03.05.2007 · Des einen Freud', des anderen Leid: Während sich viele über das warme Wetter freuen, leiden die Landwirte. Dennoch hoffen sie auf eine gute Ernte in diesem Jahr. Momentan aber ist Deutschland eine Trockenzone.
Von Georg GiersbergEine Rekordernte wird es dieses Jahr auf keinen Fall mehr. Aber eine gute Ernte will Reinhard Roßberg, bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Frankfurt zuständig für Pflanzenbau, nicht ganz ausschließen. Das sieht Olaf Christen ganz anders. „Im Brandenburgischen sieht es katastrophal aus, das erinnert mich an Bilder aus Australien“, fasst der Leiter Allgemeiner Pflanzenbau im Institut für Acker- und Pflanzenbau der Martin-Luther-Universität Halle seine Eindrücke einer Autofahrt von Berlin nach Halle in diesen Tagen zusammen. „An einigen Standorten muss mit einem Totalausfall der Ernte gerechnet werden“, sagt Christen. Allerdings will auch er keine Aussage über die Ernte in diesem Jahr insgesamt machen.
Zwar reicht die Trockenzone von der Île de France um Paris über ganz Deutschland bis hinein nach Polen. Hier ist im April so gut wie kein Niederschlag gefallen, während in Südeuropa die Temperaturen relativ niedrig und die Niederschläge unverhältnismäßig hoch waren. In Spanien sind Gummistiefel ein Renner, in der oberitalienischen Po-Ebene hat es zumindest am zurückliegenden Wochenende geregnet.
„Drei Wochen früher als in Durchschnittsjahren“
In Deutschland dagegen brannte die Sonne die letzten vier Wochen vom Himmel. Das hat zwar dem Spargel früher als üblich auf die Sprünge geholfen, und die Obstbauern freuen sich, dass es in diesem Jahr nicht in die Blüte gefroren hat. Aber die Masse der Landwirte betrachtet mit Sorge jeden Morgen den strahlend blauen Himmel über Deutschland. Denn dem Boden fehlen durchschnittlich 60 Millimeter Regen oder 60 Liter je Quadratmeter Erde. Und das ist besonders schlimm im sandigen Norddeutschland - von der Kölner Bucht im Westen über die Lüneburger Heide und Magdeburger Börde bis an die Oder. Hier hält der Boden die Feuchtigkeit kaum, hat also auch nur geringe Reserven.
Dabei hätten die Pflanzen die Feuchtigkeit gerade in diesem Jahr dringend gebraucht, in dem sie relativ unbeschadet durch den milden Winter gekommen sind und schon früh im Jahr mit der Wachstumsperiode begonnen haben. „Wir sind drei Wochen früher als in Durchschnittsjahren“, sagt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbandes. Daher nutze auch ein möglicher nasser Mai nichts, der in Normaljahren ja dem Bauern Scheunen und Fässer füllt, wie ein altes Sprichwort aus Erfahrung weiß.
Pflanzen kippen bei Regen und Wind einfach um
Aber die Natur habe schon reagiert. Weil es trocken war, habe das Getreide nur wenige Halme ausgebildet - um Wasser zu sparen. Selbst wenn jetzt viel Regen komme, vermehre sich die Zahl der Halme beim Wintergetreide nicht mehr, nur der Ertrag je Halm könne noch variieren. „Der Raps blüht viel zu hell“, sagt Lohse und erklärt das damit, dass auch diese Ölpflanze Trockenstress habe, also nicht alle Blüten voll ausbilde.
Aber nicht nur die schon im Herbst ausgebrachten Wintersaaten haben Schwierigkeiten mit dem Wetter. Die Frühjahrssaaten liegen teilweise im trockenen Erdreich und keimen mangels Wassers erst gar nicht. Zum Teil muss der Landwirt ein zweites Mal einsäen. Wenn der Regen nicht bald komme, und alle Experten hielten jetzt eineinhalb bis zwei Tage warmen Landregen mit 60 Millimeter Niederschlag für ideal, dann könnte er wieder schaden. „Wenn die jetzige Entwicklungs- und Wachstumsphase der Pflanze vorbei ist, in der über viel Wasser Nährstoffe in die Pflanze geführt werden, dann schadet Wasser, weil es in späteren Entwicklungsphasen zur Aufweichung des Gewebes führt“, sagt Lohse. Dann kippen die Pflanzen bei zu starkem Regen und Wind sogar um.
