Home
http://www.faz.net/-gqe-70nw8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

EnBW-Kauf Mappus war gesteuert

Stefan Mappus regierte Baden-Württemberg wie ein Fürst. Und kaufte sich im Handstreich einen Atomkonzern. Nun ermittelt ein Untersuchungsausschuss. Und immer mehr peinliche Details kommen ans Licht.

© dpa Vergrößern Stefan Mappus war 15 Monate Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Jetzt hat er keinen Job

An einem schönen Maitag geht Stefan Mappus in die Luft. Der Himmel über dem Flugplatz Hahnweide ist wolkenlos an diesem Mittwoch vor sechs Wochen, bestes Flugwetter im Stuttgarter Luftraum. Doch Mappus’ Frau bekniet ihren Hobbypiloten, dieses Mal nicht mit der Cessna abzuheben. Zwei Tage zuvor ist auf der Hahnweide ein Millionär abgestürzt, ein Bekannter von Mappus. Er überlebte nicht. Mappus ist geschockt über den Tod des Kunstfliegers, der ihn oft mitnehmen wollte auf Looping-Tour. Mappus startet trotzdem. Jetzt erst recht.

Hendrik Ankenbrand Folgen:  

So ist der Mann. Mappus kämpfte schon immer, und er gewann auch immer. Mit 23 Gemeinderat, mit 30 im Landtag, mit 32 Staatssekretär, mit 44 Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Dann war Schluss. Den milliardenschweren Kauf des Atomkonzerns ENBW am Parlament vorbei machten die Bürger nicht mehr mit: 2011, kurz nach Fukushima, wählten sie ihn aus dem Amtssitz Villa Reitzenstein. Danach wollte Mappus auswandern und Manager werden für einen deutschen Pharmakonzern in Brasilien. Auch das hat sich zerschlagen.

Bis zuletzt war kaum jemand eingeweiht

„Statt Caipi am Strand von Rio Untersuchungsausschuss in Stuttgart – lecko mio!“, dichtete Mappus im Januar vor der Freiburger Narrenzunft. Humor ist wenn man trotzdem lacht: Seit einem Jahr sitzt Mappus nun arbeitslos in Pforzheim. Wenn er den Söhnen nicht bei den Hausaufgaben hilft oder im weinroten BMW-Einser-Cabrio durchs Ländle rollt, dann steht er im permanenten Verteidigungskampf.

EnBW-Untersuchungsausschuss © dapd Vergrößern Bei Investmentbanker Dirk Notheis liefen die Fäden für den ENBW-Deal zusammen

Denn in diesen Wochen wird im Landtag am Schlossgarten der einzige große Deal seiner kurzen Amtszeit aufgerollt. Was lästige Pflicht sein sollte, gerät für Mappus zur Existenzfrage: Es geht jetzt nicht nur um seine Ehre, sondern auch um seine wirtschaftliche Zukunft. Auch strafrechtliche Ermittlungen sind nicht ausgeschlossen. Fiese Details fördert der Ausschuss zutage, der Vorwurf der Lüge steht im Raum und der Eindruck, im Südwesten Deutschlands gehe es zu wie in Timbuktu.

Mehr zum Thema

Für 4,7 Milliarden Euro hatte das Land unter Mappus’ Führung dem französischen Energieversorger EdF ein Aktienpaket von ENBW abgekauft. Der Deal, verkündet mit einem Paukenschlag am kalten Nikolaustag des Jahres 2010, sollte sein Trumpf im Wahlkampf werden: Wer Mappus wählt, der sitzt im Warmen. Bis zuletzt war kaum jemand eingeweiht in den Coup, das Parlament nicht, der Finanzminister nicht, auch engste Vertraute im Staatsministerium nicht. Fast im Alleingang heckte Mappus den Milliardenkauf aus mit einem seiner engsten Freunde: Dirk Notheis, einem Frankfurter Investmentbanker. Das Spiel gelang. „Was für ein Nikolaustags-Geschenk!“, jubelte Notheis per Mail an sm@stm.bwl.de.

