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Energie Das BP-Inferno

 ·  Der wertvollste Konzern Großbritanniens soll Gewinnwachstum über die Sicherheit seiner Mitarbeiter stellen. Ein Untersuchungsbericht nährt diesen Verdacht. Der Vorstandsvorsitzender Browne übernimmt jedenfalls die moralische Verantwortung für die Explosion einer Raffinerie in Texas.

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Katerstimmung bei British Petroleum (BP): Der wertvollste Konzern Großbritanniens steht im Verdacht, Gewinnwachstum über die Sicherheit seiner Mitarbeiter zu stellen. Auslöser für den Vorwurf ist der Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission, die die chronischen Mängel bei den Sicherheitsstandards von fünf amerikanischen Öl-Raffinerien in Nordamerika heftig kritisierte. Ohne Konzernchef John Browne persönlich anzugreifen oder direkt in die Pflicht zunehmen, weist die Expertenrunde der BP-Führung gleichwohl schwere Versäumnisse nach.

Browne, der seit 1995 an der Spitze des britischen Ölkonzerns steht und diesen Posten vorzeitig im Juli an Nachfolger Tony Hayward abtritt, weist den Hauptvorwurf der Kommission indes von sich: "Wir haben niemals notwendige Ausgaben für die Sicherheit unserer Anlagen abgelehnt, nur um den Gewinn um jeden Preis zu steigern", sagte er nach Vorlage des 374 Seiten starken Reports, der am Dienstag in Houston/Texas vorgelegt worden war. Gleichwohl übernehme er für die geäußerte Kritik sowie für die laxen Sicherheitsstandards, die im März 2005 zu einer Explosion auf der BP-Raffinerie in Texas City führten, die "moralische Verantwortung".

Vergleiche sollen Peinlichkeiten vorbeugen

Bei dem tragischen Unfall gab es 15 Tote und etwa 170 Verletzte. Im Nachgang des Unglücks startete die unabhängige Untersuchungskommission, die vom ehemaligen amerikanischen Außenminister James Baker geführt wird, ihre Recherchen. Dabei kamen mehr als 700 Mitarbeiter vor Ort sowie weitere 7500 Personen in- und außerhalb von BP zu Wort. Im Vorgriff auf mögliche Schadensersatzforderungen von Opfern und Hinterbliebenen hat der britische Konzern umgerechnet bereist 1,2 Milliarden Euro zurückgestellt.

Um peinliche Enthüllungen in der Öffentlichkeit zu vermeiden, hatten sich die amerikanischen BP-Statthalter bereits in vielen Fällen mit potentiellen Klägern außergerichtlich verglichen. Die harschen Resultate des Baker-Reports, so die Furcht im Konzern, könnten jetzt in Nordamerika neue Prozessgegner auf den Plan rufen oder gar die Rechtsanwälte von betroffenen Mitarbeitern zu einem neuen Anlauf vor Gericht animieren.

Nachlässige Inspektions-, aber stramme Kostenkontrolle

Um die Brisanz des Untersuchungsberichts zu mildern, verkündete BP fast zeitgleich mit dessen Vorlage, dass man die zehn Empfehlungen rasch im Konzern umsetzen wolle. Dazu zählt die Verpflichtung eines unabhängigen Beobachters für einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren. Er soll intern wie extern über die Fortschritte der neuen "Sicherheitskultur im Konzern" informieren. Die jetzt von der Kommission attestierten Schlampereien bei Wartungsarbeiten oder die nachlässige Kontrolle von Inspektionsintervallen gehen mit der strammen Kostenkontrolle der Londoner Zentrale einher. Dabei soll Browne beispielsweise für das Geschäftsjahr 2001 vorgegeben haben, die Fixkosten im Konzern um mindestens 4 Milliarden Dollar zu kappen, geht aus internen Schriftwechseln bei BP hervor. Um die ehrgeizigen Vorgaben der Zentrale zu erfüllen, nahmen die Statthalter in den Landesgesellschaften offenbar kräftige Abstriche bei Routineausgaben für Wartung oder Sicherheit vor.

Kenner des britischen Ölkonzerns führen das Geschäftsgebaren bei BP zum einen auf den konstanten Druck von Investoren zurück, Sparpotentiale konsequent auszuschöpfen und so den Gewinn laufend zu erhöhen. Gleichzeitig stand Browne im Londoner Finanzviertel unter Druck, seine milliardenschweren Zukäufe in den Vereinigten Staaten vor den Aktionären - mit möglichst steigenden Renditen - zu rechtfertigen. Ende der neunziger Jahre bereitete der BP-Chef die Übernahmen der amerikanischen Konkurrenten Amoco und Atlantic Richfield für mehr als 100 Milliarden Dollar vor. Durch die Einkaufstour in Übersee stieß der bis dahin als schwerfällig geltende Ölproduzent aus Großbritannien in die internationale Spitzengruppe vor.

BP-Kurs auf Talfahrt

Angesichts der jüngsten Hiobsbotschaften aus Nordamerika geriet das Ansehen Brownes sowie der Kurs von BP zunehmend unter Druck. Nach Vorlage des Baker-Berichts setzte sich die Talfahrt fort: Die Aktie des Konzerns, der an der Börse gegenwärtig rund 169 Milliarden Euro wert ist, verlor am Mittwoch in London zeitweise um 1,6 Prozent.

BP teilte Ende vergangener Woche mit, dass Browne bereits Ende Juli des kaufenden Jahres in den Ruhestand treten werde. Damit rückt Nachfolger Hayward 17 Monate früher als bislang avisiert an die Spitze des Konzerns auf. Angesichts des harschen Befundes der Baker-Kommission wirkt der vorzeitige Abschied Brownes jetzt für viele verständlicher. Dem legendären Konzernlenker der britischen Industrie sollte aber ein ehrenvoller Abgang ermöglicht werden, sagen Fondsmanager.

Quelle: ufe., F.A.Z., 18.01.2007, Nr. 15 / Seite 14
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