http://www.faz.net/-gqe-74ulc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.12.2012, 17:55 Uhr

Empfehlung aus Brüssel EU-Kommissar verteidigt Jobgarantie für Jugendliche

EU-Staaten sollen garantieren, dass kein Jugendlicher mehr arbeitslos bleibt - das will EU-Sozialkommissar László Andor. Er hat viel Kritik bekommen. Und verteidigt seine Idee.

von , Brüssel
© dpa Massenphänomen: Junge Griechen demonstrieren gegen die Arbeitslosigkeit in ihrem Land.

EU-Sozialkommissar László Andor hat seinen Vorstoß zur Einführung einer sogenannten Jugendgarantie verteidigt. Wenn die Mitgliedstaaten sich jetzt nicht dazu verpflichteten, jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten eine adäquate Stelle oder zumindest einen Praktikumsplatz zu verschaffen, kämen auf die Gesellschaft langfristig hohe Kosten zu, sagte er am Donnerstag in Brüssel während der Vorstellung von Vorschlägen zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Verglichen damit seien die für die Jugendgarantie nötigen Investitionen gering.

Hendrik  Kafsack Folgen:

Schätzungen zufolge kostet die EU die Jugendarbeitslosigkeit 153 Milliarden Euro im Jahr an Sozialleistungen und entgangenen Steuereinnahmen, sagte Andor. Hinzu käme langfristig noch die Belastung der Sozialkassen, wenn die Jugendlichen dauerhaft keine Perspektive am Arbeitsmarkt erhielten.

Jugendliche sollen höchstens vier Monate lang arbeitslos sein

In Ländern wie Griechenland, Spanien oder Portugal, in denen es im Moment kaum adäquate Stellen für junge Menschen gibt, müssten die Regierungen zunächst vor allem auf die Schaffung von Praktikumsplätzen setzen, sagte László Andor. Zudem müssten diese besonders von der Jugendarbeitslosigkeit betroffenen Länder die Mobilität der jungen Menschen erhöhen, damit sie auch im Ausland auf Arbeitssuche gehen könnten. Zu dem Vorschlag war viel Kritik gekommen.

Konkret schlägt László Andor vor, dass Jugendliche innerhalb von vier Monaten nach dem Ende der Ausbildung oder einem Arbeitsplatzverlust eine neue Stelle, einen neuen Ausbildungsplatz oder einen Praktikumsplatz haben sollen. Wie die Staaten diese Garantie umsetzen, soll ihnen überlassen bleiben. Halten sie sich nicht daran, hat das zunächst keine unmittelbaren Folgen, weil Andor die Vorschläge nur als „Empfehlung“ vorgelegt hat. Diese sind verglichen mit anderen EU-Regelungen rechtlich weniger bindend. Die Kommission könne aber, etwa mit den im Stabilitätspakt zugeteilten neuen wirtschaftspolitischen Kompetenzen, durchaus Druck auf die Staaten ausüben, hieß es in der Behörde.

Mehr zum Thema

Die Kommission will die Staaten allerdings auch finanziell unterstützen, wenn sie Garantien für Jugendliche einführen. Dazu könne sie auf Geld aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zurückgreifen, sagte Andor. Neben der Jugendgarantie schlug die Behörde Qualitätsleitlinien für Praktika und eine Stärkung dualer Ausbildungssysteme vor. Das deutsche duale System gilt dabei als Vorbild.

Hauptstoßrichtung der Vorschläge sind Süd- und Osteuropa. Hier liegt die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern bei mehr als 30 Prozent. In Griechenland und Spanien sind 55 Prozent der jungen Menschen arbeitslos. Unterstützung für den Vorstoß zur Jugendgarantie erhielt Andor aus dem Europaparlament. Sowohl Sozialdemokraten als auch Grüne und FDP sprachen sich dafür aus. Kritik übten die deutschen Wirtschaftsjunioren. Eine Jobgarantie als Allheilmittel vorzuschlagen, sei vor allem ein Zeichen der Hilflosigkeit.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aktien-Analyse Disney trotzt den Tragödien von Orlando

Die Eröffnung eines Parks in China wird überschattet. Die Analysten trauen der Aktie trotzdem viel zu. Mehr Von Norbert Kuls, New York

20.06.2016, 13:34 Uhr | Finanzen
Künstliche Befruchtung Geschäft mit Retortenbabys boomt in Spanien

Die spanischen Gesetze zur künstlichen Befruchtung zählen zu den liberalsten in Europa. Rund 200 Einrichtungen im Land sind auf die medizinisch unterstützte Zeugung von Babys spezialisiert – die Kliniken ziehen auch viele Menschen mit Kinderwunsch aus dem Ausland an. Die Branche in Spanien setzt pro Jahr mehrere hundert Millionen Euro um. Mehr

21.06.2016, 12:44 Uhr | Gesellschaft
Neue Studie Europa ohne überzeugte Europäer

Die Europäer sind gespalten, was das Verhältnis ihrer Staaten zur EU betrifft. Viele bevorzugen eine starke nationale Politik, wollen aber, dass die EU mehr Gewicht in der Weltpolitik bekommt. Kann die Staatengemeinschaft das aushalten? Mehr Von Oliver Kühn

15.06.2016, 08:36 Uhr | Politik
So groß wie eine Maus Neugeborener Panda verzückt Belgien

Im Zoo von Brugelette, rund 50 Kilometer südwestlich der belgischen Hauptstadt Brüssel, ist ein gesundes Panda-Baby zu Welt gekommen. Panda-Mutter Hao Hao brachte das nur 171 Gramm wiegende Junge am frühen Morgen zur Welt. Mehr

03.06.2016, 08:05 Uhr | Gesellschaft
Brexit Und was ist mit uns?

Die Briten wollen raus aus der EU. Was heißt das für die Deutschen? Die F.A.S beantwortet die wichtigsten Fragen nach dem Referendum. Mehr Von Corinna Budras

26.06.2016, 14:49 Uhr | Wirtschaft

Das Herz der EU

Von Holger Steltzner

Der EU-Binnenmarkt ist in Misskredit geraten, viele verteufeln ihn als neoliberal oder verunglimpfen ihn als Machtmittel deutscher Hegemonie. Dabei ist gerade er der wirtschaftliche Motor, der Wachstum und Wohlstand bescherte. Mehr 112 139

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 61

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden