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Veröffentlicht: 28.01.2015, 10:19 Uhr

Migration Was hat Deutschland von der Einwanderung?


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Zudem, sagt Oltmer, sei der Niedriglohnsektor, in dem viele Migranten (auch mit Hilfe staatlicher Aufstockung) arbeiten, politisch gewollt. Zum Beispiel die Subunternehmen auf dem Bau: „Oft wird gar nicht genau kontrolliert, ob da die geltenden Gesetze zur Arbeitszeit, Mindestlöhnen und zur Sozialversicherung überhaupt eingehalten werden.“ Würde häufiger und genauer kontrolliert, würden viele Fabriken im Graubereich wohl schließen müssen. Das hätte für die Gesellschaft letztlich aber auch zur Folge, dass die Produkte für Endkunden teurer würden.

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Die Industrie fordert weiterhin den relativ unbeschränkten Zuzug. Lautstark wird freilich vor allem nach hochqualifizierten Fachkräften gerufen. Der Versuch mit einer „Greencard“ in größerer Zahl IT-Fachkräfte nach Deutschland zu locken scheiterte indes, auch die „Blue Card“ für Akademiker aus Drittstaaten hat nur wenige angelockt. Die stark umworbenen „Computer-Inder“ gehen in der Mehrheit doch lieber nach London oder New York statt nach Böblingen.

Dem deutschen Rentensystem würden sie fraglos gut tun. Unter Ökonomen herrscht weitgehend Einigkeit, dass die schrumpfende deutsche Gesellschaft junge Einwanderer braucht, allein schon um das umlagefinanzierte Rentensystem halbwegs aufrecht zu halten. Denn in 15 Jahren werden die Babyboomer, also die um das Jahr 1965 Geborenen, in Rente gehen. Doch weil diese geburtenstarken Jahrgänge selbst nur wenige Kinder bekommen haben, fehlt es an Beitragszahlern, die die riesige Last stemmen können. Weil die Einwanderer im Durchschnitt eher jünger sind, können sie helfen, das Problem zu lindern. Allerdings gilt auch: Die Zuwanderung kann dieses Problem nicht alleine lösen, dafür müssten Zuwanderer in nicht realistischer Zahl kommen. Sie können das Problem aber zumindest etwas abfedern, wie ein Blick auf die Alterspyramide zeigt.

Infografik / Alterspyramide 2013 nach Migrationshintergrund © F.A.Z. Vergrößern

Wichtiger als für die Rente, dürfte die Verjüngung für die Mentalität im Land sein. Ohne Zweifel hat die Migration Deutschland bunter und jünger gemacht. Freilich gibt es Gewinner und Verlierer dieser Entwicklung: Verloren haben eher die Deutschen mit geringer Ausbildung, deren Löhne unter Druck gekommen sind, weil sie auf dem Arbeitsmarkt mit den Zugezogenen konkurrieren. Gewinner sind aber nicht nur die Hochqualifizierten, die sich dank Zuwanderung billig eine Putzfrau leisten können - oder die Arbeitgeber, die günstige Arbeitskräfte für ihre Fabriken, Schlachtereien und zum Spargelstechen finden.  Auch die Allgemeinheit profitiert, weil viele Dienstleistungen so bezahlbar bleiben. Für Familien mit häuslichen Pflegefällen wäre die Last ohne polnische Hilfe oft gar nicht zu stemmen. Laut der Caritas wird die Versorgung von Pflegebedürftigen zu hause fast ausschließlich von Ausländern übernommen. Meist illegal, leben sie häufig im Haushalt und stehen mehr oder weniger rund um die Uhr zur Verfügung. Die Caritas geht von 150.000 bis 200.000 Fällen in Deutschland aus.

Auch Häuslebauer haben Vorteile, weil Bauarbeiten und viele Handwerker so günstiger sind. Nachtschwärmer, weil sie ohne türkische Taxifahrer, kaum nach Hause kommen. Und Landmenschen, weil in vielen Dörfern die einzige Gaststätte im Ort inzwischen von Migranten geführt wird.

In der technischen Sprache der Ökonomen ausgedrückt: Das zusätzliche Arbeitsangebot auf dem Arbeitsmarkt sorgt für niedrigere Löhne in vielen Branchen und damit auch für billige Endprodukte. Die Konsumenten profitieren so letztlich in Form einer zusätzlichen „Konsumentenrente“ von den niedrigen Preisen. All das muss in volkswirtschaftlichen Erwägungen über Kosten und Nutzen der Migration berücksichtigt werden.

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