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Einkommensverteilung Die Abstiegssorgen der Mittelschicht

 ·  Studien zeigen, dass die Polarisierung zwischen Arm und Reich weiter wächst. Die bestehende Mittelschicht hält sich aber recht gut. Sorgen bereitet eher die zunehmende Unterschicht.

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Erftstadt, südwestlich von Köln. In Reih und Glied stehen die kleinen Häuser. Hier haben Familien ihr Vorstadtidyll gefunden: gepflegte Doppelhaushälften, ein kleiner Garten, der Weg in die Metropole in erträglicher Pendlerentfernung. Klassische deutsche Mittelschicht. Doch in den Familien hat sich Druck aufgebaut. Bald stehen die Halbjahreszeugnisse für die Viertklässler an, und damit geht es scheinbar ums Ganze. Die Zukunft entscheidet sich jetzt, denken manche. Auf ihre Kinder überträgt sich die latente Spannung. Wer es nicht aufs Gymnasium schafft, verpasst das Abitur und damit den Zugang zum großen Glück.

Die unterschwellige Zukunftsangst um ihre Kinder ist ein Ausdruck wachsender Verunsicherung. „Panik in der Mittelschicht“ titelte vor einigen Wochen eine Zeitung. Das anscheinend bedrohliche Abstiegsszenario wurde unterlegt mit Zahlen der jüngsten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Demnach ist die deutsche Mittelschicht in einem längerfristigen und nahezu ungebremsten Schrumpfungsprozess begriffen. Innerhalb von zehn Jahren ist demnach der Anteil der mittleren Einkommensbezieher, die 70 bis 150 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung haben, von 64 auf 61,5 Prozent gesunken. Nur im Krisenjahr 2009 hat sich das Problem ein klein wenig entschärft. Von „sozialem Sprengstoff“, „Erosion der Mittelschicht“, „bröckelndem Kitt“ und einer wachsenden Kluft zwischen oben und unten schrieben am Tag nach Veröffentlichung der DIW-Studie die Leitartikler.

Die Unterschicht wächst

Dass in der Gesellschaft in Deutschland die Unterschiede zunehmen, ist nicht zu verkennen. Aber es passiere eher selten, dass Familien der Mittelschicht plötzlich in die Unterschicht stürzen, sagen Soziologen wie Meinhard Miegel. „Eine solche Verelendung ist absolut nicht zu sehen.“ Die offenkundig wachsende Polarität zwischen Arm und Reich hat vor allem damit zu tun, dass die Gruppe mit den geringsten Einkommen relativ zur Gesamtbevölkerung größer wird. Nach den DIW-Angaben ist der Anteil der unteren Einkommensbezieher seit der Jahrtausendwende von 18 auf 22 Prozent gestiegen.

Wer von der wachsenden Unterschicht spricht, kommt am Thema Zuwanderung nicht vorbei. Denn ein Großteil der „neuen Armen“ sind Immigranten oder ihre Kinder. Sie haben oft geringere berufliche Qualifikationen. Die Quote der Arbeitslosen unter Ausländern war 2007 mit 20,3 Prozent etwa doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Miegel hat die sozioökonomischen Daten, die das DIW für seine Studien erhebt, selbst ausgewertet und kam zu dem Ergebnis, dass von 4,1 Millionen zusätzlichen Personen in der untersten Einkommensschicht etwa 2,9 Millionen einen Migrationshintergrund haben. Auch der Politologe Stefan Luft von der Universität Bremen, der zur Geschichte der Migration forscht, verweist auf den hohen Ausländeranteil in der Unterschicht: „Wir haben bei der Zuwanderung über Jahrzehnte nicht nach Qualifikation gesteuert, sondern einen Großteil von Bildungsfernen aufgenommen“, kritisiert er.

