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Fukushima und die Deutschen Sie nennen es Hysterie

 ·  Jodtabletten sind hierzulande nicht ausverkauft, und auch von Auswanderungen ist nichts bekannt. Wohl aber will eine Mehrheit der Deutschen die Atomkraftwerke abschalten - aus gutem Grund. Über Fukushima und die Deutschen, die sich gerade wie sehr vernünftige Menschen verhalten.

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Die Deutschen seien „hysterisch“, soll Rainer Brüderle vor dem BDI gesagt haben, und ungezählte andere sagen es auch. Nicht Fukushima, so die These, die Seele der Nation ist im Ausnahmezustand. Die heimwerkelnden Seelenklempner borgen sich vom Atomkraftwerk sogar die Metaphern: Von „überhitzten“ Köpfen ist die Rede und von versagenden „Kühlungssystemen“ des Verstandes. „Hysterie“ ist das Argument der Stunde.

Als 1986 Tschernobyl explodierte, verschob sich die Debatte sofort, und vor allem dank Franz Josef Strauß, in eine Debatte zwischen links und rechts. Dort der Sowjetkommunismus mit seiner maroden Ideologie und Schrotttechnik, hier der Westen mit seiner technologisch-ökonomischen Intelligenz. Jetzt verschiebt sie sich zu einer Art Nationalpsychologie: Dort die Japaner mit ihrer angeblichen Gelassenheit, hier die Deutschen mit ihrem exaltierten Seelenleben.

Aus der Artikulation eines politischen Willens eine Krankheit des Kopfes zu machen: Da setzt ein fast mittelalterliches Verfahren zur Abwehr eines Weltbildwandels ein. Nach Tschernobyl wurde jeder, der anderer Meinung war, sofort einem politischen Interessen-Lager zugerechnet. Selbst aufrechte Konservative sahen sich plötzlich bei denen, die, einer damals beliebten Wendung zufolge, „eine andere Republik“ wollten. Das war immerhin noch politisch. Und es war der Augenblick, wo sich eben deshalb die Grünen zur partiell bürgerlichen Partei transformierten. Es war auch die endgültige Abkehr vom Psychologismus und der Esoterik der früheren Antizivilisationsbewegungen. Denn damals bewiesen die Ökologen, dass sie imstande waren, mit der Wissenschaft gegen die Wissenschaft anzudenken. Sie hatten ihre eigenen Physiker, Chemiker und Genetiker. Niemals wieder konnte man sie seither des romantischen Irrationalismus zeihen. Das gut dialektische Gefühl der meisten Menschen, die sich nicht auf eine Seite schlagen wollten, sagte ihnen, dass sich aus dem Konflikt der beiden Welten die Synthese ergebe. Wenn man sich fragt, warum Fukushima die Handlungsanweisung bei so vielen gab, die noch die Castor-Transporte gleichgültig zur Kenntnis nahmen, dann aus diesem Grund: Sie hatten längst mit der Atomkraft abgeschlossen, aber glaubten an die revolutionäre Geduld, an den evolutionären Prozess.

Berichterstattung zwischen den Varianten des Schlimmsten

Man hätte geglaubt, dass man aus Tschernobyl politisch lernt. In der Tat: Jetzt redet man nicht mehr von rechts und links, sondern lieber gleich von ganz verdrehten Geistern. Doch jemandem die momentane Zurechnungsfähigkeit abzusprechen, wie es heute geschieht, hat eine neue Qualität. Die Quittung des so angesprochenen Bürgers folgt sogleich: Er verliert das Vertrauen - was durch Handlungen, Ankündigungen und Versprechungen faktisch gar nicht mehr zu heilen ist. Politische Statements müssen ihm zwangsläufig wie Drogen vorkommen - schließlich hält man ihn ja für überspannt. Wer sich politisch als Kranker wahrgenommen sieht, hält aus guten Gründen jede politische Maßnahme für ein Einlullen und Sedieren. Wie im Gassenhauer setzt das „Heile, heile Gänschen“, mit dem der Kopf beruhigt werden soll, auf die Zeit: In hundert Jahren ist alles weg. Vulgo: In einem Monat wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben.

