http://www.faz.net/-gqe-76zfq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.02.2013, 14:35 Uhr

EBA Das Eisenbahn-Bummelamt

Jeder einzelne Zug in Deutschland muss extra vom Amt zugelassen werden. Das kann dauern. Daher sind die Reserven der Bahn so ausgedünnt, dass es im Winter zu Verspätungen und Zugausfällen kommt.

von
© Joern Wolter / vario images Zentrale des Eisenbahn-Bundesamtes in Bonn: Die Behörde beschäftigt 1300 Menschen

Wo auch immer in Deutschland im Augenblick neue Züge gebraucht werden, gibt es Theater. Egal, ob es ICE-Züge für die großen Hochgeschwindigkeitsstrecken der Republik sind oder Regionalzüge für die Provinz: Die Lieferung verzögert sich, oft nicht um Wochen, sondern um Jahre. Mit dem Ergebnis, dass die Zugreserven der Bahn so ausgedünnt sind, dass es gerade jetzt im Winter zu Verspätungen und Zugausfällen kommt.

Christian Siedenbiedel Folgen:

Schuld sind nicht nur die Hersteller der Züge. Obwohl die besonders in der Kritik stehen und manch ein Managerstuhl wegen dieses Themas schon wackelt. Auch eine Behörde ist an dem Debakel beteiligt: das Eisenbahn-Bundesamt in Bonn, kurz EBA genannt, zu dessen vornehmsten Pflichten die Zulassung von neuen Zügen in Deutschland gehört. Bis hinauf in die Bundesregierung wird darüber diskutiert, wie es damit weitergehen soll.

Mehr zum Thema

Nicht nur die Bahnindustrie, auch die Bahn selbst hält nämlich das deutsche Zulassungsverfahren für das umständlichste in ganz Europa. So soll die Zulassung eines Elektrotriebwagens in Deutschland etwa zehnmal so lange dauern wie im Rest Europas. Dahinter steckt nicht nur deutsche Gründlichkeit, sondern Ineffizienz. So wichtig Sicherheit im Zugverkehr ist, das Verfahren scheint wirklich umständlich zu sein. Man müsse jetzt den „Mut haben, etwas zu ändern“, meint Bahnchef Rüdiger Grube.

Trauriges Ergebnis der langwierigen Zulassung sind herumstehende Züge, die eigentlich dringend gebraucht würden. 140 Schienenfahrzeuge im Wert von mehr als einer halben Milliarde Euro stünden in Deutschland im Augenblick auf Abstellgleisen und warteten auf die Zulassung, sagt Michael Clausecker, Deutschland-Chef des Zugherstellers Bombardier. „Wenn die Zulassung nicht berechenbarer wird, steuert die Bahnindustrie in eine existentielle Krise.“ Vor allem die Geschichte der Bahn als Staatskonzern hat dazu geführt, dass die Zulassungsprozesse bürokratischer sind als in der Automobil- und Flugzeugindustrie. Bahnchef Grube meint jedoch, aus beiden Branchen, die er von seiner Zeit bei Daimler und Dasa gut kennt, könne man lernen.

Diskussionen um Zulassungsregeln

Wenn etwa Daimler eine neue S-Klasse auflegt, dann wird das Modell einmal grundsätzlich zugelassen. Jedes einzelne Auto unterliegt dann einer deutlich weniger aufwendigen Kontrolle beim TÜV. Bei der Bahn ist das anders: Jeder Zug muss einzeln zugelassen werden, einschließlich Testfahrten. Das ist aufwendig und kann dazu führen, dass sich mitten im Zulassungsverfahren die Normen und Vorschriften ändern. Dann dürfen einige Züge desselben Typs fahren - und andere, identische nicht. So passiert beim „Talent 2“, einem Nahverkehrszug, der wegen seines Aussehens auch „Hamsterbacke“ genannt wird und von dem die Bahn knapp 300 Stück bei Bombardier bestellt hatte. Mehr als 100 Exemplare davon waren schon zugelassen. Dann haben sich technische Normen geändert mit dem Ergebnis, dass das Eisenbahn-Bundesamt weiteren schon fertigen Zügen die Zulassung verweigerte. Sie rollten aufs Abstellgleis.

Nicht viel besser erging es Siemens mit seinen ICE-Zügen „Velaro“. Zu internen Pannen mit der Software, an denen niemand schuld war außer Siemens, kam das umständliche Zulassungsverfahren hinzu. Vorstandschef Peter Löscher sagte deshalb auf der Hauptversammlung: „Wie die Bahn, so würden auch wir es sehr begrüßen, wenn Hersteller, Bahn, Bundesamt und Politik zu einfacheren, schnelleren und zeitgemäßen Zulassungsregeln kämen.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Produkttest beim TÜV Teddybären in der Brennkammer

Beim TÜV Süd in Fechenheim werden Schuhe auf Schadstoffe und Bohrmaschinen auf Langlebigkeit getestet. Das ist viel Aufwand. Die meisten Produkte sind danach nicht mehr zu gebrauchen. Mehr Von Sven Ebbing

22.04.2016, 14:07 Uhr | Rhein-Main
Unglück Frachtzug mit Chemikalien in Washington entgleist

In Washington ist ein Frachtzug mit Chemikalien entgleist. Nach Angaben der Feuerwehr wurde niemand verletzt, aus einem der Waggons sei aber Natriumhydoxid ausgetreten, eine Chemikalie, die bei Hautkontakt ätzend wirkt. Wie Feuerwehr mitteilte geht von der Unglückstelle keine unmittelbare Gefahr aus. Aus Sicherheitsgründen sperrten die Behörden aber eine nahe gelegene U-Bahn-Station. Mehr

02.05.2016, 10:14 Uhr | Gesellschaft
Konzernumbau Zum Rapport in den Bahntower

Mit dem Umbau wächst der Druck auf die Führung der Bahn. Die geplante Teilprivatisierung muss klappen. Und das ist längst nicht alles. Mehr Von Thiemo Heeg, Berlin

24.04.2016, 15:27 Uhr | Wirtschaft
Video Tausendfacher Kindesmissbrauch in nordenglischer Stadt

In Nordengland haben pakistanische Banden mindestens 1.400 Kinder über einen Zeitraum von 16 Jahren sexuell missbraucht. Viele Bürger und Behörden wussten davon. Doch passiert ist nichts. Mehr

20.04.2016, 16:20 Uhr | Gesellschaft
Aktie im Sinkflug Auch Mitsubishi hat Abgastests manipuliert

Der japanische Autobauer gibt zu, Emissionswerte seiner Kleinwagen verfälscht zu haben. Die Aktie brach am Morgen ein. Auch Autos für den Konkurrenten Nissan sind betroffen. Mehr

20.04.2016, 10:49 Uhr | Wirtschaft

Was Trillerpfeifen übertönen

Von Dietrich Creutzburg, Berlin

Wem gehört der Produktivitätsfortschritt? Verdi und IG Metall lassen für Rentner nichts übrig. Mehr 12 28


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Ungleichheit Norwegens Staatsfonds geht gegen überhöhte Managergehälter vor

Der weltgrößte Staatsfonds will bald Prinzipien zu einer angemessenen Bezahlung für Top-Manager vorstellen. Die Institution ist an mehr als 9000 Unternehmen beteiligt. Mehr 46

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“