So ein hohes Preisniveau hat es noch nicht gegeben
Für Christen steht fest, dass auf einigen Sandböden die Ausfälle sehr hoch bis hin zum Totalausfall sein werden, auf besseren, also wasserhaltigeren Lehmböden könnte die Ernte um bis zu 30 Prozent hinter dem Optimum zurückbleiben. Die Trockenheit zeigt aber auch in der Weiterverarbeitung landwirtschaflicher Rohstoffe bereits ihre Folgen. Vor allem Tierhalter haben Sorge, dass ihnen das Futter noch knapper und teurer wird. Daher kaufen sie heute schon Getreide aus der Ernte 2007 für einen Preis, der über dem schon hohen Preis für Getreide aus der Ernte 2006 liegt.
Das, so Jörg Bauer, Landwirt im nordhessischen Edertal-Bergheim und Vorsitzender der Jungen Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, hat es so noch nicht gegeben. „Ich kenne sogar Tiermäster, die ihre Mast aufgeben und das noch relativ preiswert eingekaufte Futtergetreide jetzt teuer verkaufen“, sagt er. Damit sei mehr Geld zu verdienen als mit Tiermast, die zurzeit oft nur mit einer roten Null zu bewerkstelligen sei. Denn während die Futterpreise steigen, gehen die Fleischpreise zurück. Und ein Ausweg ist kaum in Sicht. Da das Wetter nicht nur in Deutschland verrückt spielt, sondern auch Australien gegen Trockenheit kämpft und die Erzeuger in Nordamerika im Regen versinken, steigen die Preise für Getreide und Ölsaaten auf internationaler Ebene.
„Landwirte brauchen neue Risikoabsicherung“
Kurzfristig kann man gegen die Trockenheit kaum etwas tun. „Jetzt bringt auch Wässern nichts“, sagt Lohse. Eine Ausnahme sind Gemüsekulturen. Gerade aber bei Getreide würde der Gewinn aus einem Hektar durch die Bewässerungskosten von 250 Euro je Hektar Ackerfläche aufgefressen. Sollte es sich bei der Trockenheit wirklich um die angekündigte langfristig wirkende Klimaveränderung handeln, müssen die Landwirte nach Christens Worten mit anderen Kulturpflanzen und anderen Ackerbaumethoden reagieren. Dann werden eben in Deutschland mehr Sonnenblumen und Soja angebaut, und bei der Bearbeitung wird vor allem auf das Pflügen verzichtet, bei dem sehr viel Wasser verdunstet.
Schwieriger sei jedoch die Anpassung an jährlich wechselnde Wetterschwankungen, die offenbar auch zunehmen. Dagegen helfen andere Sorten oder Bearbeitungsmethoden kaum. „Gegen Witterungsschwankungen braucht der Landwirt neue Arten der Risikoabsicherung wie Wetterderivate oder Versicherungen außer gegen Hagel auch gegen Trockenheit“, sagt Christen. Wetterderivate, mit denen man die Verluste begrenzt, gebe es schon in anderen Branchen wie der Getränkewirtschaft. Für Landwirte sei das aber Neuland. Die Landwirte hoffen immer noch, dass der Mai zumindest so viel Regen bringt, dass es zu keinem Totalausfall der Ernte kommt.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.788,80 | +0,59% |
| FAZ-INDEX | 1.515,08 | +0,60% |
| TecDAX | 773,23 | −0,05% |
| MDAX | 10.356,30 | +0,39% |
| SDAX | 5.020,58 | +1,11% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,34 | +0,37% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,31 | +0,42% |
| Dow Jones | 12.890,50 | +0,05% |
| Nasdaq 100 | 2.563,93 | +0,72% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 9.002,24 | −0,15% |
| EUR/USD | 1,3281 | −0,02% |
| Rohöl Brent Crude | 118,19 $ | −0,42% |
| Gold | 1.748,00 $ | +0,11% |
| Bund Future | 137,23 € | −0,37% |