Die Diagnose der Hysterie ist so erkennbar unwahr und unfair, dass sie interessant wird. Niemand hat sich eine Arche gebaut, keine Hamsterkäufe fanden statt, Jodtabletten sind in Deutschland nicht ausverkauft, und auch von Auswanderungen und Fluchtbewegungen ist nichts bekannt. Die Deutschen haben im Gegenteil auf das Ereignis so rational reagiert, wie es in einer Demokratie überhaupt nur möglich ist: Sie haben ihre Stimme abgegeben. Übrigens auch keineswegs einer hysterischen oder populistischen Partei, die plötzlich, die Affektlage nutzend, auf der Bildfläche erscheint: Man mag den Grünen, zum Beispiel in ihrer Schulpolitik, vorhalten, was man will. In der Frage der Energiewirtschaft haben sie seit dreißig Jahren genau das vorhergesagt, was nun geschieht. Wieso also stellt man das Land wie eine Bande durchgeknallter Teenager dar, die einander bei einer DSDS-Autogrammstunde fast zu Tode trampeln? Und mit welchem Recht macht man es zum Bestandteil eines Nationalcharakters, wie es im Augenblick geschieht? Die Deutschen wurden nicht nach 9/11 hysterisch, und sie wurden es nicht, als im Laufe der Finanzkrise Josef Ackermann von einer „drohenden Kernschmelze“ sprach, obwohl mit der Angst um das Geld eine der tiefsten Traumatisierungen ihrer Geschichte angesprochen wurde.

Der Grund liegt - neben der üblichen politischen Demagogie - in einer Verwechslung von Öffentlichkeit und der neuen Echtzeitmedienwelt. Der Eindruck der Hysterie entstand nicht etwa deshalb, weil die Bevölkerung hysterisch handelte, sondern weil die Erregunspotentiale der neuen Medien so funktionierten, wie sie funktionierten. Die Echtzeitkatastrophe, verstärkt durch Tepcos fatale Informationspolitik, wird in der Echtzeitkommunikation fast so etwas wie ein kollektives Atmen. „Es ist passiert.“ - „Es ist noch nicht passiert.“ - „Es wird passieren.“ Zwischen diesen Varianten des Schlimmsten changierte die Berichterstattung. Es waren dann zuweilen die gleichen Medien, die tiefsinnige Analysen über die „German Angst“ und den deutschen Hang zum Weltuntergang veröffentlichten. Aber die neue Wirklichkeit war nicht dieses gigantische Hintergrundrauschen, sondern die Tatsache, dass trotzdem (und gerade deshalb) die Menschen wissen wollten. Das ist der Grund, warum sie, quer durch alle Lager, so begeistert auf einen nüchternen und glaubwürdigen Kopf wie den Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar reagierten. Yogeshwar war so etwas wie der menschliche Filter der Nachrichtenflut.

Die Hiobsmaschinen unserer säkularen Welt

Es ist der Kern der Hysterie-Diagnose, den Deutschen vorzuwerfen, sie hätten nur auf Nachrichten reagiert, aber so getan, als sei bei ihnen selbst ein Atomkraftwerk in die Luft geflogen. In der Tat: Wir sind nicht Hiob. Wir sind nicht der fromme Mann aus dem Land Uz, dem ein Unglück nach dem anderen widerfährt, weil Gott mit dem Teufel wettet, dass Hiob auch dann fromm bleibt, wenn er einen Schicksalsschlag nach dem anderen erlebt.

Unser Vieh lebt noch, und wir haben keinen Aussatz wie der arme Hiob. In unseren Taschen aber tragen wir kleine Hiob-Maschinen mit uns herum. Sie melden uns in Echtzeit eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Viele vergessen wir gleich wieder, andere sind eine andere Form von Entertainment, manche überfordern uns, und einige führen uns zu den gleichen Fragen, zu denen Hiob kam. Er fragte: Wie kann Gott gut sein, wenn er das Böse zulässt? Worauf Gott, wie bekannt, Hiob in einer großen Rede einschüchtert: Er habe Gewalt über jedes Atom und die Blitze und die Natur, wer sei Hiob, ihn zu beurteilen.

