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Energieintensität Industrienationen verabschieden sich vom Öl

07.11.2007 ·  Der Ölpreis nähert sich der Rekordmarke von 100 Dollar pro Barrel. Noch verkraftet die deutsche Wirtschaft das Allzeithoch, denn energieintensive Industrien sind weitgehend verschwunden. Den deutschen Verbraucher trifft die Krise härter.

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„Den steigenden Ölpreis merken die Leute im Portemonnaie, die Wirtschaft dagegen kaum“, sagt Torsten Schmidt. Der Wirtschaftswissenschaftler ist am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen der Frage nachgegangen, warum die Wirkungen des hohen Ölpreises auf die deutsche Wirtschaft so gering sind.

Sein Ergebnis: „Die gesunkene Energieintensität der deutschen Wirtschaft und die gute Weltkonjunktur helfen zu etwa gleichen Teilen, dass der hohe Ölpreis in der Wirtschaft kaum spürbar ist“, sagt Schmidt - und warnt: „Die Anfälligkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber hohen Energiepreisen ist zwar gesunken, aber nicht so stark, wie zurzeit vermutet wird.“

Banken und IT statt Chemie und Metall

Sollte der hohe Ölpreis auf eine schwache Konjunktur treffen, könnte das Wachstum durchaus leiden. „Ein Angebotsschock wie in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre träfe Deutschland stärker“, sagt Schmidt. „Damals führte nicht die steigende Nachfrage, sondern ein knappes Ölangebot zu Preisanstiegen.“ Zurzeit aber profitiert die deutsche Wirtschaft nicht nur vom starken Euro, sondern auch von der robusten Nachfrage auf den Weltmärkten. Sie gleicht aus, dass den deutschen Verbrauchern das Geld, das sie für die teure Energie ausgeben müssen, an anderer Stelle fehlt.

Die deutsche Wirtschaft profitiert aber auch vom Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte. „Die energieintensive Industrie ist aus Deutschland weitgehend verschwunden“, sagt Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. An ihre Stelle sind zum Beispiel Banken, Versicherungen und IT-Unternehmen getreten, die weit weniger Energie für die gleiche Wertschöpfung benötigen. Parallel haben die energieintensiven Branchen wie Chemie oder Metallverarbeitung nach den negativen Erfahrungen der beiden Ölkrisen ihren Energieeinsatz reduziert.

Seit 1980 um etwa ein Drittel gesunken

Die Folge ist eine drastisch gesunkene Energieintensität der deutschen Wirtschaft: Um im Jahr 1980 Güter und Dienstleistungen im Wert von 788 Milliarden Euro zu erzeugen, benötigte Deutschland umgerechnet 207 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten Öl und weitere 200 Millionen Tonnen Kohle.

Bis zum Jahr 2006 hat sich das Bruttoinlandsprodukt auf 2,3 Billionen Euro fast verdreifacht, aber der Ölverbrauch ist auf 176 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten gefallen, der Kohleverbrauch sogar auf 118 Millionen Tonnen, haben die Statistiker der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen errechnet. Werden die Inflation und der steigende Verbrauch an Erdgas und Kernenergie mit eingerechnet, ist die Energieintensität in Deutschland seit 1980 um etwa ein Drittel gesunken, hat Klepper errechnet.

„Deutsche Industrie an ihre Grenzen gekommen“

Die japanische Wirtschaft produziert traditionell weniger energieintensiv, während die Amerikaner mehr Energie je produzierter Einheit einsetzen, aber in den vergangenen Jahrzehnten auch die größten Spareffekte erzielen konnten. „Wir sehen einen Abschied der Industrienationen aus der Abhängigkeit vom Öl“, sagt Ulf Moslener, Energiefachmann am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Das gilt allerdings nur für die Industrieproduktion, bisher nicht für den Straßenverkehr.

Die Zeit kurzfristig signifikanter Energiespareffekte in den Unternehmen ist nach Ansicht von Klepper aber vorbei. „Die deutsche Industrie schaut schon sehr genug hin, dass keine Energie verschleudert wird. Sie ist an ihre Grenzen gekommen; weitere Reduktionen kosten jetzt richtig viel Geld“, sagt Klepper. Großes Potential sieht der Ökonom noch in den Investitionen der Energieversorger, die ihren Kraftwerkspark in der kommenden Dekade von Grund auf modernisieren müssen. Sparmöglichkeiten bestehen auch in den privaten Haushalten und im Verkehr.

Deutschland ist nach Ansicht von Moslener aber gut beraten, seinen Öl-Einsatz weiter zu senken. „Die Reservekapazität ist zurzeit sehr gering, und binnen Jahresfrist kann die Förderkapazität kaum erhöht werden. Wenn die Weltkonjunktur weiterhin brummt, ist mit steigenden Ölpreisen zu rechnen“, sagt Moslener, was er gar nicht so negativ sieht. „Volkswirtschaftlich ist es sinnvoll, wenn der Preis einer knappen Ressource wie Öl steigt. Denn der Preis sollte sich nicht nur nach den aktuellen Produktionskosten richten, sondern auch eine Knappheitsrente enthalten“, empfiehlt Moslener.

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