu gehört auch der Klimawandel, ein Problem, das sich über Jahrhunderte erstreckt. Zu seiner Lösung, sofern es denn eine gibt, muss die gesamte Welt beitragen. Wenn es um Zivilisation geht, reicht nie ein einziges Jahrhundert aus.
Wie hat sich die amerikanische Debatte über Atomkraft seit Fukushima entwickelt?
Wie Umfragen bestätigen, wurde hier über Atomkraftwerke weniger gestritten als in anderen Ländern. Allmählich aber schiebt sich die Geschichte wieder in den Vordergrund. Unter Umweltschützern ist da seit Jahren einiges in Bewegung geraten. Vor dreißig Jahren haben sie gefordert: Schaltet diese Dinger ab! Vor zwanzig Jahren haben sie immer noch das Gleiche gesagt. Vor ungefähr zehn, fünfzehn Jahren aber haben sie aufgehört, die Stilllegung von alten Kraftwerken zu fordern, und angefangen, lediglich gegen neue zu protestieren. Das ist bereits ein interessanter Wandel. Fukushima hat ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, dass es ein Problem mit sehr alten Reaktoren gibt. Architekten und Betreiber von neuen Reaktoren müssen nun im Detail erklären, warum ihre Anlagen diese Risiken nicht aufweisen. Viele Leute halten sie inzwischen für sicherer und effizienter. Sie sind auch kleiner und kosten weniger.
Ihr Leben lang haben Sie sich für den Umweltschutz eingesetzt. Welche Rolle spielte da Atomkraft - waren Sie anfangs auch dagegen?
Ich habe vor etwa zehn, zwölf Jahren die Seiten gewechselt. Als Umweltschützer war ich nicht glücklich mit der Vorstellung, dass wir künftigen Generationen unseren Atommüll hinterlassen. Dann nahm der Klimawandel immer bedrohlichere Züge an, und ich machte mich auf die Suche nach Treibhausgasen, aus denen Elektrizität zu gewinnen wäre. Und nachdem ich auch einen neuen Blick auf Atomkraft geworfen hatte, musste ich mir eingestehen, dass das Problem mit dem Atommüll sich nicht mit meinen bisherigen Annahmen deckte. Was ich mir darunter vorstellte, war oft falsch. Ich habe ausführlich Forschung betrieben und mich von einem gemäßigten Befürworter der Atomkraft in einen überzeugten verwandelt.
Was hat Sie bewogen, den Atommüll völlig anders einzuschätzen?
Es gibt dafür mehrere Gründe. Bei der Produktion von Elektrizität, einem im Atomreaktor wirklich sehr effizienten Vorgang, fällt erstaunlich wenig Atommüll an, zumal im Vergleich mit einem Kohlekraftwerk. Bei der Kohle entstehen enorme Mengen von Kohlendioxid, mit denen die Atmosphäre belastet wird, und von soliden Teilchen, die sich auch im Boden nicht auflösen. Der Müll von Kohlekraftwerken ist schlimmer, in jeder Hinsicht. Atommüll wird heute vorwiegend nicht in Wasserbecken aufbewahrt, die leicht zum Problem werden könnten. Wie Fukushima es bewiesen hat, ist das Reaktorgelände für die Trockenlagerung ein ausgesprochen guter Ort. Es gibt dort Behälter voller abgebrannter Brennelemente, und ihnen hat weder das Erdbeben noch der Tsunami etwas antun können. Sie sind ein sicherer Verwahrungsplatz für all das Zeug, so um die fünfzig bis hundert Jahre lang, in denen wir nachdenken können, was wir damit anfangen sollen. Wir wollen es womöglich einmal vergraben oder wiederverwerten, wie es die Franzosen und Japaner tun, oder auch warten, bis eine vierte Generation von Reaktoren bereitsteht, die dafür Verwendung haben und abgebrannte Brennstäbe abermals als Brennstäbe einsetzen können. Mehr als neunzig Prozent der Energie sind ja auch in abgebrannten Brennstäben noch vorhanden.
Und was passiert mit dem Atommüll, den wir vergraben?