Die Hiobsmaschinen unserer säkularen Welt erlauben uns natürlich nicht mehr, Gott die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Deshalb sind die Menschen auch keine Dulder mehr. Wir brauchen nicht selber eine Kernschmelze zu erleben, um die Frage zu stellen, ob wir was falsch gemacht haben. Wir brauchen keine Experten, die uns sagen, dass wir ihre Arbeit nicht beurteilen können und sie immerhin die Atome beherrschen. Hiobsbotschaften erzwingen Rechtfertigung - selbst ein Gott, so lesen wir in den Jahrhunderten, die sich mit dem biblischen Buch befassten, muss sich für sein Handeln rechtfertigen.

Wer nennt das hysterisch?

Diese Rechtfertigung muss keine Schuldzuweisung sein. Die Atomphysiker, die die friedliche Nutzung der Kernenergie möglich machten, wollten niemandem schaden. Für ein paar historische Augenblicke glaubten sie sogar, so etwas wie den Stein der Weisen entdeckt zu haben. Aber statt darüber zu weinen, dass die Atomkraft nicht hielt, was sie versprach, statt die Erkenntnis eines Systemfehlers als Hysterie zu stigmatisieren, könnte man loben, dass und wie eine Gesellschaft kollektiv lernt. Man könnte die deutsche Rezeptionsgeschichte von Fukushima ganz anders erzählen. Es ist nur eine Frage des Autors. Nicht passiv, als etwas Erlittenes, sondern aktiv, als etwas zu Tuendes. Endlich beginnt man damit, um Peter Sloterdijk zu zitieren, nicht mehr nur aus Katastrophen zu lernen, wie wir es bisher taten. Denn dieser Lernprozess endet fast immer nur bei dem Gedanken an technische Nachrüstung, zusätzliche Sicherheitssysteme und Notstromaggregate - in einer Übertragung vergangener, unvorhersehbarer Katastrophen, auf künftige, ebenso unvorsehbare. Erkennbar will sich ein großer Teil der Deutschen von dieser Art des Lernens nach der Katastrophe verabschieden, erkennbar machen sie deshalb Fukushima zu ihrer Sache. Das ist nicht die Geschichte eines biedermeierlich, neurotisch fixierten Volkes, sondern eine neue Prometheus-Geschichte, die Geschichte, wie der Name sagt, eines Vorausdenkenden - man muss nur erkennen, dass sie es ist.

Denn Menschen schalten Atomkraftwerke ab, nicht weil sie im Dunkeln sitzen wollen, sondern weil sie wissen, dass nur das den notwendigen ökonomischen Handlungsdruck erzeugt, technologische Alternativen zu entwickeln. Man könnte erzählen, dass ein Land, aufgerüttelt durch den Schock, alles daransetzt, neue Erfindungen zu machen, die besten Köpfe zu gewinnen, Visionen zu verwirklichen, eine neue Gründerzeit zu befördern. Man könnte so erzählen, wie es das frühe zwanzigste Jahrhundert im stolzen und ungebrochenen Rückblick auf die Erfinderleistungen der Vergangenheit der Edison, Siemens und Benz tat: Sie alle hatten Geistesblitze, weil sie, zumindest meistens, der Welt etwas Gutes tun wollten. Viele Entdeckungen wurden nicht primär gemacht, weil Menschen Geld verdienen wollten, sondern weil sie ein Problem lösen wollten. Wer weiß, ob nicht irgendwo in irgendeinem Kinderkopf, der mitbekommt, dass die Gesellschaft nach Alternativen sucht, jetzt die Grundlagen dafür gelegt werden? Niemand weiß, ob diese Geschichte eines neuen Anfangs in allem gut endet, ob wir uns auf Risiken zubewegen, die heute keiner kennt. Doch dass die Kollateraleffekte größer sein könnten als die der Atomenergie, einschließlich des Endlagerproblems, ist bis zum Gegenbeweis höchst unglaubwürdig. Wer nennt das hysterisch? Nur die, die entmutigen wollen. In Wahrheit ist es genau das, was sehr vernünftige Leute tun würden.

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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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