Durch Roboter ersetzt

Geringqualifizierte haben heute aber unabhängig von ihrer Herkunft auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Ökonomen verweisen auf den gestiegenen Konkurrenzdruck durch die Globalisierung: „In den vergangenen zwanzig Jahren, nach dem Fall der Mauer und dem Ende der Spaltung der Welt, sind rund 3 Milliarden Menschen in die globale Arbeitsteilung eingetreten“, sagt Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. „Die stehen nun in unmittelbarem Wettbewerb insbesondere zu den niedrig qualifizierten Arbeitnehmern in den alten Industrieländern.“ Das führt dazu, dass die unteren Lohngruppen tendenziell stärker unter Druck geraten.

Zudem gibt es einen vom technischen Wandel ausgelösten Trend, der die Hochqualifizierten begünstigt und den Geringqualifizierten schadet, wie RWI-Ökonom Schmidt betont: Immer mehr einfache Tätigkeiten werden von Maschinen ersetzt. Wo früher noch Hunderte Arbeiter am Band standen, werken nun Roboter. Klassische einfache Industriestellen gingen vielerorts verloren. Stärker gefragt sind hingegen die Fachkräfte und Spezialisten, die zur Entwicklung, Bedienung und Wartung der Hightech-Maschinen notwendig sind. Auch in klassischen Mittelschichtberufen ist dieser Wandel spürbar. „Nehmen wir die Banken, da hat sich viel getan“, sagt Schmidt. „Routinetätigkeiten wie die Ein- und Auszahlungen in der Bank werden heute am Geldautomaten erledigt.“

„Wissen veraltet schneller“

Insgesamt ergibt sich eine stärkere Spaltung des Arbeitsmarktes in oben und unten. Während die Stellen der einfachen Arbeiter und Angestellten verschwinden oder ihre Löhne tendenziell sinken, steigt der relative Wert von hochwertigen Arbeiten. Indizien dafür sind die hohen Einkommen von sehr spezialisierten Berufsgruppen wie Sportlern oder Schauspielern. Auch der Abstand in der Vergütung von Dax-Vorständen gegenüber dem durchschnittlichen Gehalt der Belegschaft hat sich seit 1995 verdreifacht, wie eine Untersuchung des Instituts für Management an der Humboldt-Universität Berlin zeigt. Die Arbeitskraft im Niedriglohnbereich verliert indes dauerhaft an Wert. „Man kann sich dieser durch den technischen Wandel induzierten Entwicklung nicht entziehen“, sagt Schmidt. Die Welt dreht sich schneller, „Wissen veraltet schneller“. Das führe auch dazu, dass einmal erreichte berufliche Positionen eher gefährdet seien, sagt der Arbeitsmarktforscher Schmidt. „Die Menschen werden in Zukunft mit größerer beruflicher Unsicherheit leben müssen.“

Berlin im Frühjahr. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen tritt an das Rednerpult einer Tagung der Bertelsmann-Stiftung. Frisch und dynamisch wie stets. Es ist die Zeit, bevor sie kurzfristig als neue Bundespräsidentin gehandelt wird. „Strukturwandel durch den technischen Fortschritt und der demographische Wandel“, das seien die zwei großen Trends des Arbeitsmarktes, auf den sich Deutschland einstellen müsse. Von der Leyen sieht die Gefahr, dass Betriebe einen wachsenden Bedarf an Arbeitskräften haben werden und gleichzeitig viele Arbeitsuchende nicht die erforderlichen Qualifikationen mitbrächten. Die Lösung der Ministerin: „Der Arbeitsmarkt muss weiblicher, internationaler und älter werden.“ Ältere Arbeitnehmer seien fitter als früher und müssten in den Unternehmen gehalten werden. In den Fokus rückt sie zwei Problemgruppen: alleinerziehende Frauen und unterqualifizierte Migranten. Die einen benötigten eine bessere Kinderbetreuung. Die anderen müssten näher ans Berufsleben herangeführt werden: Kooperationen mit den Industrie- und Handelskammern sowie Berufslotsen in den Schulen könnten helfen.