Viele Atomkraftgegner sehen darin ein Problem, für das noch niemand eine Lösung anzubieten hat. Aber das ist seit 1996 nicht mehr wahr. In den Vereinigten Staaten haben wir Atommüll aus dem Militärprogramm in riesigen Salzstollen in New Mexico deponiert. Sie dringen eine halbe Meile in die Erde hinein, und mit dem Zeug, das in die Löcher versenkt wurde, ist alles in Ordnung. Die Salzstollen gibt es seit 250 Millionen Jahren, in ihnen ist der Atommüll gut aufgehoben. Ein anderes System, das sich heute anbietet, ist das von Tiefbohrlöchern. Die Öl- und Gasindustrie ist nun fähig, Löcher bis in drei Meilen Tiefe zu bohren. Soll Müll aus einem Reaktor entfernt werden, bieten sich diese Löcher an. Beton oben drüber, und das Ganze darf vergessen werden. Und das sind nicht die einzigen Lösungen.
Unsere Nachfahren werden dann aber ohne jede Ahnung sein, was wir ihnen da an gefährlichem Ramsch im Boden hinterlassen haben.
Das ist übrigens eine sehr gute Nachricht. Wir wollen ja alles vermeiden, dass sie im Boden herumwühlen. Aber im Ernst: Wir müssen darüber nachdenken, wie es zu vermeiden ist, dass in tausend Jahren auch nur ein bisschen Radioaktivität aus einem Atommülllager irgendwie ins Trinkwasser geraten könnte. Wir müssen uns auch überlegen, welche Art von menschlichen Wesen es schon in zweihundert Jahren geben kann. Wir neigen eben dazu, uns vorzustellen, dass die künftige Spezies uns gleicht, dass ihre Zivilisation genau wie unsere ist - was sogar im entferntesten Fall nicht eintreten wird. Unsere Nachfahren könnten wieder ins Steinzeitalter zurückgekehrt sein und sich über Radioaktivität nicht die geringsten Sorgen machen. Oder sie könnten bedeutende Fortschritte gemacht und Bakterien gezüchtet haben, mit denen es gelingt, Radioaktivität abzubauen. Deshalb stimme ich für Atommüll in Trockenbehältern, weil dann die nächsten Generationen entscheiden können, wie damit umzugehen wäre.
Gibt es denn nichts, was Atomkraft ersetzen könnte?
Mit der Fusionsenergie geht es aufwärts. Hier an der Westküste haben wir zwei private Unternehmen, die ganz im Stillen an Fusion arbeiten, und auch die Regierung ist mit einer vielversprechenden Version von Inertialfusion mit Laserstrahlen beschäftigt, einem Nebenprodukt der Forschung des Verteidigungsministeriums. Nächste Woche werde ich da an einem Strategietreffen teilnehmen. Sollte es mit Fusion klappen, gäbe es keine Gefahren und keinen Müll, und es wäre billig, weil Wasserstoff verwendet würde. Als Waffe ist es übrigens auch nicht geeignet. Wenn es funktionierte, könnte es zu einem Grundbestandteil der Elektrizitätsversorgung werden, eine feine Sache. Allerdings besteht nicht die geringste Chance, dass es bis nächstes Jahr so weit sein könnte.
Wie lange müssen wir noch darauf warten?
Im besten Szenario, von dem ich gehört habe, sind zehn Jahre angesetzt. Von den Privatfirmen könnte eher etwas kommen, aber sie hüllen sich in Schweigen.
Sind Sie als alter Umweltschützer denn wirklich mit ganzem Herzen dabei, wenn Sie jetzt für die Atomkraft werben?
Nein. Aber man soll nicht alle Eier in einen Korb leben. Solange Fusion in weiter Zukunft bleibt, müssen wir uns das bestehende Energieportfolio nutzbar machen, samt Nuklear-, Hydro-, Wind- und Solartechniken.
Aber Atomkraft würden Sie immer mit einschließen? Als eine unter vielen Energiequellen, ohne jede Besonderheit?
