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Ehrgeizige Konkurrenz China will ganz nach oben

 ·  Eine Branche nach der anderen knöpft sich China vor: Gestern Telekom, heute Umwelttechnik, morgen Autos. Kein Unternehmen kann sich sicher fühlen vor der ehrgeizigen und patriotischen Konkurrenz. Wie stark muss sich der Westen fürchten?

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Ob der träge Wohlstandsleib Deutschlands auf diese hungrige Macht wohl vorbereitet ist? China wird Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr den symbolisch wichtigen Titel des Exportweltmeisters abjagen und Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen. 30 Jahre nachdem die Kommunistische Partei die marktwirtschaftliche Öffnung zu testen begonnen hat, ist China kaum zu bremsen, noch nicht einmal von der globalen Wirtschaftskrise.

China, Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, greift die alten Wirtschaftsmächte in ihren Schlüsselindustrien an, um überall Marktführer zu werden. Als steckte eine Strategie dahinter: „China nimmt sich eine Branche nach der anderen vor: Telekom, Auto, Umwelttechnik“, sagt Sebastian Heilmann, Ostasien-Experte der Universität Trier. „Wir sollten die Chinesen lieber überschätzen. Dann sind wir besser gewappnet.“ Denn für gewöhnlich übertrifft das Land die Erwartungen ebenso wie die Befürchtungen.

Ihre asiatische Lektion lernt gerade die deutsche Solarindustrie. Keine Branche ist den Menschen hierzulande in den letzten Jahren so ans Herz gewachsen: Sie schuf Arbeitsplätze vor allem im maroden Osten, produzierte traumhafte Wachstumswerte - und das alles mit einem technischen Produkt, dem die Zukunft zu gehören scheint: der Solarzelle.

Ihre deutschen Produzenten Q-Cells, Solarworld, Ersol oder Conergy leuchteten weit über die Grenzen hinweg. Die von der Sonne vernachlässigten Deutschen stellten die meisten Solarzellen der Welt her - bis zum vergangenen Jahr. 2008 übernahmen die chinesischen Hersteller die Führung. Sie fertigen mittlerweile mehr Solarzellen als alle anderen Länder, die vier größten Hersteller gehören zu den zehn größten der Welt.

Die Eroberung des Weltmarktes hat oberste Priorität

Schlimmer noch aus Sicht der deutschen Firmen ist, dass die Asiaten Europa und Amerika mit Produkten zu Preisen „jenseits des Marktes“ überschwemmen, sagt Q-Cells-Chef Anton Milner. Der einstige ostdeutsche Weltmarktführer streicht 500 Stellen - ein Fünftel seiner deutschen Jobs - und baut Fabriken in Asien aus. Der Angriff auf die Solarindustrie ist so lehrreich, weil er dem Muster nach inzwischen in jeder Branche stattfinden könnte. Das bedrohliche Gemisch, das die chinesischen Wettbewerber ausmacht, besteht aus Eroberungswillen, patriotischem Drive, Unternehmergeist, kraftvoller politischer Rückendeckung und schnell wachsenden technologischen Fähigkeiten. Kombiniert mit dem niedrigen Lohnniveau und der unterbewerteten Währung, entstehen Produkte für die ganze Welt.

Die Eroberung des Weltmarktes hat oberste Priorität. In einem Interview Ende August sagte der Chef und Gründer des Solarzellen-Herstellers Suntech Powers, Shi Zhengrong, sie würden in den Vereinigten Staaten ihre Solarpanels unter Produktionskosten anbieten, um die Marktanteile auszubauen.

Suntech hat gerade Q-Cells als zweitgrößten Hersteller abgelöst. Das Unternehmen holt 98 Prozent seiner Einnahmen im Ausland herein und ist groteskerweise der wohl weltgrößte Profiteur der amerikanischen und europäischen Förderprogramme für die Solarenergie. Umgekehrt haben Ausländer kaum eine Chance, an Solarprojekten in China teilzunehmen. Dort verlangen die Regierungsstellen, dass die Wertschöpfung zu 80 Prozent aus China kommt.

Die Unternehmen sind äußerst dynamisch

Ohnehin hilft die heimische Politik, wenn ihr im Gegenzug zum Beispiel Arbeitsplätze versprochen werden. „China subventioniert die Vorprodukte, die Energie, das Land und das Kapital“, sagt Solarworld-Chef Frank Asbeck, der inzwischen gerne Umwelt- und Sozialstandards in die europäischen Solarförderprogramme hineinschreiben würde. Energie ist für Solarworlds und Q-Cells Wettbewerber halb so teuer, die Entwicklungskosten übernehmen Provinzregierungen.

