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(Ehemals) IfW Kiel Horst Siebert

15.06.2007 ·  „Wir haben doch längst einen informellen Mindestlohn.“

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Was halten Sie von einem Mindestlohn in Deutschland und welchen Effekt hätte er?

Ein Mindestlohn in Deutschland ist unschädlich, so lange er niedriger liegt als die Arbeitsproduktivität, und schädlich, sobald er über der Arbeitsproduktivität liegt. Denn dann ist der Mindestlohn ein Anreiz, Arbeitsplätze abzubauen. Bei einem einheitlichen Mindestlohn für ganz Deutschland geht die Politik davon aus, dass die Produktivität aller 34 Millionen Arbeitnehmer in über 3 Millionen Unternehmen mindestens dem Mindestlohn entspricht. Dass man eine solche Vielfalt der unterschiedlichen Gegebenheiten mit einem einheitlichen Mindestlohn abdecken will, ist naiv und im Sinne Hayeks eine „Anmaßung des Wissens“. Der Effekt ist, dass Arbeitsplätze abgebaut, die Rationalisierung vorangetrieben und das Outsourcing verschärft wird. Vor allem müssen wir damit rechnen, dass die Jugendarbeitslosigkeit zunimmt, wenn Jugendliche noch nicht die durchschnittliche Produktivität aller Arbeitnehmer erreicht haben. Dadurch erklärt sich, dass die Jungendarbeitslosigkeit in Frankreich mit seinem „smic“ (französischer Mindestlohn) doppelt so hoch ist wie bei uns.

Wie vermeiden wir Arbeitsarmut, ohne einen Mindestlohn einzuführen?

Durch eine bessere Ausbildung und damit eine Hebung der Produktivität und durch eine Arbeitslosenversicherung, die wieder in den Arbeitsmarkt zurückführt. Der Kombilohn ist nur begrenzt hilfreich. Einerseits sollen Arbeitslose einen Anreiz haben, aus der sozialen Absicherung in die Beschäftigung zu wechseln. Andererseits darf aber der Kombilohn auch nicht dazu führen, dass derjenige mit Kombilohn mehr verdient als derjenige ohne Kombilohn. Sonst wechseln alle in den Kombilohn. Dies führt zu einer Finanzierungsschranke. Auch eine negative Einkommenssteuer halte ich für keine gute Idee, denn das führt zu einer politischen Diskussion über ein Grundeinkommen.

Falls die Politik einen Mindestlohn will, würden Sie einen generellen gesetzlichen Mindestlohn oder verbindliche Branchenlöhne bevorzugen?

Einen generellen gesetzlichen Mindestlohn kann ich auf keinen Fall vertreten. Das hat die verheerendsten Wirkungen. Auch eine Branchenlösung kann ich nicht gutheißen.

Warum haben so viele andere Länder einen Mindestlohn?

Wir haben doch längst einen informellen Mindestlohn durch die Höhe der sozialen Absicherung. Dies ist der Anspruchslohn, der „reservation wage“. Der Mindestlohn macht die Schröderschen Reformen, deren positive Wirkungen wir gerade bei der Beschäftigung sehen, wieder rückgängig.

Horst Siebert ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, er lehrt am SAIS Bologna Center der John Hopkins University, Italien und ist Mitglied der Group of Economic Policy Analysis (GEPA) der Europäischen Kommission.

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