02.09.2005 · Für die stromintensiven Branchen wie die Aluminiumindustrie, die Zementwerke oder die Kupferhütten wird es eng am Standort Deutschland. Der Strompreis macht in diesen Branchen 15 bis 50 Prozent der Gesamtkosten aus.
Für die stromintensiven Branchen wie die Aluminiumindustrie, die Zementwerke oder die Kupferhütten wird es eng am Standort Deutschland. Der Strompreis, der in diesen Branchen zwischen 15 und 50 Prozent der Gesamtkosten ausmacht, ist seit Anfang des Jahres um fast 30 Prozent gestiegen, wie der Strompreisindex des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) ausweist.
"Die bisherige Strompreisentwicklung 2005 kann Industrie und Gewerbe mehr als 1 Milliarde Euro zusätzlich kosten", sagt der VIK-Geschäftsführer Alfred Richmann. Die Folge: "In Deutschland wird in diese Branchen nicht mehr investiert", warnt Werner Marnette, Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Affinerie, Europas größter Kupferhütte.
„Darstellung des VDEW ist absurd“
In der Kupferindustrie liegen die Energiekostenanteile an den Gesamtkosten zwischen 16 und 25 Prozent, sagte Marnette. In der Aluminiumindustrie schwanke der Stromkostenanteil sogar zwischen 40 und 50 Prozent. Marnette widerspricht damit einer Darstellung des Verbandes der Deutschen Elektrizitätswirtschaft (VDEW), Strom habe - je nach Industriezweig - nur einen Anteil zwischen 0,3 und 6 Prozent an den Gesamtkosten der Unternehmen. "Die Darstellung des VDEW, der Strompreis sei für die Industrie kaum relevant, ist absurd - und wider besseres Wissen. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2002 und weisen nur Durchschnittswerte auf. Das zeigt die Hilflosigkeit in der Argumentation der Stromwirtschaft", sagte Marnette. Am Beispiel eines Zementwerkes zeigt der VIK den Anstieg der Stromkosten: Im Jahr 2000 hätte das Werk rund 4 Cent je Kilowattstunde für den Strom bezahlt; heute betrage der Preis bereits 7 Cent.
Die Strom- und Energiepreise gefährden nach seiner Ansicht ganze Industriezweige. "Wenn die Unternehmen keine Planungssicherheit über die Energiepreise in Deutschland haben, suchen sie nach besseren Standorten im Ausland", sagte Marnette. Das gelte vor allem für die Aluminiumindustrie, die inzwischen von ausländischen Unternehmen gelenkt werde. "Verliert Deutschland in Folge der zu hohen Strompreise diese Basis der industriellen Produktion, dann sind auch Hundertausende Arbeitsplätze in den nachgelagerten Industriezweigen bedroht", fürchtet Richmann.
BASF hat Konsequenzen gezogen
Unternehmen wie der Chemiekonzern BASF haben inzwischen Konsequenzen gezogen - allerdings für den Standort Deutschland: "Die derzeitigen Preiserhöhungen auf dem Energiemarkt belasten die BASF. Daher haben wir Ende Juni in Ludwigshafen ein neues Gas- und Dampfturbinenkraftwerk eingeweiht. Diese Investition macht das Unternehmen unabhängig von externen Stromanbietern. 65 Prozent des Strombedarfs erzeugt BASF jetzt in eigenen Anlagen am Standort Ludwigshafen", sagte eine Sprecherin. Auch Marnette setzt auf die Eigenproduktion: "Ich habe keine Hoffnung, daß die Oligopolstruktur auf dem deutschen Strommarkt aufgebrochen wird. Deshalb bauen wir ein eigenes Kraftwerk auf Basis von Ersatzbrennstoffen wie Plastikmüll. Dieses Kraftwerk garantiert uns langfristig einen Strompreis von 25 Euro je Megawattstunde. An der Strombörse liegt der Preis zwischen schon 40 und 45 Euro je Megawattstunde", sagte Marnette. Allerdings ist der Bau eigener Kraftwerke auch mit Risiken verbunden. "Wer vor Jahren ein Gaskraftwerk gebaut hat, ist jetzt auch in die Falle der schnell steigenden Gaspreise in Deutschland gelaufen", sagte Marnette.
