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Einkommen Lohnt es sich noch zu arbeiten?

Leistung muss sich lohnen. Dieser hehre Grundsatz findet sich auch im neuen CDU-Programm. Doch wie sieht die Praxis aus? Je größer die Familie, desto kleiner der Abstand zu Hartz IV: Für manchen Arbeitnehmer lohnt es sich kaum, morgens aufzustehen.

© F.A.Z. Vergrößern

Leistung muss sich lohnen. Mit diesem hehren Grundsatz hat die CDU so manchen Bundestagswahlkampf bestritten. Er findet sich auch im neuen Grundsatzprogramm, das sich die Partei in Hannover gegeben hat. „Es entspricht dem Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit, dass man, wenn man arbeitet, mehr hat, als wenn man nicht arbeitet“, heißt es darin. Und die frohe Botschaft folgt auf dem Fuß: „Wir wollen Arbeit statt Arbeitslosigkeit fördern.“

Manfred Schäfers Folgen:    

Doch wie sieht es in der Praxis aus? Lohnt sich die Arbeit für Durchschnittsverdiener überhaupt noch? Oder sind wir tatsächlich an dem Punkt angekommen, an dem wir nur deswegen Tag für Tag schuften, weil es das Verantwortungsgefühl und die Gewohnheit verlangen? Viele Beschäftigte fragen sich das angesichts hoher Abgabelasten und karger Lohnrunden. Doch auch die Arbeitgeber müssen immer wieder aufs Neue rechnen, ob es sich für sie noch lohnt, so viele Arbeitskräfte wie bisher einzusetzen.

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Arbeiten für Niedriglohn unattraktiv

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Publizist Paul Krugmann spöttelte unlängst: „Das moderne deutsche Wirtschaftswunder ist die Tatsache, dass angesichts des Niveaus von Löhnen, Sozialleistungen und Regulierungen überhaupt noch Jobs übrig geblieben sind.“ Klar ist, je höher die Grundsicherung ausfällt, umso mehr sinkt die Bereitschaft, auch zu einem geringeren Lohn zu arbeiten. Dann müssen die Ausgaben der öffentlichen Haushalte und die Kosten der Sozialversicherungen über höhere Steuern und Beiträge auf weniger Schultern verteilt werden, was die Arbeit noch unattraktiver und teurer macht.

Wer wissen will, ob Deutschland heute noch den Ansprüchen genügt, die die CDU postuliert, der sollte das Einkommen von Durchschnittsverdienern mit den Bezügen von Hartz-IV-Empfängern vergleichen. Wie das Statistische Bundesamt ausweist, hat ein Arbeitnehmer im Gastgewerbe im zweiten Quartal dieses Jahres durchschnittlich 1621 Euro im Monat verdient. Im Handel waren es 2715 Euro. Ein durchschnittlicher Arbeiter kam im vergangenen Jahr auf 2582 Euro im Monat, ein Angestellter auf 3510 Euro - alles brutto, das heißt: vor Abzügen, also vor Steuern und Sozialabgaben.

Familie als „Bedarfsgemeinschaft“

Dem ist die Grundsicherung für Erwerbsfähige gegenüberzustellen. Der Regelsatz zur Sicherung des Lebensunterhalts liegt bei 347 Euro im Monat. Ein zusammenlebendes Paar ohne Kinder hat Anspruch auf zwei Mal 90 Prozent des Satzes, also 624 Euro. Für Kinder ab dem 15. Lebensjahr gibt es 278 Euro, für jüngere Kinder 208 Euro im Monat. Hinzu kommen Leistungen für Miete und Heizung.

Wie viel es dafür gibt, hängt zum einen vom Wohnort und zum anderen von der Größe der Familie ab, die bürokratisch korrekt Bedarfsgemeinschaft heißt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bekommen allein lebende Hilfeempfänger gut 200 Euro, ein fünfköpfiger Haushalt etwa 500 Euro. Im November hat eine Bedarfsgemeinschaft aus statistisch gemittelt 1,9 Personen durchschnittlich 812,43 Euro erhalten. Darin sind Sozialversicherungsbeiträge von 151,26 Euro enthalten, die allerdings den Betroffenen nicht zum Leben zur Verfügung stehen.

