Home
http://www.faz.net/-gqg-t0fv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Rekordölpreise beunruhigen die Wirtschaft

14.07.2006 ·  Wegen der politischen Krisen im Libanon und im Iran klettert der Preis für Öl von einem Rekord zum nächsten. Mit 78 Dollar pro Barrel (159 Liter) war Öl am Freitag so teuer wie nie zuvor - und der Trend zeigt nach oben.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Der Ölpreis sorgt wieder für Aufregung. Wegen der politischen Krisen im Libanon und im Iran klettert der Preis für Öl in diesen Tagen von einem Rekord zum nächsten. Mit 78 Dollar pro Barrel (159 Liter) war US-Leichtöl am Freitag so teuer wie nie zuvor - und der Trend zeigt nach oben.

Für die deutsche Wirtschaft ist das nach Ansicht vieler Ökonomen noch kein Grund zur Sorge. Doch ein Preis von 80 Dollar ist in greifbare Nähe gerückt, und Volkswirte schließen selbst das Knacken der symbolträchtigen 100-Dollar-Marke nicht mehr aus.

„...dann wird es der Wirtschaft richtig weh tun“

„Wir kommen langsam an einen Wendepunkt“, sagt Volkswirt Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. „Wenn der Ölpreis weiter stark steigt oder wenn die Weltwirtschaft abkühlt, wird es der deutschen Wirtschaft richtig weh tun.“ Die optimistischen Prognosen von rund zwei Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr haben die Institute und Großbanken unter der Annahme erstellt, daß der Ölpreis um 65 Dollar pendelt. Voraussetzung für ein robustes Wachstum sei, daß „nennenswerte Störungen der Ölproduktion ausbleiben“, haben die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten geschrieben. Solche Turbulenzen schließen die Experten bei einer Eskalation im Nahen Osten oder im Iran inzwischen aber nicht mehr aus.

„Der Ölpreis ist zurzeit das größte Konjunkturrisiko“, sagt der Chefvolkswirt von Allianz Group und Dresdner Bank, Michael Heise. Die Bank ist mit 2,2 Prozent Wachstumsprognose für 2006 besonders optimistisch für die deutsche Wirtschaft. Nach Einschätzung Heises wäre ein starker Ölpreisanstieg in diesem Jahr gravierender als 2005 - als ein erstes Rekordhoch von 70 Dollar erreicht wurde - weil die Zinsen im Euro-Raum steigen und bis Jahresende über 3,0 Prozent steigen sollen. Damit werden Kredite für Verbraucher und Unternehmen teurer.

Hoffen auf Rußland

Deutsche Regierungskreise äußerten die Hoffnung, daß von dem am Samstag beginnenden G-8-Gipfel in St. Petersburg Signale ausgehen könnten, die zu einer Entspannung der Ölpreise führen könnten, etwa wenn Rußland als verläßlicher Partner von den anderen Staaten erkannt werde und der Gipfel eine verlässliche Basis für die künftige Energieversorgung definiere.

Die Exportnation Deutschland brauchte sich bislang relativ wenig Sorgen um den Ölpreis zu machen. Denn die Petrodollars, die Deutschland zahlt, kommen als Exportaufträge aus den reichen Ölförderländern wieder zurück. So legten die deutschen Ausfuhren nach Rußland - einem der wichtigsten Ölexporteure - 2005 um mehr als 15 Prozent zu, die Exporte in die OPEC-Länder um 18 Prozent. Besonders der mittelständisch geprägte Maschinenbau mit seinen hochspezialisierten Produkten profitiert davon. „Die hohen Ölpreise beunruhigen uns nicht“, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Maschinenbau-Verbands VDMA.

Doch die Gesamtwirtschaft leidet unter der Verteuerung des Rohstoffs. Nach gängiger Schätzung dämpft ein um 10 Dollar höherer Ölpreis die Wirtschaft um 0,2 Prozentpunkte Wachstum im Jahr. Ausgebremst werden vor allem der private Konsum und damit der Einzelhandel sowie die Investitionen der Firmen. Teures Benzin und hohe Strom- und Gasrechnungen ziehen den Verbrauchern das Geld aus der Tasche. Die vom Öl angeheizte Inflation verteuert viele Produkte. Für die Unternehmen steigen die Energiekosten, so daß ihre Gewinne schrumpfen.

CERA-Institut rechnet eher mit sinkendem Ölpreis

„Bislang hat es weder beim Konsum noch bei den Investitionen einen Einbruch gegeben“, sagt der Chefvolkswirt der Bank of America, Holger Schmieding. „Die bessere Lage am Arbeitsmarkt hat die Kaufkraft gestärkt, und die Unternehmen profitieren von den geringen Lohnsteigerungen.“ Der Einfluß des Ölpreises auf die Konjunktur ist schwächer geworden, weil er nicht mehr zu drastisch höheren Lohnabschlüssen wie noch in den 70er Jahren führt. Der Konsum soll auch wegen der Fußball-WM und der drohenden Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 in diesem Jahr erstmals seit Jahren wieder deutlich wachsen. „Noch gibt es für die deutsche Wirtschaft keinen Grund zur Panik“, sagt Schmieding.

Ungeachtet neuer Rekordpreise an den Ölmärkten rechnet das renommierte amerikanische CERA-Institut in den nächsten Monaten mit eher rückläufigen Ölpreisen. Eine aktuelle Analyse der Cambridge Energy Research Associates kommt zu dem Ergebnis, daß die heftigen Ausschläge und steigenden Preise im wesentlichen auf die knappen Reservekapazitäten bei der Förderung von Rohöl zurückzuführen sind. Dadurch fehle ein Puffer im Markt, der plötzliche Preisbewegungen durch geopolitische Einflüsse oder Wetterereignisse abfedern könnte.

Bei Lieferunterbrechungen Ölpreise um die 84 Dollar

„Wir erwarten, daß die wachsende Förderkapazität innerhalb und außerhalb der Opec weiterhin die steigende Nachfrage übertrifft und damit der Druck auf die Ölpreise abnimmt“, erklärte CERA-Chef Daniel Yergin, der zu den einflußreichsten Experten in den Vereinigten Staaten zählt. Für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent, das am Freitag zeitweise über 78 Dollar kostete, errechnete das Institut einen Durchschnittspreis von 71,25 Dollar im dritten Quartal dieses Jahres, 67,50 Dollar im vierten Quartal und 62,25 Dollar im kommenden Jahr.

Die Überkapazitäten innerhalb des Ölförderkartells Opec und besonders in Saudi-Arabien waren eine ungewollte Folge wirtschaftlicher Entwicklungen in den siebziger und achtziger Jahren. Von 1979 bis 1983 nahm die weltweite Nachfrage nach Öl deutlich ab, während gleichzeitig die Kapazitäten außerhalb der Opec kräftig ausgeweitet wurden. So hatte die Opec 1985 mehr als zehn Millionen Barrel am Tag (mbd) ungenutzte Förderkapazität. Es dauerte etliche Jahre, bis diese Überkapazitäten durch steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt wieder teilweise abgebaut waren.

Die Reservekapazitäten der Opec (ohne Irak und Nigeria) erreichten laut CERA 2004 mit 1,2 mbd ihren Tiefpunkt, weil in diesem Jahr die weltweite Nachfrage nach Öl kräftig anstieg. Im kommenden Jahr sollen es nach der Studie wieder 2,4 mbd sein. Dabei unterstellt das Institut ein Wachstum der weltweiten Öl-Nachfrage von 1,6 Prozent in diesem und knapp zwei Prozent im kommenden Jahr. „Falls die Reservekapazitäten nicht wie erwartet steigen, weil Erweiterungen auf eine stärkere Nachfrage treffen oder es zu Lieferunterbrechungen auf der Angebotsseite kommt, dann könnten die Ölpreise auch stärker steigen“, sagte Yergin. Für diesen Fall erwartet CERA im nächsten Jahr Brent-Preise bis zu 84 Dollar je Barrel.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.