06.12.2005 · Nach den Mastbrüchen im Münsterland gerät der Energieversorger RWE weiter unter Druck. Die Politik fordert Aufklärung über den Sicherheitszustand des Stromnetzes, die Sanierungsmaßnahmen und seit wann der Landesregierung NRW Sicherheitsprobleme bekannt sind.
Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) setzt RWE wegen vermeintlicher Sicherheitsmängel der umgebrochenen Höchstspannungsmasten unter Druck. Bis zur Sitzung des Innenausschusses am Donnerstag fordere sie vom Stromversorger Aufklärung darüber, ob dieser das Landeswirtschaftsministerium als zuständige Energieaufsicht ausreichend über den Sanierungsbedarf im Höchstspannungsnetz informiert habe, sagte die Ministerin auf Anfrage.
Sie bestätigte, daß sie in der vergangenen Woche von RWE plausible Informationen über die klimatischen Verhältnisse, über die Kräfte aus Sturm, Schnee und Eis erhalten habe, die zum Einsturz von rund 80 Masten geführt hätten. Auch habe ihr RWE Daten über das Alter der Leitung und das Sanierungsprogramm zur Verfügung gestellt.
Hätte Sanierungsplan beschleunigt werden müssen?
Sie frage sich, ob die vormalige Landesregierung formal über die Schwachstellen informiert gewesen sei, und wenn ja, ob der Sanierungsplan nicht hätte beschleunigt werden müssen. In einem Schreiben vom Montag hat sie von RWE erneut eine Stellungsnahme gefordert. „Alle Beteiligten brauchen jetzt schnell Klarheit über die tatsächliche Lage“, sagte die Ministerin.
Weiter noch geht Reiner Priggen, der energiepolitische Sprecher der Grünen im Düsseldorfer Landtag. Mit Hinweis auf einen Beitrag im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vom Oktober 2003 will er in der Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses am Freitag unter anderem darüber informiert werden, ob und seit wann der Landesregierung Sicherheitsprobleme im Hochspannungsnetz bekannt sind.
28.000 Masten zur Sanierung vorgesehen
Auch nach diversen Vorwürfen in den Medien bekräftigt RWE, daß der Zustand des Netzes im Münsterland ordnungsgemäß gewesen sei und nur die gewaltigen Witterungseinflüsse zu den Netzzusammenbrüchen geführt hätten. Der für die RWE-Netze zuständige Vorstand Werner Roos hatte am Freitag in einem Gespräch mit dieser Zeitung den Netzzusammenbruch im Münsterland als Folge von höherer Gewalt erklärt (F.A.Z. vom 3. Dezember).
Angesichts der extrem stark vereisten Hochspannungsleitungen hätte kein Mast dem Sturm standhalten können. So seien im Münsterland sowohl sehr alte, als auch zwischenzeitlich sanierte und jüngere Masten gebrochen. Roos hatte der F.A.Z. bestätigt, daß der Konzern seit 2002 von seinen insgesamt 44.000 Masten in einem langjährigen Programm 28.000 zur Sanierung vorgesehen habe.
Leitungen aus den fünfziger Jahren neu errichten
Die in diesem Zusammenhang erstellte dreistufige Prioritätenliste ist von einem externen Gutachter zertifiziert worden. Inzwischen seien 7.000 Masten saniert und die erste Prioritätenstufe zu 70 Prozent abgearbeitet. Roos hatte versichert, daß die dafür bis 2015 vorgesehenen 550 Millionen Euro bei den zwischenzeitlichen Sparprogrammen im Konzern nie angetastet worden seien.
Für den gestreckten Sanierungszeitraum über rund zwölf Jahre hatte er mehrere Erklärungen. Zum einen ließen sich aus Gründen der Versorgungssicherheit nicht mehrere Höchstspannungsleitungen gleichzeitig für die Mastensanierung abschalten. Da zum anderen einige alte Leitungen aus den fünfziger Jahren neu errichtet werden sollen, sei dafür ein Planfeststellungsverfahren erforderlich. Dadurch könnten die Genehmigungsprozesse bis zu zehn Jahre dauern.
Materialermüdung bei Masten aus Thomasstahl
Wie berichtet, saniert RWE stufenweise alle Masten, die mit Thomasstahl gebaut wurden. Bei dieser bis zuletzt 1969 in Westdeutschland genutzten Art der Stahlherstellung wurde Luft in die Stahlkonverter eingeblasen. Damit besteht ein höheres Risiko der Materialermüdung als bei den inzwischen mit Sauerstoff erzeugten Stählen. Das Problem von Thomasstahl ist seit den neunziger Jahren bekannt und machte in Deutschland bereits Sanierungsarbeiten etwa im Brückenbau erforderlich.
RWE und auch die ENBW Energie Baden-Württemberg versichern jedoch, daß dadurch nicht jeder Mast aus Thomasstahl unverzüglich ersetzt werden müsse. Bei RWE arbeitet man das am Gefährdungspotential ausgerichtete Prioritätenprogramm ab. Die ENBW, die wie alle Stromleitungsbesitzer ihre Netze (ungefähr 6.000 Höchstspannungsmasten) regelmäßig inspiziert, ersetzt Masten nach dem Materialzustand, aber nicht unbedingt, weil Thomasstahl verbaut sei, erklärte Sprecher Dirk Ommeln auf Anfrage.
Gutachten über die Stabilität in Auftrag gegeben
Vattenfall besitzt rund 120.000 Masten, die nach Angaben einer Sprecherin keinen Thomasstahl enthalten. Die Eon besitzt mit 53.000 Masten das größte Höchstspannungsnetz, von denen nur ein geringer Teil Thomasstahl enthalte.
Das Amtsgericht Steinfurt will selbst die Frage der Materialermüdung bei RWE-Masten prüfen lassen. Dazu hat es nach eigenen Angaben ein Gutachten über die Stabilität der Strommasten in Auftrag gegeben. Überdies habe ein Landwirt aus Ochtrup ein selbständiges Beweisverfahren gegen RWE beantragt, teilte das Landgericht Münster am Montag mit.
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- 11.12.2005, 03:42 Uhr
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