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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Drohender Lieferengpass Der Stahl wird knapp

17.01.2011 ·  Noch sind Frachter mit australischer Kokskohle auf dem Weg zu den Stahlhütten in Europa. Aber schon jetzt signalisieren an den Spotmärkten die anziehenden Preise für metallurgische Kohle und Stahl einen drohenden Lieferengpass.

Von Werner Sturbeck
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Am deutschen Stahlmarkt ziehen im Augenblick die Preise für die meisten Erzeugnisse kräftig an. Aber Beobachter erwarten einen noch kräftigeren Schub im zweiten Quartal. Die Stahlverkäufer bereiten ihre Kunden auf eine Verteuerung um 100 Euro bis 150 Euro je Tonne vor, hat eine Umfrage der F.A.Z. ergeben. Das bezieht sich auf das Referenzprodukt Warmband, das aus den vom Stahlwerk abgegossenen sogenannten Brammen gewalzt wird.

Warmband kostete Anfang Januar noch 510 bis 530 Euro je Tonne. Zwei Wochen später nennen Marktteilnehmer bereits Preise von 560 bis 580 Euro je Tonne. Dieser Trend ist nicht nur in weiten Teilen Europas, sondern auch in den Vereinigten Staaten zu beobachten.

In diesen Wochen haben die Probleme der überschwemmten Kohlegruben im australischen Queensland noch keinen direkten Einfluss auf den Stahlpreis. Denn die Preise für die noch erwarteten Anlieferungen sind im vergangenen Jahr für das erste Quartal 2011 vereinbart worden. Der Treiber an den Stahlspotmärkten in West- und Osteuropa, Nordamerika, Nahost und Asien sei vielmehr die fühlbar wachsende Nachfrage, berichten Händler. Nach der überraschend schnellen Geschäftsbelebung in der Automobilindustrie und dem Maschinenbau komme nun auch stärker wieder die Nachfrage bei anderen Stahlverbrauchern in Gang, bei den Herstellern Weißer Ware zum Beispiel oder vor allem in Osteuropa mit der Bauwirtschaft, heißt es.

Erholung von der Krise, verstärkter Lageraufbau

Die Erholung von der Weltwirtschaftskrise schreitet offensichtlich voran. Hinzu kommt ein verstärkter Lageraufbau. Der soll momentan bis zu rund 40 Prozent zum Nachfrageanstieg beitragen. Hier wiederum dürfte die Spekulation und die Sorge vor Stahlpreiserhöhungen im Gefolge der Rohstoffverteuerung auch eine starke Rolle spielen. So findet offensichtlich bei den Stahlhändlern und den Verarbeitern in Erwartung steigender Werkstoffpreise eine verstärkte Auffüllung der Bestände statt. Wenn der tatsächliche Stahlverbrauch im Sommer erlahmen sollte, liegt hier ein Risiko für die Stahlproduzenten.

Im Augenblick allerdings beschäftigt vor allem die Entwicklung an den Rohstoffmärkten und beim Stahlangebot beide Seiten des Marktes. Australien ist am Weltmarkt der mit Abstand wichtigste Produzent von Kokskohle, hat 2010 rund zwei Drittel aller Exporte getätigt. Davon wiederum entfällt ein erheblicher Teil auf Queensland, wo fast 40 Prozent de Welthandels von Überschwemmungen betroffen ist. So wird es zwangsläufig zu Lieferausfällen kommen. Allerdings ist gegenwärtig weder abzusehen, wie lange und mit welchen Mengen der dortige Bergbau betroffen ist, noch in welcher Größenordnung Kokskohleproduzenten in anderen Teilen der Welt aushelfen können. Die Stahlhütten in Deutschland beziehen knapp die Hälfte der in den Hochöfen eingesetzten metallurgischen Kohle aus Australien. Der Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung mahnt die Stahlproduzenten, fair mit den Kunden umzugehen. Wenn sich Kokskohle am Weltmarkt um 100 Dollar je Tonne verteuere, so resultiere daraus in den Stahlhütten ein Kostenanstieg um 25 Euro. Marktbeobachter meinen, dass sich der in den zurückliegenden Wochen rasant auf 320 Dollar je Tonne erhöhte Spotmarktpreis für Kokskohle bald 400 Dollar nähern könnte.

Preise für Eisenerz und Kokskohle steigen erheblich

Und nicht allein die metallurgische Kohle ist der Kostentreiber. Auch die Preise für Eisenerz und Kokskohle steigen erheblich. Bei Eisenerz soll der Preis schon Mitte Januar mit 170 bis 180 Dollar je Tonne höher sein, als ihn einige Stahlhersteller in ihren Halbjahres- und Jahresverträgen für 2011 veranschlagt haben. So hört man aus Stahlunternehmen, selbst die Einkäufer der großen Autoproduzenten seinen für Nachbesserungen der erst seit Januar wirksamen Jahresverträge bereit, allerdings bei weitem nicht in dem Umfang, wie dies für den Ausgleich der Rohstoffverteuerung erforderlich wäre.

So braut sich einiges zusammen, was im Frühjahr zu heftigen Problemen am Stahlmarkt führen könnte. Wie groß am Ende der Preisschub am Spotmarkt und den neuen Quartalsverträgen ausfällen wird, hängt vor allem vom Stahlangebot ab. Wenn der Lageraufbau nicht abrupt abbricht und die Nachfrage weiter wächst, sind Engpässe in der Versorgung mit Brammen möglich. Weltmarktführer Arcelor-Mittal hat in Europa noch nicht alle Hochöfen in Betrieb. Der zweitgrößte europäische Stahlproduzent Tata hat in seiner Hütte in Nordholland nach einem Brand Lieferprobleme. Bei Thyssen-Krupp und Salzgitter Stahl gehört es zur Strategie, einen Teil der in guter Konjunktur für die Walzwerke benötigten Brammen bei Dritten einzukaufen. Und wenn die Lieferausfälle bei australischer Kokskohle länger andauern, ist eine Knappheit der Rohstahlproduktion programmiert.

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Jahrgang 1949, Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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