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Energie Keine Hoffnung auf billiges Benzin

04.09.2005 ·  Der Benzinpreis steigt und steigt. Die Staaten lösen ihre Ölreserven auf, um den Schock am Golf von Mexiko zu parieren. Das mag ein paar Tage lang helfen. Aber nicht auf Dauer.

Von Thomas Schmitt
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Die Benzinpreise schießen weltweit hoch und machen Autofahren teuer. Das ruft die Politik auf den Plan. Viele Staaten in Europa und Amerika geben ihre Notreserven frei, um die hohen Preise an den Ölmärkten zu drücken. Tatsächlich gab der Preis am Freitag spürbar nach. Langfristig wird die Freigabe der Ölreserven aber keine Auswirkungen auf die Benzinpreise haben - auch nicht in Deutschland.

Die Politik kann Benzin- und Heizstoffpreise hierzulande nur auf eine Weise wirksam beeinflussen - über kräftige Steuersenkungen. Doch niedrigere Steuern wollen alle großen Parteien aus guten Gründen nicht.

„Eine kosmetische Sache“

Schröder und Co. wissen: Ölpreise kommen auf effizienten Märkten zustande, sie werden bestimmt durch Angebot und Nachfrage aus aller Welt. Darin steckt immer auch ein Schuß Spekulation, also mitunter eine Übertreibung. Doch diese reguliert sich erfahrungsgemäß selbst. Eine dauerhafte, politisch gewollte Erhöhung des Öl- und Benzinangebots ist gar nicht möglich, weil den Staaten dafür die Reserven fehlen. „Das ist eine kosmetische Sache und bringt nicht viel“, urteilt daher etwa der HWWA-Ölexperte Klaus Mathies.

Wann die Preise wieder sinken und wie stark, da lagen zuletzt selbst die besten Fachleute kräftig daneben. Nehmen wir nur Eric Chaney von dem renommierten amerikanischen Investmenthaus Morgan Stanley. Schon viermal hat er sich in diesem Jahr geirrt mit seinen Rohölprognosen - wie so viele andere. Jetzt hatte er die Nase voll von Miniänderungen und schraubte seine Vorhersagen deutlich hoch.

Damit paßte er sich aber nur der Entwicklung am Markt an. Bei 70 bis 75 Dollar je Faß könnten die Rohölpreise ihre Spitze erreichen, meint er. Und dann wieder sinken - bis auf 40 bis 45 Dollar Ende 2007. Dieses Niveau hält er unverändert für vernünftig, wenn man Angebot und Nachfrage nach Öl mittelfristig betrachte. Der Preis wäre dennoch doppelt so hoch wie das bisherige faire Niveau, mit dem Ölkonzerne und Analysten überwiegend gerechnet haben.

Übertreibung der Märkte?

Der Rest ist also Übertreibung der Märkte? Viele glauben das, wobei manche es sogar für möglich halten, daß die Ölpreise weiter steigen und sogar eine Weile bei 100 Dollar verharren könnten. Strategen geben im Gespräch schnell zu, daß dieser Markt gerade schwer vorherzusagen ist.

Klar scheint: Je höher der Ölpreis steigt, um so länger dauert es, bis er wieder runterkommt. Dennoch: So billig, wie Öl war, wird es nie mehr werden. Denn die Reserven sind endlich, und die Nachfrage ist durch China und andere Staaten Asiens kräftig gestiegen.

Zu wenige Raffinerien

Warum aber sind die Benzinpreise vergangene Woche beinahe bis 1,50 Euro gestiegen, obwohl der Ölpreis deutlich unter 70 Dollar fiel? Hier kommt „Katrina“ ins Spiel. Der Wirbelsturm legte im Golf von Mexiko nicht nur Bohrtürme lahm, sondern auch etwa zehn Prozent der Ölverarbeitung in den Raffinerien. Das ist viel wichtiger, weil diese voll ausgelastet waren und in den vergangenen Jahren keine neuen Kapazitäten hinzukamen. Dadurch entsteht die kuriose Situation: Öl ist zwar genug da, aber nicht mehr genug Anlagen, um auf Dauer ausreichend Benzin herzustellen.

Die Folge: Die Preise an den Benzinmärkten, etwa in Rotterdam, schossen rasant in die Höhe. Mit kaum merklicher Verzögerung folgten die Tankstellen. Zwar wundern sich sogar Experten wie Bernd Schnittler, Geschäftsführer beim Außenhandelsverband Mineralöl und Energie, wie schnell die Benzinlieferanten den Preisanstieg umsetzten. Doch die Tankstellen sind nur am Ende der Kette. Sie zahlen, was der Markt verlangt.

Viele Pächter fühlten sich bei den aktuellen Preisen gar nicht wohl, weil sie nicht auf ihre Kosten kämen, merkt Axel Graf Bülow vom Bundesverband der freien Tankstellen an. Wer verdient, ist kein Geheimnis: die großen Ölkonzerne Exxon, Shell, BP.

Die „drei E“ als Lösungsweg

Schimpfen hilft da nichts: Entweder Hausbesitzer und Autofahrer zahlen höhere Preise, oder sie weichen aus. Für letzteres gibt es vielfältige Möglichkeiten, die längst nicht so stark genutzt werden wie möglich. Das könnte sich nun ändern. Ölexperte Schnittler nennt die „drei E“: erneuerbare Energien nutzen, effizienter mit Öl umgehen und Energie sparen.

Je häufiger also das Auto stehenbleibt, je mehr Solarzellen auf die Dächer kommen und je weniger die Autos verbrauchen, um so eher sinken auch wieder die Benzin- und Heizölpreise.

Könnte dann bald Entwarnung gegeben werden? Nicht ganz. Wie lange die Preise hoch bleiben, weiß keiner. Und wie negativ der hohe Ölpreis wirkt, ist auch noch nicht raus. Er dämpft das Wirtschaftswachstum. Schlimm würde es aber erst mit weiteren Schocks. Einem Abschwung am amerikanischen Immobilienmarkt zum Beispiel. Oder einer Verknappung des Ölangebots durch Iran. Am übelsten für die Welt aber wäre, wenn die Amerikaner - warum auch immer - weniger Geld ausgäben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.09.2005, Nr. 35 / Seite 47
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