Als der amerikanische Energieminister Samuel Bodman dieser Tage vor die Fernsehkameras trat und seine Landsleute zu einem sparsameren Umgang mit Energie aufrief, da fühlte sich wohl so mancher Amerikaner an das Jahr 1977 erinnert: Damals, im April, hatte Präsident Jimmy Carter sich mit einem ähnlichen Appell an die Nation gewandt.
Die Worte des Demokraten aus Georgia klangen freilich ungleich dramatischer als die Bodmans. Carter, bekleidet mit einer berühmt gewordenen grauen Strickjacke, malte damals ein düsteres Bild von der Zukunft Amerikas, wenn es nicht gelänge, den verschwenderischen Umgang mit den fossilen Energieträgern wie Öl und Gas einzuschränken. Der "nationale Energieplan", den der Präsident damals vorstellte, hatte vorrangig "die Verringerung der Nachfrage durch Energiesparen" zum Ziel.
Ein neuer Akzent: Licht aus bei 22 Grad
Carter ging selbst mit gutem Beispiel voran und ließ den Thermostat der Heizung im Weißen Haus auf rund 18 Grad einstellen. Bodman und sein Präsident George Bush haben nun zwar ihre Mitarbeiter aufgefordert, das Licht auszumachen, wenn sie für einige Zeit ihre Büros verlassen. In warme Decken muß sich aber im Weißen Haus in diesem Winter niemand wickeln: Der Temperaturregler der Klimaanlage bleibt bis auf weiteres auf gut 22 Grad eingestellt.
Die jüngsten Appelle von Bodman und auch von Bush, das Auto wenn möglich einmal häufiger stehenzulassen oder zumindest ein wenig langsamer zu fahren, geben der Energiepolitik der Regierung gleichwohl einen neuen Akzent. Offenbar wird das Energiesparen nun nicht mehr nur als eine, wie Vizepräsident Dick Cheney es vor Jahren formulierte, löbliche "persönliche Tugend" gesehen, die aber nicht Teil einer umfassenden Strategie in der Energiepolitik sein könne.
Expertenteams geben Tips zum Energiesparen
Präsident Bush reagiert damit nicht zuletzt auf sinkende Beliebtheitswerte in jüngsten Umfragen. Viele Amerikaner halten dem Präsidenten vor, er habe nicht genug unternommen, um nach den Wirbelstürmen der vergangenen Wochen einen Anstieg der Preise für Benzin, Heizöl und Erdgas zu verhindern. Neben den praktischen Tips für Autofahrer und Hausbesitzer wird die Regierung auch der Wirtschaft des Landes beim Energiesparen behilflich sein: 30 Expertenteams werden den 200 größten Energieverbrauchern in der Unternehmenswelt in den kommenden Wochen und Monaten Ratschläge geben, wie die Effizienz des Energieeinsatzes in der Produktion verbessert werden kann.
Nichts als Augenwischerei sei die Kampagne, kritisieren derweil die Verbraucherschützer der Consumer Federation of America. "Es geht der Regierung nur darum, ihr Gesicht zu wahren. Auf diese Weise soll der Schlag abgefedert werden, den sie durch die hohen Energiepreise erlitten hat", sagt deren Direktor, Mark Cooper. Die Regierung habe es bisher versäumt, die Energiestandards für verschiedenste Haushaltsgeräte zu verschärfen, von der Klimaanlage bis zum Geschirrspüler und zur Waschmaschine. "Das würde den Verbrauchern wirklich helfen, Geld zu sparen", sagt Cooper.
Das Energiegesetz fördert das Energiesparen zu wenig
Der Verbraucherschützer ist sich mit zahlreichen demokratischen Politikern darin einig, daß das im Sommer nach zähem Ringen verabschiedete Energiegesetz nicht geeignet ist, nennenswerte Anreize zum Energiesparen zu geben. Das Gesetz enthält zwar auch einige Steuervorteile für Hausbesitzer, die in moderne, gut isolierte Fenster investieren; der größte Teil der 14,5 Milliarden, die das Gesetz auf Sicht von zehn Jahren kosten wird, ist aber auf eine Erhöhung der heimischen Energieproduktion ausgerichtet mit dem Ziel, die Abhängigkeit von ausländischen fossilen Energieträgern zu verringern. Derzeit importieren die Vereinigten Staaten rund 58 Prozent des benötigten Öls.
Joseph Nye, Politologe an der Harvard-Universität, weist derweil darauf hin, daß die amerikanische Wirtschaft heutzutage - gemessen an ihrer Leistung - mit viel weniger Energie auskomme als in den siebziger Jahren. "Der Ölverbrauch je Dollar des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ist seither um die Hälfte gefallen", sagt Nye. Anfang der achtziger Jahre habe der Anteil der Energiekosten am BIP 14 Prozent betragen, jetzt seien es noch 7 Prozent. "Darin spiegeln sich auch die Verschiebungen in der Wirtschaft wider, von der Industrieproduktion zu weniger energieintensiven Produktionen", sagt Nye.
Stimmen für eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer
Der Wissenschaftler rechnet gleichwohl nicht damit, daß die Politik der Regierung schnell zu deutlichen Veränderungen darin führen wird, in welcher Weise in Amerika Energie konsumiert wird. "Wichtiger als die Politik werden kurzfristig die Marktkräfte sein." Längerfristig könne eine Kombination aus Marktentwicklung und Politik freilich schon zu einer Änderung der Verbrauchsgewohnheiten führen, beispielsweise durch schärfere Standards für den Benzinverbrauch von Automobilen.
Für einiges Aufsehen sorgen dieser Tage Forderungen, Regierung und Kongreß sollten durch eine Erhöhung der Kraftstoffsteuer versuchen, den Benzinverbrauch der Bürger einzuschränken. "Wenn man will, daß die Leute weniger rauchen, dann erhebt man eine Tabaksteuer. Wenn sie weniger trinken sollen, wird Alkohol besteuert. Es ist doch klar, was zu tun ist, um den Benzinverbrauch zu drosseln", sagt beispielsweise Mike Jackson, Chief Executive Officer von Auto-Nation, dem größten Autohändler des Landes. Jackson plädiert für eine schrittweise Erhöhung der Benzinsteuer des Bundes um 10 Cent je Gallone (3,8 Liter). Diese beträgt seit mehr als zehn Jahren 18 Cent je Gallone.
In der Regierung stoßen derlei Forderungen jedoch noch auf taube Ohren. Präsident Bush hält nicht nur angesichts seiner schwindenden Popularität, sondern auch aus Überzeugung an dem Versprechen fest, keine Steuern zu erhöhen. Zu hören ist allerdings aus dem Weißen Haus auch noch nichts darüber, daß eine Verringerung des Energieverbrauchs insgesamt - Amerika konsumiert rund ein Viertel des Erdöls in der Welt - anzustreben sei.
Vorerst bleibt es dabei, daß die Energieeffizienz - gemessen als Energieeinsatz je Outputeinheit - weiter verbessert werden soll, und zwar um durchschnittlich 1,6 Prozent in den kommenden Jahren. Bush ist weiterhin davon überzeugt, daß der sparsamere Umgang mit Energie nicht für den Preis einer schwächeren Wachstumsdynamik erkauft werden soll.