Typisch für Chinas gesamte Wirtschaft ist die Dynamik seiner Unternehmen: Suntech beschränkt sich nicht auf den Status des Massenproduzenten, der Konzern will Technologieführer werden. Der Unternehmensgründer Shi Zhengrong ging als Gaststudent nach Australien in eine der renommiertesten Ingenieurhochschulen für alternative Energien, wurde dort ausgebildet, war lange Forschungschef einer Ausgründung dieser Universität. „Ein typischer Schläfer“, sagt ein deutscher Konkurrent über ihn. Meeresschildkröten nennen die Chinesen sie: Auslandsstudenten, die nach den ersten Karrierestufen in das Land ihrer Väter zurückkehren. Viele haben Unternehmen gegründet und spielen eine wachsende Rolle in der chinesischen Wirtschaft.

Shi gab den sicheren Job auf, um 2001 mit Regierungsgeld und australischer Technologie Suntech in seiner Heimat zu gründen und binnen neun Jahren zur Nummer zwei in der Welt zu machen.

„Was technologische Innovation angeht, entwickelt sich China viel schneller als erwartet“, sagt der China-Experte Heilmann. Chinesische Solarzellen hinken technologisch zwölf Monate den deutschen hinterher. Mehr nicht.

Blick auf die Autoindustrie

Was kommt als Nächstes? Schon lange richten die Chinesen ihren Blick auf die Autoindustrie. Der chinesische Hersteller BAIC gehörte zu den Opel-Bietern. Für den schwedischen Hersteller Volvo galt zeitweise nur der chinesische Autobauer Geely als Kaufinteressent. Die meisten europäischen und amerikanischen Autobauer fertigen einen Teil ihres Programms in China in Gemeinschaftsunternehmen. Auch technologisch schreitet man voran. China will Autos mit Elektroantrieben bauen. Dahinter steckt der Forschungsminister des riesigen Landes, der an der TU Clausthal studierte und bei Audi jahrelang in der Entwicklung von Antrieben gearbeitet hat.

Sicher kann sich kein Unternehmen fühlen vor der asiatischen Konkurrenz. „Chinesische Unternehmen sind in ihrem Vordringen in neue Branchen und Märkte ungeheuer agil und aggressiv“, beschreibt Sebastian Heilmann. „Das erinnert an die Guerrilla-Aktivitäten der chinesischen Kommunisten zu Revolutionszeiten. Wie mobile Guerrilla-Einheiten sind Chinas erfolgreichste Unternehmen permanent auf dem Sprung, meiden starre Formen der Organisation und sind bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, wenn es um die Bekämpfung von Rivalen geht.“

Die Krise übersteht China offenbar glimpflich

Was macht den Erfolg der chinesischen Wirtschaft aus, abgesehen von dem niedrigen Lohnniveau? Im Westen regiert die Vorstellung, die chinesischen Unternehmen folgten einem präzise von der Kommunistischen Partei formulierten Plan. Doch China ist viel weniger zentralistisch als gemeinhin angenommen. Die Kommandozentrale in Peking gibt zwar die Ziele aus, doch den Weg bestimmen Unternehmen, Behörden und Provinzregierungen. Sie machen sich dabei sogar gegenseitig Konkurrenz. Die chinesischen Solarproduzenten bekämpfen ihre eigenen Landsleute ebenso entschlossen wie die europäischen oder amerikanischen Rivalen.

Die größte Überraschung aber ist, dass die exportorientierte chinesische Wirtschaft offenbar die Weltwirtschaftskrise anders als zum Beispiel Russland gut übersteht. Zwar sind zahlreiche Firmen zusammengebrochen, Tausende Fabriken geschlossen und Zehntausende Arbeiter gefeuert worden, als die Bestellungen ausblieben. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft aber immer noch um acht bis neun Prozent. Pekings Milliardenpaket zur Stimulierung der Konjunktur wirkt offenbar. Das Geld soll ins Gesundheitswesen, in Straßen und in Schienen fließen und wird damit das ohnehin atemberaubende Tempo beim Ausbau der Infrastruktur verstärken.

Inzwischen hat die chinesische Regierung eine gewisse Reputation dafür erworben, in Krisenfällen schnell auf die Umstände zu reagieren. Tatsächlich nutzten die chinesischen Politiker in den letzten Jahren gerade die schwierigen Phasen, um Reformen noch zu forcieren. China, so Heilmann, verdankt seinen Erfolg auch seiner Rolle als „lernendes autoritäres System“.

Moralisch fühlt sich Peking seit der Finanzkrise ohnehin auf der sicheren Seite. Das marktwirtschaftliche System, das auf Eigentum, Privatisierung und möglichst wenig staatliche Eingriffe setzt, hat seinen guten Ruf verloren. Peking, das immer auf staatlichen Interventionismus setzte, fühlt sich oben- auf. Die Banken werden angewiesen, den Firmen Kredit zu geben. Solche Eingriffe stoßen auch in Deutschland auf Sympathie. China, so scheint es, wird nicht westlicher. Die Welt wird chinesischer.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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