Unternehmen klagen über mangelnde Ausbildungsreife der Schulabsolventen

Die Bundesregierung habe zwar die richtigen Probleme adressiert, sagt Axel Plünnecke vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. „An der Umsetzung hapert es aber vielfach noch, beispielsweise in der frühkindlichen Bildung“, bemängelt er. Es gebe eine wachsende Risikogruppe unter jungen Leuten, die etwa ein Fünftel ausmacht. 7 Prozent aller Schüler bleiben ohne Abschluss - unter Migrantenkindern sind es sogar mehr als 13 Prozent -, und etwa 12 Prozent aller Schüler haben zu geringe Kompetenzen für einen Ausbildungsplatz. Wolle Deutschland der Einkommensspaltung entgegenwirken, müsse es diese Risikogruppe näher an die Erfordernisse des Arbeitsmarktes heranführen. „Die Länder, in denen die Kompetenzen stark streuen, sind auch die mit der größten Einkommensspreizung“, sagt Plünnecke. In dieser Hinsicht liege Deutschland im Mittelfeld zwischen den skandinavischen Ländern mit sehr wenigen „Geringkompetenten“ und den angelsächsischen Staaten mit sehr vielen.

Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag regelmäßig befragt, klagen über eine mangelnde Ausbildungsreife der Schulabsolventen. Immerhin gebe es eine leichte Verbesserung zu den Vorjahren, sagt Sybille von Obernitz, Bereichsleiterin berufliche Bildung des DIHK. Vor vier Jahren hatte der Anteil der klagenden Unternehmen noch zwei Drittel betragen. Auch wenn die Betriebe ihre Ansprüche wohl etwas gesenkt haben, sei das etwas verbesserte Niveau nicht zu verkennen, sagt Obernitz. „Man hat den Eindruck, die Schulen tun etwas.“ Der DIHK sieht den demographischen Wandel gleichwohl mit Sorge. Angesichts sinkender Schülerzahlen werde es schwieriger, geeignete Bewerber zu finden - die Zahl der Schulabsolventen lag zur Jahrtausendwende bei 932 000, im Jahr 2020 werden es etwa 200 000 weniger sein. „Aber wir können die Mittelschicht nicht auffüllen, wenn ein Fünftel der Schüler nicht fit genug für eine Ausbildung ist, weil sie bestenfalls das Niveau eines Viertklässlers erreichen“, sagt Obernitz.

Kinder der Mittelschicht profitieren vom demographischen Wandel

„Die Panik der bestehenden Mittelschicht aber ist deutlich überzogen“, versichert IW-Bildungsökonom Plünnecke. Selbst wenn die Kinder nicht sofort das Abitur machten, gebe es inzwischen genug Möglichkeiten, nach einer Ausbildung eine akademische Aufstiegschance zu ergreifen. „Bei den Zugängen zu Hochschulen ist das deutsche Bildungssystem inzwischen viel durchlässiger geworden, was allerdings wenig wahrgenommen wird“, sagt er. Die Kinder der heutigen Mittelschicht würden sogar vom demographischen Wandel profitieren, weil junge Leute mit einer soliden Ausbildung als Industriekaufmann oder als technische Fachkraft am Arbeitsmarkt knapper würden. Ihnen eröffnen sich wieder deutlich bessere Chancen.

Erftstadt im Sommer. Die Anspannung der Mittelschichteltern hat sich gelöst. Das letzte Halbjahr der Grundschulzeit ihrer Kinder verlief entspannt, fast schon zu ruhig. Nun finden das Reittraining und der Geigenunterricht wieder statt. Die meisten Kinder und Eltern sind mit der Einstufung für die weiterführende Schule zufrieden. Einige Väter und Mütter haben so lange auf den Lehrer eingeredet, bis die Sprösslinge doch noch aufs Gymnasium zugelassen wurden. Aber die nächste Sorge setzte schnell wieder ein: Könnte die Auswahl der Schule die falschen Weichen stellen? Sollte das Kind zusätzlich in englischsprachige Arbeitsgruppen gehen oder professionellen Theaterunterricht nehmen? Drohen sonst später Nachteile? Von diesen Problemen der Mittelschicht kann die Unterschicht nicht einmal träumen.

Wenn der Durchschnitt arm macht: Die statistische Definition von Armut hat ihre Tücken

Wann ist ein Mensch arm oder reich, wann gehört er zur Unter-, Mittel-, Oberschicht? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeitet mit recht eng gezogenen Schwellenwerten. Den Bereich der Niedrigeinkommensbezieher hat es ab einem Schwellenwert von 70 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Bevölkerung definiert - abweichend von den üblichen 60 oder 50 Prozent. Die 70-Prozent-Marke liegt für einen Alleinstehenden bei 860 Euro Einkommen (inklusive Sozialleistungen). Als hohes Einkommen definiert das DIW alle Nettoeinkommen von mehr als 150 Prozent des Medians, das sind 1844 Euro je Monat. Oberhalb dieses Wertes befindet man sich laut DIW schon im „Einkommensbereich mit gesichertem Wohlstand“. In anderen Studien sind eher 200 Prozent des Medians als Schwelle zu den oberen Einkommen üblich, wenngleich auch dieser Wert willkürlich ist.

Für Paare und Familien mit Kindern erhöhen sich die Schwellen, allerdings nicht proportional je zusätzlichem Familienmitglied. Das DIW berechnet für den Zweck der Studie die Einkommen je nach Haushaltsgröße unterschiedlich, um „bedarfsgewichtete Äquivalente“ zu erhalten. Es wird beispielsweise unterstellt, dass zwei Alleinlebende einen um ein Drittel höheren Bedarf haben als ein zusammenlebendes Paar, das etwa die Kücheneinrichtung gemeinsam nutzt. Wenn sich Familien auflösen und die Zahl der Singlehaushalte steigt, rutschen die Einzelpersonen in niedrigere Klassen - und können unter Umständen als „armutsgefährdet“ gelten. Problematisch an den Verteilungs- und Armutsstudien ist, dass sie mit einem „relativen“ Armutsbegriff arbeiten. Auch wenn alle Einkommen in einer Gesellschaft stark steigen - selbst wenn sie sich verdoppeln sollten -, bleibt der Anteil der „Armen“ oder „Armutsgefährdeten“ unverändert.

Ein weiteres Problem der relativen Armutsdefinition ist ihre Konjunkturabhängigkeit: Die Einkommensverteilung - und damit das Ausmaß der relativen Armut - schwankt im Konjunkturablauf. Das zeigen auch die Daten des DIW, das bei seiner These vom Verschwinden der Mittelschicht auf die vergangenen fünf Jahre abstellt. Blickt man länger zurück, so zeigt sich, dass die Anteile der geringen, mittleren und hohen Einkommen im Vergleich zu 1993 praktisch gleich sind. Von einem Schwinden der Mittelschicht kann dann keine Rede sein. Das größte Manko dieser Armutsdefinition dürfte allerdings sein, dass sie eine simple Lösung suggeriert: eine Umverteilung von Einkommen. Unter Ökonomen ist das aber umstritten - geht es doch weniger um die Umverteilung von Einkommen, sondern von Chancen.

Auch die Datenbasis bei der Berechnung der relativen Armut spielt eine Rolle: Je nachdem, ob man Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, Sozioökonomisches Panel, Mikrozensus oder die europäische Statistik EU-SILC verwendet, erhält man Armutsrisikoquoten zwischen 13 und 18 Prozent - eine Differenz von 5 Prozentpunkten, die lediglich durch die Wahl der Datenbasis entsteht. (hbe./ppl.)

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