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Atomdebatte Was kostet die Energiewende?

 ·  Der Strom soll sauber und zuverlässig sein und nicht mehr aus Kernkraftwerken kommen. Die große Energiewende wird anstrengend, ein bisschen riskant und nicht ganz billig.

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Was kostet's?

Kosten für den Privatmann:
Die Kilowattstunde Strom wird teurer. So ist das, wenn das Angebot sinkt und die Nachfrage steigt. Die acht vom Netz genommenen Kernkraftwerke bleiben stillgelegt, die restlichen neun werden sukzessive bis etwa 2020 abgestellt. Der Verbrauch steigt laut Forschungsinstitut RWI, weil die Zahl der Haushalte größer wird und immer mehr Anwendungen vom Elektroauto bis zum Internet Strom schlucken. Für die Kernkraft springen teurere und vom Kunden subventionierte Erzeugungs-Techniken in die Bresche: Wind, Sonne, Biomasse plus Kohle und Gas. Für den Naturstrom aus Wind und Sonne müssen zudem 3000 bis 4000 Kilometer Hochspannungsleitungen verlegt werden. Geschätzt werden Preissteigerungen zwischen 15 und 20 Prozent.

Kosten für den Staatshaushalt:
Der Ausstieg bedeutet weniger Einnahmen aus der Brennelemente-Steuer. Bis 2016 waren dafür jedes Jahr 2,3 Milliarden Euro eingeplant, jetzt sind es halb so viel. Zusätzlich hatten sich die Kernkraftkonzerne verpflichtet, von 2017 an Milliarden in einen staatlichen Fonds zur Förderung der Ökoenergie zu geben, davon 1,7 Milliarden Euro vorab. Die Konzerne wollen das jetzt nicht zahlen. Zu den Mindereinnahmen kommen Mehrausgaben: Staatliche Milliarden-Programme für Offshore-Windkraft und Wärmedämmung.

Volkswirtschaftliche Kosten:
Mehr Kosten für Strom bedeutet weniger Geld für anderes. Das dämpft die Konjunktur. Arme Haushalte werden auf mehr staatliche Zuwendungen angewiesen sein. Gravierender ist die Gefahr eines Blackouts, die vor allem in Süddeutschland wächst. Dort werden die meisten Kernkraftwerke vom Netz genommen, Windstrom kann da nicht hin mangels Leitungen. Die Bundesnetzagentur schätzt die Situation so dramatisch ein, dass sie paradoxerweise sowohl den Netzausbau als auch nicht dringende Wartungsarbeiten untersagt. Denn dafür müssten Leitungen abgestellt werden.

Umweltkosten:
Für den Ausbau des Ökostroms muss das Hochspannungs-Leitungsnetz einer neuen Logik folgen, weil der Strom nicht mehr da produziert wird, wo er gebraucht wird, sondern in Norddeutschland, wo der Wind bläst. Deshalb braucht es so viele neue Hochspannungsleitungen (3000 Kilometer), außerdem müssen noch viele Niederspannungsnetze ausgebaut werden, um den Solarstrom einzuspeisen. Windkraftwerke hinterlassen einen großen ökologischen Fußabdruck in der Landschaft gemessen an dem Flächenverbrauch je produzierter Kilowattstunde Strom. Deutschland brauchte 111 000 rund 100 Meter hohe Windkraftwerke, um die AKWs zu ersetzen, sie beanspruchten nebeneinandergestellt dreimal die Fläche des Saarlands, hat der Ökonom Hans-Werner Sinn ausgerechnet. Damit Naturstrom überhaupt dauerhaft fossile und nukleare Brennstoffe ersetzen kann, braucht er einen Speicherpuffer: zum Beispiel Pumpspeicherkraftwerke, für die Täler geflutet werden müssen.

Wer zahlt's?

Der Verbraucher:
„Das ist ziemlich eindeutig, der Verbraucher zahlt“, sagt Professor Manuel Frondel vom Forschungsinstitut RWI. Auf ihn kommen die Kosten für teureren Strom zu, dazu noch Kosten für die zusätzliche Förderung von Naturstrom und Netzausbau. Er könnte die Kosten nur mildern, wenn er weniger Strom verbraucht. Das ist schwierig und schon in den letzten Jahren selten gelungen. In seiner Rolle als Steuerzahler kommt der Verbraucher auch noch ins Spiel. Schließlich muss ja irgendwie auch noch das Loch gestopft werden, das die wegbrechende Brennelementesteuer im Bundeshaushalt zurücklässt.

Die Energiewirtschaft:
Allein das dreimonatige Moratorium kostet die Kernkraftbetreiber 500 Millionen Euro Umsatz, rechnen Analysten. Die Umsatzeinbußen gleichen sie später zum Teil dadurch aus, dass sie Kernkraftwerke durch Kohle- und Gaskraftwerke ersetzen. RWE hat für die Stilllegung von Biblis A 700 000 Euro Verlust am Tag geltend gemacht. Die Kernkraftkonzerne müssen schon verkauften Strom teurer als geplant produzieren. Andererseits steigt der Strompreis, und einige Kohlekraftwerke werden bald besser ausgelastet werden.

Die Industriekunden:
Große Energieverbraucher sind von Preissteigerungen durch die Naturstromförderung weitgehend ausgenommen. Deshalb trifft sie die stetig steigende Umlage für erneuerbare Energien nicht. Doch hier droht Gefahr: Die Europäische Union prüft, ob das Privileg für die großen Stromschlucker nicht eine verbotene Beihilfe ist. Setzt sich die EU durch, wird es für Aluminiumhütten und Stahlwerke schwer in Deutschland, weil für sie Energie einer der größten Kostenposten ist.

Der Staat:
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will seine Mindereinnahmen (siehe oben) dringend kompensiert sehen. Das muss er auch wegen der Schuldenbremse, die in der Verfassung steht. Seine Losung: „Fukushima setzt die Grundrechenarten nicht außer Kraft.“ Löcher müssen gestopft werden. Seine Kabinettskollegen dagegen wollen gerne mehr Geld für Windstrom und Wärmedämmung. Steuererhöhungen oder ein Sparprogramm sind zwangsläufig. Oder Juristen finden einen Trick, die Schuldenbremse zu neutralisieren. Das Gesetz kennt eine Notfallklausel.

Wem nützt es?

Der Stimmung:
Vier von fünf Deutschen wollen den Atomausstieg. Diesem Wunsch wird jetzt Rechnung getragen. Die Deutschen fühlen sich besser und können sich anderen Apokalypsen zuwenden.

Der Umwelttechnik:
Eine planwirtschaftliche Vision hinter den staatlichen Förderprogrammen war immer, dass deutsche Umwelttechnik nun in der ganzen Welt verkauft wird, wenn Deutschland mit seinen Förderprogrammen zum Umweltpionier wird. Eine Zeitlang hat das funktioniert, jetzt holt das Ausland stark auf. Sogar in Deutschland kommen inzwischen die meisten Solaranlagen aus Asien.

Dem Ausland:
Tschechien und Frankreich verkaufen mehr (Atom-)Strom nach Deutschland. An windreichen Tagen verdienen ausländische Pumpspeicherwerke. Sie bekommen für den überflüssigen Strom aus Deutschland teils sogar Geld, wenn sie ihn nehmen.

Den Bauern:
Die Energiewende ist ein Förderprogramm für die Landwirtschaft. Jede vierte Solaranlage ist auf Scheunendächern von Bauernhöfen installiert. Viele Windräder stehen auf Äckern, die Programme zur Förderung von Biomasse und Biogas kommen ebenfalls großteils der Landwirtschaft zugute.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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