Kernspaltung ist alles andere als ungewöhnlich. Wenn es geologisch geschieht, dann kann es kein unglaublich exotischer Vorgang im Universum sein. Die meisten Leute haben ein Problem damit, weil es als Waffe verwendet werden kann. „Kernspaltung“ und „Atom“ sind Wörter, die aus gutem Grund einen schlechten Ruf haben. Aber die Ablehnung der Kernenergie in Deutschland erinnert mich auch an die Ablehnung, die es dort gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln gibt. Ich sehe da eine gewisse Verbindung.
Woher wird die Welt ihre Energie in fünfzig Jahren beziehen?
Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit. Ich erwarte, dass Naturgas eine wichtige Rolle spielen wird, dank neuer Techniken, durch die es aus Tonsteinen zu gewinnen ist. Gas für 250 Jahre befindet sich dort draußen. Ich hoffe auch, dass es Fortschritte mit sauberer Kohle gibt. In China wird daran mehr als anderswo gearbeitet. Wenn Deutschland sagt: „Atomkraft? Nein danke!“, dann muss es auch die Nation werden, die von sich sagen kann: „Wir haben herausgefunden, wie Kohle sauber zu verwenden ist.“
Der Verzicht könnte so positive Folgen haben?
Ich glaube, er wird sich eher negativ auswirken. Es wird eine weitere finanzielle Bürde für ein Land werden, das davon schon genug zu tragen hat. Dasselbe gilt auch, in weit kleinerem Maßstab, für den Verzicht auf Gentechnik bei Lebensmitteln. Sicherheit ist wichtig, aber sie darf sich nicht auf ein Altsystem stützen, dessen Bestandteile nicht länger gültig sind.
Viel Verständnis bringen Sie gegenüber deutschen Zweifeln in der Tat nicht auf.
Ist Deutschland sich bewusst, wie der Rest der Welt sich verhält? Bis jetzt ist Deutschland die einzige Nation, die sich dermaßen entschlossen gegen Atomkraft ausspricht. Alle anderen Länder werden eine Pause einlegen, sorgfältig studieren, was in Fukushima geschehen ist, und daraus Lehren ziehen. Aus wirtschaftlichen Gründen und angesichts der Bedrohung durch Treibhausgase können wir nicht auf Atomkraft verzichten. Es wäre verantwortungslos gegenüber der Welt. Interessant ist nun, dass Deutschland allein dasteht.
Allein, aber zumindest ethisch bemüht?
Das wichtigste ethische Problem des Jahrhunderts besteht darin, wie wir Treibhausgase unter Kontrolle bringen.
Stewart Brand, Jahrgang 1938, ist einer der Vordenker der amerikanischen Gegenkultur. Sein „Whole Earth Catalogue“, der zum ersten Mal 1968 erschien und dreißig Jahre lang immer wieder aktualisiert wurde, listete die Waren und ihre Preise auf, die für ein nachhaltiges Leben unentbehrlich waren. Dazu gehörten von Anfang an ein Synthesizer und ein Personal Computer.
2003 war Brand Mitautor des „Abrupt Climate Change Report“, in dem die Gefahren eines rapiden CO2-Anstiegs in der Atmosphäre dargestellt sind und Atomkraft als Alternative befürwortet wird.
2005 sagte Brand voraus, die Umweltbewegung werde in den kommenden zehn Jahren ihre Position in vier zentralen Punkten revidieren: in der Bevölkerungspolitik, der Städteplanung, der Frage genetisch veränderter Nahrungsmittel und der Atomkraft. Deutsche Ängste, was die letztgenannten Themen angeht, hält er für übertrieben.
Brand ist inzwischen ein Befürworter der Atomkraft. Angesichts der durch fossile Brennstoffe befeuerten Klimakatastrophe hält er sie nicht nur für das kleinere Übel, sondern auch als solche für kaum gefährlich. Zu diesem Standpunkt kommt er auch durch seine Bewertung der Auswirkungen der Atomunfälle in Harrisburg und Tschernobyl, die er für so gering erachtet, dass sie zu vernachlässigen seien. Sein Buch „Whole Earth Discipline: Why Dense Cities, Nuclear Power, Transgenic Crops, Restored Wildlands, and Geoengineering Are Necessary“ kam 2009 heraus.
| Name | Kurs | Prozent |
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