Sozialleistungen rücken ans normale Einkommen

Der Bund der Steuerzahler hat einige Fälle durchgerechnet. Die Antwort auf die Frage, ob sich Arbeit in Deutschland wirklich lohnt, lautet in aller Kürze: Es kommt darauf an. Je höher der Lohn und je kleiner die Familie, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mit Arbeit am Ende auch deutlich mehr Geld in der Tasche hat als ohne. Aber zuweilen ist der Abstand schon erstaunlich knapp - und es gibt Fälle, in denen man genauso gut zu Hause bleiben könnte. Der Angestellte mit einem Bruttogehalt von 3510 Euro bekommt dank Ehegattensplitting und Kindergeld netto 2833,62 Euro heraus, wie der Steuerzahlerbund errechnet hat. Das sind immerhin 908,62 Euro mehr, als wenn er Hartz IV bekäme.

Wie eng die Sozialleistungen an ganz normale Erwerbseinkommen rücken können, zeigt sich am Verdienst im Gastgewerbe. Ein durchschnittlich verdienender Single hat dort den Berechnungen zufolge 1099 Euro netto im Monat. Das sind 435,07 Euro mehr als ein Hartz-IV-Empfänger. Mit einem Kind schrumpft die Lücke auf 363,81 Euro. Und mit einem nicht arbeitenden Ehepartner und einem weiteren Kind kommt der typische Gastronomie-Angestellte auf 1593,45 Euro im Monat. Ihm bleiben damit gerade einmal 1,45 Euro mehr, als die gleich große, rundum staatlich versorgte Familie zum Leben zur Verfügung hat.

Leistungsanreiz im Keim erstickt

Der Bund der Steuerzahler sieht damit jeden Leistungsanreiz erstickt. Die Ursache sieht er weniger im Umfang der Hilfen als in der zu hohen Steuer- und Abgabenlast. Zu geringe Arbeitsanreize gebe es sowohl für niedrige Einkommensgruppen, weil der Abstand zu Transfereinkommen des Staates zu gering sei, als auch für mittlere und höhere Einkommen, weil dort für jeden zusätzlich verdienten Euro sehr hohe Steuern zu zahlen seien.

„Ein wesentlicher Grund dafür ist der Knick im aktuellen Steuertarif, der zu enormen Belastungen niedriger und mittlerer Einkommen führt“, sagte der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl Heinz Däke, dieser Zeitung. Würde der Tarif zwischen dem Eingangs- und dem Spitzensteuersatz durchgehend linear steigen, würden alle Steuerzahler entlastet, die Progression würde gemildert. „Leistung würde sich wieder lohnen.“ Wenn es dann zu weiteren Entlastungen bei den Sozialbeiträgen komme, bleibe den Steuerzahlern wieder deutlich mehr netto in der Tasche.

Der amerikanische Ökonom Nicholas Gregory Mankiw zählt zu den zehn wichtigsten Prinzipien des ökonomischen Denkens, dass Menschen auf Anreize reagieren. Ob 1,45 Euro im Monat ausreichen, um sich jeden Morgen aus dem Bett zu quälen? Die CDU lässt diese Frage lieber offen. Grundsatzaussagen sind schließlich einfacher zu treffen.

Wenn es trotz Arbeit nicht reicht

Mit den Hartz-Reformen sollte der Sozialstaat gestutzt werden - auch damit Arbeitslose weniger hohe Ansprüche an die Bezahlung einer möglichen Stelle haben. Dazu wurden Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe verschmolzen. Eine Unterstützung bis zur Rente, die sich am alten Nettolohn orientiert, gibt es seither nicht mehr.

Im Gegenzug wurden Leistungen pauschaliert. Langzeitarbeitslose Geringverdiener mit vielen Kindern haben von der Umstellung profitiert, gut ausgebildete Facharbeiter ohne Familie verloren. 1,3 Millionen Menschen gingen zuletzt arbeiten und bezogen ergänzend Arbeitslosengeld

II. Zumeist sind das Teilzeitbeschäftigte oder „Minijobber“. Doch ein Drittel der „Aufstocker“ arbeitet Vollzeit. Bei ihnen ist Hartz IV höher als das Einkommen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 05.12.2007, 08:44 Uhr

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Von Kerstin Schwenn, Berlin

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