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Die Zukunft der Energie Stunde der Wahrheit

09.04.2011 ·  Das Gutachten des Umweltrates der Bundesregierung bringt die Öko-Bewegung in die Bredouille. Beirats-Chef Hans-Joachim Schellnhuber plädiert für einen doppelten Ausstieg - aus der nuklearen und der fossilen Energieversorgung.

Von Joachim Müller-Jung
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Mit Fukushima haben sich auch die Geschäftsgrundlagen der Umweltbewegung noch einmal grundlegend geändert. Es könnte sie innerlich zerreißen. Just in dem Augenblick, da die Welt mit der nuklearen Krise im energiepolitisch komatösen Zustand auf der Intensivstation liegt, wird eine programmatische Sprengladung gezündet, die seit Jahrzehnten in der Umweltschutzbewegung angelegt ist. Kurioserweise versuchen im Moment des technologsichen Versagens gerade die Atomtechnikfreunde damit ihre Position zu stärken: Wer nicht für die Atomkraft ist, ist gegen den Klimaschutz. Und damit unwillens, das dringendste, ja das planetare Umweltproblem schlechthin, ernsthaft anzugehen. Also weiter wie bisher. Der Weg des Kernreaktorausbaus - global gesehen ein Faktum - dürfe nicht verlassen werden.

Das ist die keineswegs nur vom amerikanischen Altökoaktivisten Stewart Brand (Der amerikanische Umweltaktivist Stewart Brand: Ihr Deutschen steht allein da) und den Energiekonzernen verbreitete These. Und sie hat Gewicht. Schon immer, und ganz sicher noch mehr in der nächsten Zeit, spielt sie in die internationalen Klimaverhandlungen hinein. Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und seit langem klimapolitisches Aushängeschild der Regierung Merkel, war deshalb auch längst auf die neue Atomdebatte vorbereitet. So wie für Brand ist für ihn jetzt die Stunde der Wahrheit gekommen. Ebenso für die Umweltbewegung, die Politik, die Wissenschaft, ja die globale Gesellschaft schlechthin. Nur sieht er sich, der Physiker, als Chef des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) an der Spitze einer wohl kalkulierenden Ausstiegsbewegung.

Ein Fazit, wie in Stein gemeißelt

In dem neuen Gutachten des WBGU, das die neun Mitglieder des Umweltrats jetzt als „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ in den Berliner Umwelt- und Forschungsministerien hinterlegt haben, geht es um den doppelten Ausstieg: gleichzeitig aus der Atomenergie und aus der Kohlen- und Ölindustrie. „Der fossilnukleare Metabolismus der Industriegesellschaft hat keine Zukunft. Je länger wir an ihm festhalten, desto höher wird der Preis für die nachfolgenden Generationen sein.“ Ein Fazit, wie in Stein gemeißelt. Es wirkt wie das Argumentationsgerüst für Merkels neue Atomethik-Kommission und könnte mit seinem Zahlenmaterial tatsächlich, wenn in ein paar Wochen erst einmal die ausführliche Endfassung des Gutachtens vorliegt, dem christlich-liberalen Umdenken in der Atomfrage weiteren Vorschub leisten.

Das Papier soll, so hat man es formuliert, in einer Welt des Wandels die Grundlagen eines „Gesellschaftsvertrags für eine Große Transformation“ liefern. Es soll die Anleitung sein für eine „dringend notwendige post-fossilnukleare Wirtschaftsweise“, für ein Umdenken zugunsten eines radikalen Klimaschutzes, so heißt es weiter, der „moralisch ebenso geboten ist wie die Abschaffung der Skalverei und der Ächtung der Kinderarbeit“.

