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Energie Der Benzinpreis steigt täglich

02.09.2005 ·  Nach dem jüngsten Schock durch die Verwüstungen des Hurrikans „Katrina“ sind die Benzinpreise weiter gestiegen. Ein Liter kostet jetzt etwa 1,42 Euro. Angela Merkel fordert bereits den Griff zur strategischen Reserve.

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Die Benzinpreise in Deutschland steigen ungebremst. Am Donnerstag erhöhten die führenden Mineralölkonzerne Aral, Shell und Esso die Preise um weitere zwei Cent je Liter, nachdem sie erst am Mittwoch um acht Cent aufgeschlagen hatten. Im bundesweiten Durchschnitt kostet Superbenzin an Markentankstellen jetzt 1,42 Euro je Liter, bei Diesel sind es 1,18 Euro je Liter. 65 Prozent des Preises für Superbenzin und 54 Prozent des Dieselpreises sind Steuern.

Das Ende der Fahnenstange dürfte mit den jüngsten Preisaufschlägen noch nicht erreicht sein: „Es sind weitere Preiserhöhungen an den deutschen Tankstellen zu erwarten, das ist von den Kosten her gar nicht anders zu machen“, sagt Heino Elfert vom Fachdienst EID. Ausschlaggebend für den jüngsten Preisschub ist nicht die Verteuerung des Rohstoffs Öl, sondern der von dem Wirbelsturm „Katrina“ verursachte Schaden in amerikanischen Raffinerien. Der Produktionsengpaß ließ die Preise raffinierter Ölprodukte wie eben Benzin, Diesel oder Heizöl deutlich in die Höhe schießen. Der Benzinpreis am für Europa maßgeblichen Spotmarkt in Rotterdam ist binnen zwei Tagen um 24 Prozent auf 850 Dollar je Tonne gestiegen, was die Mineralölkonzerne prompt mit Preiserhöhungen quittierten.

Bald 1,50 Euro pro Liter?

Benzinpreise von 1,50 Euro je Liter halten Fachleute für realistisch. „Da die Amerikaner wegen des Hurrikans nicht mehr genug Benzin in ihren Raffinerien herstellen können, werden sie in den kommenden Wochen in Europa Benzin nachfragen“, erwartet Sandra Ebner, Energieexpertin der Dekabank. Sie warnt aber gleichzeitig vor Panikmache: „Die Amerikaner werden Europa nicht leerkaufen. Der Preisanstieg wird nicht besonders stark ausfallen.“

Die deutschen Autofahrer sind nun auf der Suche nach günstigem Benzin. Tanktourismus kann sich lohnen: Wer über die Grenze nach Tschechien reist, kann dort Super für durchschnittlich 1,02 Euro tanken, für Diesel muß er rund 0,99 Euro zahlen. In Polen pendeln die Benzinpreise je nach Tankstelle und Sorte zwischen 95 Cent (Diesel) und 1,20 Euro (Super). In der Schweiz muß der Autofahrer 1,05 Euro für Normal- und 1,08 Euro für Superbenzin berappen. Großes Interesse verzeichnet auch die Internetseite clever-tanken.de, wo Autofahrer kostenlos nach der günstigsten Tankstelle in ihrer Umgebung suchen können. „In den vergangenen Monaten sind die Zugriffe um 40 Prozent gestiegen“, sagt Steffen Bock, Betreiber der Internetseite.

Merkel: Reserve anzapfen

Die Rekord-Spritpreise haben auch die Politiker in ihrem Wahlkampf erreicht. Union und FDP haben eine Diskussion über das Anzapfen der deutschen Ölreserven angestoßen. Was in den Vereinigten Staaten möglich sei, „sollte auch in Deutschland kein Tabu sein“, sagte Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag in Berlin. FDP-Chef Guido Westerwelle sprach von einer sinnvollen Möglichkeit zur Entlastung der Bürger an der Zapfsäule. Deutschland lagert als Notreserve rund 29 Millionen Tonnen Rohöl und Ölprodukte wie Benzin und Heizöl, das entspricht einem Vorrat für 90 Tage.

Die Bundesregierung will die Reserve jedoch nicht antasten. „Es liegt keine Versorgungsstörung vor“, hieß es im Wirtschaftsministerium. CSU-Chef Edmund Stoiber will den Bürgern einen Teil der zusätzlichen Mehrwertsteuereinnahmen zurückgeben. „Die zusätzliche Mehrwertsteuer, die dadurch entsteht, daß der Ölpreis explodiert, müssen wir für die Absenkung des Benzinpreises einsetzen“, sagte Stoiber in einer ARD-Sendung. Unterdessen wehren sich die Mineralölkonzerne gegen den Vorwurf der Abzocke. Trotz der hohen Preise machten viele Tankstellen Verluste, weil sie die gestiegenen Kosten nicht im vollen Umfang auf die Kunden umlegten, sagte eine Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbands.

„Irrationale Marktphase“

Wilhelm Bonse-Geuking, für Europa zuständiger Group Vice President des britischen BP-Konzerns, ist davon überzeugt, daß der dramatische Preisanstieg für Rohöl in hohem Maße spekulationsgetrieben ist. „Wir befinden uns in einer irrationalen Marktphase, die nicht durch Fundamentaldaten gestützt ist“, sagte er dieser Zeitung. Er hoffe, daß die Spekulationsblase platze, bevor die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig Schaden nehme. Nach Einschätzung des Präsidenten des europäischen Mineralölwirtschaftsverbandes sind beim derzeitigen Ölpreis von 70 Dollar je Barrel rund 20 Dollar spekulativ bedingt.

Von Rohölknappheit kann nach den Worten Bonse-Geukings keine Rede sein. Die Lagerbestände an Rohöl seien global stark gestiegen, was mit der bevorstehenden Winterperiode zu tun habe. In den Vereinigten Staaten lägen die Bestände sogar auf einem Fünfjahreshoch. Im BP-Konzern wird allerdings nicht damit gerechnet, daß der Rohölpreis bis 2010 nochmals unter 40 Dollar je Faß sinken könnte.

Deutlich angespannter ist nach Bonse-Geukings Darstellung die Situation beim Benzin. Die Produktionsunterbrechungen in den beschädigten Raffinerien am Golf verschärften die Situation erheblich. Die Vereinigten Staaten als der mit Abstand weltgrößte Spritverbraucher sind nach seinen Worten seit geraumer Zeit starke Preistreiber. Mit mehr als 40 Millionen Tonnen Treibstoff importierten sie jährlich fast das Doppelte des deutschen Bedarfs. Die Deutsche BP mit Sitz in Bochum verzeichnet nach seinen Worten derzeit exzellente Margen im Raffineriegeschäft.

Quelle: ht./B.K., F.A.Z., 02.09.2005, Nr. 204 / Seite 13
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