Home
http://www.faz.net/-gqg-u6tv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Gasprom warnt Europa vor einer Enteignung

22.01.2007 ·  Nach den gestrigen Gesprächen zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin über die sichere Versorgung mit russischer Primärenergie, drehte Gasprom den Spieß um. Die Versorgung ohne Gasnetze könne man nicht mehr garantieren.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (8)

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über eine langfristig sichere Versorgung mit russischer Primärenergie verhandelte, drehte der Versorgungskonzern Gasprom den Spieß um. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Aleksandr Iwanowitsch Medwedew warnte die Europäische Kommission und die Bundesregierung davor, die langfristige Versorgungssicherheit durch politische Schnellschüsse zu untergraben.

Das Verbot langfristiger Lieferverträge wie auch die Pläne zur Enteignung der Erdgasnetze gefährdeten die Geschäftspolitik der Gasprom. Das könnte wiederum zu erheblichen Beeinträchtigungen der Versorgung in der Europäischen Union führen, erklärte Medwedew.

Gasprom will Sicherheit

Ohne langfristig gesicherte Verbindung mit den Abnehmern und ohne die Sicherheit bei den erforderlichen Investitionen in die Verteilernetze in den Kundenländern sei es der Gasprom unmöglich, weitere Reserven zu erschließen. „Ich glaube auch nicht, dass die EU wirklich will, dass demnächst auf ihrem Gasmarkt spekulativ operierende Unternehmen wie einst Enron tätig werden“, sagte Medwedew.

„Wir sind bereit, unsere Reserven weiter zu entwickeln, aber nur mit langfristig festgeschriebenen Verträgen. Ich halte es für außerordentlich unvernünftig, wenn man bei geplanten Änderungen der Spielregeln die Meinung der Produzenten nicht einholt“, kritisierte der Gasprom-Vize. „Lange bevor die EU die Richtlinien zur Energiemarktliberalisierung verabschiedete, begann Gasprom in den frühen neunziger Jahren gemeinsam mit dem Partner BASF, in Deutschland das Erdgasmonopol aufzubrechen“, erinnerte Medwedew. Mit hohen Investitionen in das Pipelinenetz habe sich das Gemeinschaftsunternehmen einen Marktanteil von inzwischen 15 Prozent erarbeitet.

Wie Autos ohne Räder

Es könne doch nicht angehen, dass die EU-Kommission und die Bundesregierung demnächst sagen: Ihr seid nicht länger Eigentümer dieser Infrastruktur. Für Medwedew sind diese Pläne zur Neuordnung der Verantwortung über die Strom- und Gasnetze so unsinnig wie eine Anordnung an die Automobilindustrie, nur noch Autos ohne Räder in den Verkauf zu bringen. Denn dann müsse der Produzent jegliche Haftung für sein Produkt ablehnen. „Darum hoffe ich, dass die Vernunft Oberhand gewinnen wird“, erklärte er.

Medwedew betonte das große Interesse der Gasprom an einem stärkeren Engagement im europäischen Endkundengeschäft. Während Erdöl noch vielfach bearbeitet werde, bis es den Verbraucher erreiche, sei Erdgas nach der Förderung ein fertiges Produkt. „Wir konzentrieren unser Geschäft auf Dinge, die wir kennen.“ Da man sich mit Gas auskenne, wolle Gasprom nicht nur in Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder Belgien, wo das Unternehmen im Endkundenvertrieb bereits tätig sei, sondern auch in anderen Staaten die Verbraucher selbst beliefern, erklärte der Manager, der im Konzern mit den größten Erdgasreserven der Welt die Exportgesellschaft leitet.

Keine Pläne für eine Akquisition im Vertrieb

In Deutschland beabsichtige man zwar, im Gegenzug zur Beteiligung der BASF an einem russischen Erdgasfeld die Gasprom-Anteile am Gemeinschaftsunternehmen Wingas auf 50 Prozent aufzustocken. Ansonsten gebe es aber aktuell keine Pläne für eine Akquisition im Vertrieb. Zu den Spekulationen über einen Einstieg beim Essener Versorgungskonzern RWE versicherte Medwedew, sein Unternehmen führe in dieser Sache weder mit dem Vorstand noch mit Aktionären von RWE Gespräche.

Quelle: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2465 −0,19%
Rohöl Brent Crude 106,30 $ −0,51%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.