Alimente im dreistelligen Milliardenbereich

Es ist also ein Papier, das einerseits gegen die „Beharrungskräfte“ und die Blockaden des gesellschaftlichen Umbaus formuliert wurde. Andererseits ist es der Marshallplan für ein technologisches und kulturelles Wunder. Denn als solches wird der Plan bemerkenswerterweise immer noch von vielen gesehen, die nicht wie die Mitglieder des WBGU oder andere progressive Umweltschützer an die Innovationskräfte innerhalb der Gesellschaft glauben. Klar ist: Nur wenn ein radikaler Ausbau der regenerativen Energiequellen und der Infrastrukten gelingt, verbunden mit konsequentem Energiesparen insbesondere in Industrie- und Schwellenländern und in der Nahrungsproduktion sind die Pläne des Umweltrates überhaupt realisierbar. Aber dann, so legt der WBGU konsequent offen, „wird die Transformation technologisch gelingen“.

Punkt eins: Die grüne Technik ist vorhanden. Punkt zwei: Der wachsende Energiehunger muss radikal gebremst werden - was nach Überzeugung der Gutachter ohne den „gestaltenden Staat“ gar nicht möglich sei. Schellnhuber beruft sich, wenn auch nicht in dieser Studienzusammenfassung, gerne auf die Gründerzeit von Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an: Die Nettoinvestitionen für Innovationen lagen bei einem sechsprozentigen Wachstum seinerzeit dreimal so hoch wie heute. Demgegenüber gefällt sich die heutige Welt in den Augen des WBGU als Moloch klimaschädlicher Subventionen: Im dreistelligen Milliardenbereich werden die fossilen Industrien alimentiert. Von den Staatshilfen für die Nuklearindustrie zu schweigen.

Die immensen Folgekosten des Klimawandels

„Nach Einschätzung des Beirats ist anspruchsvoller globaler Klimaschutz auch ohne Kernenergie möglich“, so steht es in dem Papier. Doch zu welchem Preis? Das ist die Kardinalfrage für ökonomisch geleitete Klimapolitiker, die vor allem in den Vereinigten Staaten und zuletzt auch in den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen das Heft des Verhandelns in die Hände genommen haben. Naturschutz, Gerechtigkeit, Menschenrechte - wer von Umweltethik und Humanismus geleitet ist, wie traditionell der deutsche Umweltrat, hatte hier in der Vergangenheit schnell das Nachsehen. Das hat sich geändert.

In dem Gutachten wird zwar vehement für einen Gesellschaftsvertrag gefochten, der „zwischen Generationen und „für eine nachhaltige Zukunft“ geschlossen werden soll. Aber er nimmt die ökonomische Herausforderung an: „Der globale zusätzliche Investitionsbedarf für eine Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft im Vergleich zum ,Weiter-so' dürfte sich bis 2030 etwa in einer Größenordnung von 200 bis etwa 1000 Milliarden Dollar pro Jahr bewegen, im Zeitraum 2030 bis 2050 noch deutlich darüber.“ In ähnlicher Größenordnung werden allerdings Ausgaben zum Beispiel für Subventionen und die immensen Folgekosten des Klimawandels vermieden. Ohne Kerntechnik, wohlgemerkt. Ein Nullsummenspiel? Keineswegs. An anderer Stelle wird vorausberechnet, dass die langfristigen volkswirtschaftlichen Kosten der Transformation „bei wenigen Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes“ liegen dürften. Ergo: Umsonst ist der Umbau nicht zu haben, aber ein Kollaps, der finanzielle Ruin, droht nicht.

Mitten im ökologischen Wertwandel

Sieht man genau hin, stecken in dem Zehn-Punkte-Maßnahmenkatalog, den der Beirat damit vorgelegt hat, weder neue Zahlen noch neue Konzepte. Im Grunde ist er nicht einmal an die Gesellschaft als Ganzes gerichtet, die der Rat ohnehin mitten in einem ökologischen Wertewandel sieht, den es zu nutzen gelte. Nein, die Schrift lässt sich durchaus mit seinem Verweis auf die Umwälzungen der jüngeren Vergangenheit - dem Fall der Berliner Mauer und die Demokratiebewegungen in der arabischen Welt - im Sinne der frühen Umweltbewegungen lesen: Als Aufruf, die eigenen Reihen zu schließen und gemeinsam mit Argumenten zu überzeugen - und nicht weiter zu spalten.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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