Für 85 Prozent der energieintensiven Unternehmen haben die stark steigenden Energiepreise inzwischen eine hohe Relevanz, hat eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens TNS Emnid im Auftrag der Deutschen Energie-Agentur (Dena) ergeben. 78 Prozent der Unternehmen informieren sich zur Zeit über Möglichkeiten, ihre Energieeffizienz zu erhöhen, hat die Umfrage ergeben. 48 Prozent der Befragten haben sich bereits für konkrete Schritte entschieden, wie die Marktforscher herausgefunden haben.
Chemie geht voran
Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den befragten Branchen: In der Chemieindustrie wird den Energiepreisen eine weit höhere Relevanz beigemessen als in der Papier-, Kunststoff- oder Zementindustrie. Entsprechend hat schon jedes dritte Chemieunternehmen konkrete Schritte zur Energieersparnis in die Wege geleitet. Im Gegensatz dazu halten sich die ebenfalls energieintensiven Branchen Papier und Zement bei der Suche nach Einsparmöglichkeiten zurück.
Die Möglichkeiten der Energieersparnis werden oft unterschätzt. Die Hälfte der befragten Unternehmen schätzt ihr Energie-Sparpotential nur auf 5 bis 15 Prozent ein. Nur jedes zehnte Unternehmen erwartet eine stärke Senkung. Unternehmen, die schon erste Erfahrungen mit der Senkung ihres Energieverbrauchs eingeleitet haben, sind hinsichtlich der Sparpotentiale optimistischer: Ein Sechstel der Unternehmen geht von einem Sparpotential von mindestens 15 Prozent aus.
Suche nach Sparpotentialen
Wie sich Energie einsparen läßt, zeigt das Beispiel BASF. "Der Energieverbund am Standort Ludwigshafen eröffnet Möglichkeiten, die Primärenergieträger sowohl als Rohstoff als auch für die Strom- und Dampferzeugung optimal auszunutzen. Bei dieser Vernetzung der Energieströme wird die Energie, die in den Produktionsbetrieben beim Ablauf chemischer Prozesse in Form von Abhitze anfällt, direkt am Ort der Entstehung in Dampf umgewandelt und ins BASF-Dampfnetz eingespeist. 58 Prozent des Dampfbedarfs der BASF werden so durch Abhitzenutzung und Verbrennung von Abfällen aus der Produktion gedeckt", sagte die Sprecherin.
Richmann und Marnette führen die hohen Strompreise vor allem auf den fehlenden Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt zurück. "81 Prozent der Stromerzeugungskapazität und insgesamt 65 Prozent der Kohlendioxyd-Zertifikate liegen in Händen der Versorgungswirtschaft", klagt Richmann. Gegen das Argument der Versorger, die Preise für die Kohlendioxyd-Zertifikate trieben den Strompreis nach oben, hat das VIK inzwischen das Bundeskartellamt eingeschaltet. "Der Preisanstieg ist in keiner Weise mit tatsächlichen Kostensteigerungen bei den Stromunternehmen durch den Kohlendioxyd-Zertifikatehandel oder durch andere Kostensteigerungen zu erklären", sagt Richmann. Ziel des Gesetzgebers sei es auf keinen Fall gewesen, den Energieversorgungsunternehmen die Gelegenheit zu drastischen Erhöhungen der Strompreise zu geben und ihnen so erhebliche "Windfall profits" zu ermöglichen. Genau dies geschehe aber jetzt: Den Börsenpreis der staatlichen Geschenke ließen sich die Stromunternehmen von den Verbrauchern vergüten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2363 | −0,05% |
| Rohöl Brent Crude | 103,10 $ | −0,15% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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