Als ob er es geahnt hätte

Die Adresse ist inzwischen stillgelegt, die Mails, die an sie gerichtet wurden, liegen auf den Tischen der Ermittler im Landtag. Der einstige Triumph schmeckt schal. Seit Fukushima sind zwei von vier Atommeilen der ENBW abgeschaltet, letztes Jahr hat der Konzern den Bürgern Baden-Württembergs fast 900 Millionen Euro Verlust beschert, fast eine Milliarde ist bereits abgeschrieben. Die grün-rote Regierung droht, das Geschäft rückgängig zu machen, weil viel zu teuer gekauft worden sei. Zwei Milliarden Euro sollen die Franzosen zurückzahlen, der angeblich überhöhte Preis sei eine „verbotene Beihilfe“ gewesen. Nun ist das Chaos perfekt, zuvor hatte schon Stuttgarts Staatsgerichtshof Mappus’ Geschäft als verfassungswidrig gebrandmarkt: Ohne Parlamentsbeteiligung darf das Land keine Milliarden versprechen.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mini-Kolumne Neigschmeckt Der Genießer-Graben

Heut scho Maultäschle ghett? Noi? Essen steht eben im Schwabenland erst auf der Tagesordnung, wenn die Arbeit erledigt ist. Dritter und letzter Teil unserer Mini-Kolumne übers Ländle. Mehr Von Susanne Preuss

20.03.2015, 14:00 Uhr | Beruf-Chance
Herz oder Kopf  Landliebe oder Lüge? 

Die Sehnsucht nach dem guten alten Bauernhof lässt uns ein Leben lang nicht los. Doch die Idylle von damals ist kein Modell für die Zukunft. Unser Autor ist selbst gespalten: Sein Herz träumt von früher, sein Kopf bleibt kühl. Mehr Von Jan Grossarth

20.11.2014, 14:34 Uhr | Wirtschaft
Sonnenfinsternis Beglückte, Enttäuschte und Streitwütige

In weiten Teilen Deutschland war das seltene Naturspektakel bei wolkenlosem Himmel zu bestaunen. Im Norden und Westen hatten die Menschen weniger Glück. Im NRW-Landtag bot die Verfinsterung Anlass für bizarre Rededuelle. Mehr

20.03.2015, 12:17 Uhr | Gesellschaft
EnBW-Chef Frank Mastiaux Der Mann für die Wende

Herkulesaufgabe, Himmelfahrtskommando – so das Medienecho zu Frank Mastiaux. Der Mann an der Spitze des Energiekonzerns EnBW steht wie kaum ein anderer Vorstandschef Deutschlands unter Beobachtung. Er muss einen Konzern, der lange sehr gut vom Atomstrom lebte, zu einem grünen Konzern umbauen. Mehr

19.03.2015, 10:27 Uhr | Wirtschaft
Tüftlerstandort Ba-Wü Willkommen im Cluster-Ländle

Der Südwesten rühmt sich als Land der Tüftler. Viele Industriezweige haben dort lange Tradition. Und auch heute noch hat das Ländle eine hohe Innovationskraft. Auftakt der Mini-Serie über den Standort Baden-Württemberg. Mehr Von Holger Paul

18.03.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.06.2012, 19:23 Uhr

Teurer Arbeitsfrieden

Von Manfred Schäfers

Die meisten Menschen werden jetzt aufatmen: Mit der Tarifeinigung ist der große Streik im öffentlichen Dienst abgewendet worden. Die Länder haben sich das einiges kosten lassen. Mehr 4 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wo es den meisten Urlaub gibt

In Deutschland haben Arbeitnehmer gesetzlich einen Urlaubsanspruch von 24 Tagen. Wie es in anderen Ländern ist, zeigt unsere Grafik des Tages. Mehr 3