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Ein Jahr Finanzkrise Die Verantwortung für das Debakel tragen viele

30.07.2008 ·  Die amerikanische Immobilienkrise erreichte Deutschland vor genau einem Jahr - mit der Schieflage der IKB. Nach Hunderte Milliarden Dollar schweren Wertberichtigungen und zahlreichen Rücktritten ist klar: Die globale Finanzkrise ist noch lange nicht ausgestanden.

Von Benedikt Fehr
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Die amerikanische Immobilienkrise erreichte Deutschland vor einem Jahr mit einem Paukenschlag. Am Montag, dem 30. Juli, meldete die bis dahin wenig bekannte IKB Deutsche Industriebank, sie habe sich mit komplizierten Finanzkonstruktionen überhoben, und zwar ordentlich. Nach dem Rettungsplan, den Spitzenvertreter der Kreditwirtschaft, der Aufsichtsbehörden und der Politik auf einer Krisensitzung am Wochenende zuvor hastig geschmiedet hatten, musste allein die Staatsbank KfW der IKB, an der sie mit 38 Prozent beteiligt war, mit atemberaubenden 8,1 Milliarden Euro unter die Arme greifen.

Seither haben zahlreiche Banken im In- und Ausland milliardenhohe Wertberichtigungen und Verluste bekanntgegeben. In Deutschland wurde die Sachsen LB nur durch Übernahme durch die Landesbank Baden-Württemberg vor dem Kollaps gerettet. Und nach IKB-Chef Stefan Ortseifen, der gleich geschasst wurde, hat das Debakel mittlerweile manche Führungskraft das Amt gekostet; die prominentesten Opfer in Deutschland sind der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt und die KfW-Vorstandssprecherin Ingrid Matthäus-Maier.

470 Milliarden Dollar Wertberichtigungen

Ein Jahr später und nach Wertberichtigungen im Volumen von 470 Milliarden Dollar ist diese Finanzkrise, die in der freihändigen Vergabe von Hypotheken an wenig solvente Schuldner (Subprime) wurzelt, nicht ausgestanden. Ganz im Gegenteil hat sie mit den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen für die beiden größten amerikanischen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac jüngst einen neuen Höhepunkt erreicht. Weitere Hunderte Milliarden Dollar Belastungen zeichnen sich ab. Obendrein droht die Krise über eine Verknappung der Kreditvergabe die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen.

Die Verantwortung für dieses Debakel tragen viele. Dass die deutschen Banken mit zu den größten Opfern einer Krise zählen, deren Zentrum der amerikanische Immobilienmarkt ist, hat freilich hausgemachte Gründe. Einer liegt darin, hat, dass die Banken hierzulande aufgrund des verzerrten Wettbewerbs durch die öffentlich-rechtlichen Landesbanken auf Feldern wie dem Firmenkundengeschäft kaum auskömmliche Margen erzielen; das hat sie veranlasst, sich mit windigen "Zweckgesellschaften" in undurchsichtigen amerikanischen Finanzprodukten zu engagieren.

Banken haben Regeln in großem Stil umgangen

Zum anderen haben es die deutschen Aufsichtsbehörden zugelassen, dass die Finanzinstitute die ihnen gesetzten Regeln in großem Stil umgangen haben; anderswo, freilich nur vereinzelt, waren die Behörden nicht bereit, sich so ausmanövrieren zu lassen. Drittens schließlich fehlte es weithin an Kompetenz, die eingegangenen Risiken abzuschätzen - obgleich der Umgang mit finanziellen Risiken zu den Kernkompetenzen einer Bank zählen sollte. Die von Geldgier getriebene Verantwortungslosigkeit, die in manchen Bankabteilungen im Umgang mit anvertrautem Geld offensichtlich gang und gäbe war, ist skandalös, insbesondere angesichts der dort hohen Einkommen.

In freien Gesellschaften lösen solche durch Fahrlässigkeit und Inkompetenz verursachten Krisen öffentliche Kritik und Reinigungsprozesse aus. In der Tat könnte das Debakel mehrerer Landesbanken nun den überfälligen Strukturwandel bei den öffentlich-rechtlichen Instituten antreiben; die Steuerzahler, die deren Verluste tragen müssen, sollten den Landespolitikern diesbezüglich Druck machen. Demgegenüber könnte die Krise die wünschenswerte Konsolidierung der privaten Banken verzögern. Denn noch ist schwer abzuschätzen, wie hoch die Verluste der zum Verkauf stehenden Dresdner Bank und Postbank letztlich sein werden. Das schreckt Käufer ab.

Kontrollen alleine bringen keine Wende zum Besseren

Schon seit Monaten arbeiten Bankenverbände und Aufsichtsgremien daran, Vorschriften zu entwickeln, die ähnliche Krisen verhindern sollen. Eine kaum überschaubare Fülle von Empfehlungen liegt inzwischen vor. Allerdings ist zu bezweifeln, dass neue Regeln und verstärkte Kontrollen allein eine Wende zum Besseren bringen: Banken sind schon jetzt eine der am schärfsten regulierten Branchen. Das hat nicht verhindert, dass zahlreiche Großbanken existenz- und systembedrohende Risiken eingegangen sind.

Eine Lehre aus der Krise muss deshalb sein, dass es für die Banken nicht damit getan ist, dem Buchstaben des Gesetzes zu folgen - gleichzeitig aber jeden Spielraum auszunutzen, die Regeln zu umgehen. Vielmehr muss künftig wieder der Geist der Regeln das Handeln leiten. Die Aufsichtsbehörden müssen das Ihre dazu beisteuern: Sie müssen die durchaus vorhandenen Möglichkeiten ausschöpfen, dem Umgehen von Regeln einen Riegel vorzuschieben. Schließlich sind die Vorschriften nicht dazu da, den Banken willkürlich Steine in den Weg zu rollen, sondern die Stabilität des Finanzsystems und der Wirtschaft insgesamt zu sichern.

Die Politik muss klarmachen, dass die IKB ein Einzelfall war

Vor einem Jahr haben sich die Verantwortlichen entschieden, die IKB herauszupauken, zu einem guten Teil mit Geld der Staatsbank KfW. Die Sorge ist, dass diese Entscheidung zugunsten der Systemstabilität den Banken als Erfahrung haftenbleibt: dass der Staat ihnen schon beispringen und einen Teil der Verluste abnehmen werde. Die Politik muss deutlich machen, dass dies ein Einzelfall war.

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