14.03.2006 · Mitten im kältesten Winter seit zehn Jahren geht den Briten das Gas aus. Die Verbraucher müssen drastische Preiserhöhungen hinnehmen. Marktexperten halten das Problem für hausgemacht.
In Großbritannien macht sich die Sorge über eine Gasknappheit breit. Der Strom- und Erdgasversorger National Grid hat eine Warnung veröffentlicht, daß der Bedarf des Landes möglicherweise nicht mehr gedeckt werden könne. Gasrationierungen für die Industrie seien nicht ausgeschlossen. Als Grund nannte der Versorger den überraschend harten Winter, der zu deutlich höherer Nachfrage führe. Gleichzeitig sei das größte Erdgaslager des Landes wegen eines Feuers auf unabsehbare Zeit außer Betrieb. Britische Medien sprechen schon von einer Versorgungskrise. Am Gasmarkt stiegen die Großhandelspreise zu Wochenbeginn auf mehr als das Dreifache des Vortagesniveaus.
Die angespannte Lage haben bereits die privaten Haushalte zu spüren bekommen. Sie erhielten die Nachricht, daß die Preise im März so stark steigen wie nie zuvor. Der Marktführer British Gas verlangt von seinen Kunden 22 Prozent mehr, die Eon-Tochtergesellschaft Powergen sogar 24 Prozent mehr. Mittlerweile hat jedes der sechs großen Versorgerunternehmen kräftige Zuschläge angekündigt. Verbraucherschützer sprechen vom schlimmsten Winter für die Gaskunden in der Geschichte.
Das Gas in der Nordsee neigt sich dem Ende zu
Die Warnung von National Grid liefert neuen Zündstoff für den Streit zwischen der britischen Regierung und den EU-Regierungen auf dem Festland. Die Briten werfen den Kontinentaleuropäern vor, ihre Märkte immer noch nicht für den Wettbewerb zu öffnen und Gas für die eigene Bevölkerung zurückzuhalten. Marktbeobachter dagegen sehen die britische Regierung in der Verantwortung. Sie halte zu geringe Gasreserven bereit, um für einen harten Winter gewappnet zu sein.
Großbritannien hat einen der freiesten Energiemärkte der Welt. Die konservative Regierung begann schon in den frühen achtziger Jahren damit, Versorgungsunternehmen zu privatisieren und den Markt von Regulierungen zu befreien. Davon profitieren die Konsumenten. Sie zahlen seit Jahren weniger für Gas und Strom als etwa die Deutschen. Seit vergangenem Jahr jedoch ist die Insel in der Gasversorgung vom Festland abhängig. Wegen der schwindenden Vorkommen in der Nordsee hat sich das Land vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur gewandelt.
„Quasi-Monopolisten“ halten Gas zurück
„Seit Großbritannien von den Importen abhängig ist, zahlen die britischen Verbraucher für Europas Versagen, die Energiemärkte zu öffnen“, wetterte Mark Clare, Managing Director von British Gas, vor kurzem. Wenn jemand die Schuld an den Preissteigerungen trage, dann seien es die Festlandeuropäer. Pipelines, die nach EU-Vorgaben schon vor zwei Jahren hätten geöffnet werden sollen, hielten die „Quasi-Monopolisten“ in Deutschland, Frankreich und Belgien geschlossen.
Zudem ströme durch die bestehenden Leitungen weit weniger Gas, als auf einem freien Markt zu erwarten wäre. „Zwischenzeitlich lag der Großhandelspreis in Großbritannien um ein vielfaches höher als in Deutschland. Trotzdem konnten wir an das Gas nicht herankommen“, sagt Clare. Die Regulierungsbehörde Ofgem beziffert die Kosten für die britischen Verbraucher auf umgerechnet 1,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. In diesem Jahr könnten es 4,5 Milliarden Euro werden, wenn die Europäer ihre Energiemärkte weiterhin abschotteten.
Versäumnisse in Großbritannien
Marktexperten halten dies für Ausreden. „Die Probleme liegen im britischen Markt. Wir haben zu geringe Vorräte an Wintergas“, sagte Niall Trimble, Managing Director der Energy Contract Company, der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Briten legten lediglich Gasreserven an, die vier Prozent des Jahresbedarfs deckten, die Deutschen dagegen hielten 21 Prozent auf Lager, die Franzosen 25 Prozent. Sich auf Importe zu verlassen sei naiv. „Es wäre dumm, wenn Unternehmen wie Ruhrgas ihren eigenen Kunden den Hahn abdrehten, um Gas auf dem britischen Markt anzubieten.“
Eon Ruhrgas teilt diese Ansicht. „Die Versorgungsituation ist vor allem eine Frage von rechtzeitig abgeschlossenen Verträgen und verfügbaren Transportkapazitäten. Hier gibt es Versäumnisse in Großbritannien“, sagte eine Sprecherin und gab gleichzeitig Entwarnung für die deutschen Kunden: „Wir haben den kältesten Winter seit zehn Jahren. Auch in dieser Situation versorgen wir unsere Kunden in vollem Umfang. Hierbei können wir auf unsere Speicher, ein flexibles, gut ausgebautes Leitungsnetz und unser diversifiziertes Bezugsportfolio zurückgreifen.“
Reicht das Gas in Zukunft?
Marktbeobachter erwarten, daß sich die Lage 2007 und 2008 auch in Großbritannien entspannen wird. Die Preise dürften wegen des regen Wettbewerbs und des steigenden Angebots wieder zurückgehen. Als Grund gelten neue Lieferverträge sowie zahlreiche Infrastrukturprojekte. In diesem und im nächsten Jahr sollen drei neue Importterminals in Betrieb gehen, die Kapazität der Zeebrugge-Bacton-Pipeline zwischen Belgien und Großbritannien wird verdoppelt. Außerdem entstehen neue Unterwasserpipelines von Norwegen und den Niederlanden aus. Ob dies ausreicht, ist allerdings ungewiß. Die Briten haben schon in diesem Winter festgestellt, daß mehr Kapazität nicht unbedingt auch mehr Gas bedeutet.
Cool Britannia's sträfliche Experimente
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 15.03.2006, 09:53 Uhr
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