http://www.faz.net/-gqe-7qe0y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.06.2014, 15:10 Uhr

E10 Biokraftstoff soll klimafreundlicher werden

Die Europäische Union beschließt neue Auflagen für Kraftstoffe aus Raps und Soja. Kritik kommt besonders von Umweltschützern.

von
© dpa Freie Fahrt für E10

Die Nutzung von Biokraftstoffen ist umstritten. Kritiker machen sie für den Anstieg der Lebensmittelpreise auf der Welt verantwortlich – Stichwort Tank oder Teller. Vor allem aber gibt es Zweifel daran, ob sie überhaupt einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten. Am Freitag haben die Energieminister der 28 EU-Staaten auf die Kritik reagiert und in Luxemburg neue Auflagen für die Förderung von Biokraftstoffen von Lebens- und Futtermitteln in Europa verabschiedet. Die Förderung des Kraftstoffs aus Raps, Soja oder Palmöl soll auf einen Anteil von 7 Prozent am Treibstoffverbrauch im Jahr 2020 begrenzt werden. Um das EU-Klimaschutzziel von einem Anteil von 10 Prozent erneuerbarer Energien im Verkehrssektor dennoch zu erreichen, müssen die Staaten damit die Nutzung von Elektrofahrzeugen und der als unproblematisch geltenden weiterentwickelten Biokraftstoffe aus Algen oder bestimmten Abfällen stärker ausbauen.

Hendrik  Kafsack Folgen:

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) begrüßte den Beschluss, auch wenn Deutschland dafür gewesen wäre, „dass diese Prozentzahl eher geringer ist“. Im Ministerrat hatten sich vor allem Dänemark und Schweden für eine Deckelung des Anteils klassischer Biokraftstoffe am Verbrauch auf 5 Prozent eingesetzt. Den Osteuropäern wiederum ging aus Sorge um ihre Landwirtschaft schon der nun beschlossene 7-Prozent-Deckel zu weit. Die Verhandlungen mit dem Europaparlament, das sich für 6 Prozent ausgesprochen hat, dürften deshalb schwierig werden. Nur wenn sich beide Institutionen auf eine Linie einigen, können die neuen Regeln in Kraft treten. Als zu lasch bezeichnete den Beschluss Marita Wiggerthale von Oxfam. Er sei ein derber Rückschlag bei Hungerbekämpfung und Umweltschutz.

Für Biodiesel wird indirekt Regenwald gerodet

Zweifel an der Klimabilanz von herkömmlichen Biokraftstoffen gibt es, weil der verstärkte Anbau von Pflanzen für die Biokraftstoffproduktion nach Ansicht von Fachleuten indirekt zur Rodung von Regenwäldern führt. Weil in Europa große Flächen für den Anbau von Raps reserviert werden, verlagert sich der Anbau von „Lebensmittelpflanzen“ in andere Regionen der Welt, wo dafür Regenwald gerodet wird. Wird dieser als indirekte Landnutzungsänderung (englisch ILUC) bezeichnete Effekt bei der Klimabilanz von Biokraftstoffen berücksichtigt, schneiden diese oft nicht mehr besser ab als fossile Kraftstoffe. Genau beziffern lässt sich der Effekt bisher nicht. Die EU-Kommission soll nach dem Beschluss der Mitgliedstaaten jedoch weiter an der Bestimmung konkreter ILUC-Faktoren für die einzelnen Biokraftstoffsorten arbeiten. Am Ende könnte dann die Förderung von Biokraftstoffen daran geknüpft werden, ob die Klimabilanz eines Biokraftstoffs besser ist als von fossilen Kraftstoffen. Die Deckelung auf 7 Prozent könnte dann wieder entfallen.

Mehr zum Thema

Die Biokraftstoffbranche bezweifelt, dass es ILUC überhaupt gibt. Sie argumentiert, dass es ausreichend zu bewirtschaftendes Land gibt, um Pflanzen für Lebensmittel und Kraftstoffe anzubauen. Dennoch reagierte die Branche verhalten positiv auf den Beschluss. Positiv sei, dass nun ein Ende der jahrelangen Hängepartie in Sicht sei, teilte der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie mit. Für die bestehenden Investitionen der Branche hat der Beschluss keine Folgen. Momentan liegt der Anteil am Verbrauch in Europa bei knapp 5 Prozent und somit klar unter dem vom Ministerrat beschlossenen Deckel. Der umstrittene Kraftstoff E10, der bis zu 10 Prozent Bioethanol enthält, ist allenfalls indirekt von der Neuregelung betroffen, da nur der Biokraftstoffanteil am Gesamtverbrauch des Verkehrssektors gedeckelt wird.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Haustechnik Wie intelligent dürfen digitale Stromzähler sein?

Auch private Haushalte sollen in den nächsten Jahren auf Smart Meter umrüsten. Verbraucherschützer und Stadtwerke äußern Kritik. Mehr Von Michael Ashelm

23.06.2016, 17:56 Uhr | Wirtschaft
Energiewende Weniger Förderung für Windräder an Land

Die Bundesregierung will den Ausbau der Windkraft an Land drosseln und Subventionen kürzen. Statt fester Fördersätze sollen Ausschreibungen für mehr Wettbewerb sorgen. Die Windindustrie ist alarmiert. Mehr

10.06.2016, 12:18 Uhr | Wirtschaft
Mindestsicherung Weniger Geld für Flüchtlinge in Österreich

Das erste Bundesland verringert die Mindestsicherung für Asylberechtigte. Und das ist wohl nur der Auftakt. Dabei verstößt die Schlechterstellung von Ausländern gegen EU-Recht. Mehr Von Christian Geinitz, Wien

18.06.2016, 12:00 Uhr | Wirtschaft
Brexit Merkel: Einschnitt für Europa

Nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel sich bestürzt, warnt aber vor schnellen und einfachen Schlüssen. Mehr

24.06.2016, 15:32 Uhr | Politik
Referendum Auch ein Anti-Brexit-Votum hat seine Tücken

Sollten die Briten für einen EU-Verbleib stimmen, bliebe das Verhältnis zu Brüssel belastet – denn einige europäische Gesetze müssten verändert werden. Mehr Von Werner Mussler, Brüssel

18.06.2016, 11:24 Uhr | Wirtschaft

Das Unverständnis der EU-Freunde

Von Patrick Bernau

Das Brexit-Votum gefällt uns nicht, stimmen wir doch einfach noch mal ab! Was ist das für ein Verständnis von Demokratie? Mehr 70 274

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 58

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden