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Ein Begriff macht Karriere : Die Völkerwanderung

Schwerbewaffnet, so stellte man sich im 19. Jahrhundert die wandernden Germanen vor. Auch sie übernachteten in Zelten. Bild: akg-images

Das Wort „Völkerwanderung“ klingt plötzlich wieder sehr aktuell. Wie war das damals vor 1500 Jahren? Im Römischen Reich herrschten Wohlstand und Offenheit. Es zerfiel, als die Einheimischen die Nerven verloren und dem Hass auf die Flüchtlinge nachgaben.

          Ein Wort macht Karriere, das die Fachleute schon fast vergessen hatten. Es bezieht sich auf ein Ereignis vor rund 1500 Jahren, und doch klingt es höchst aktuell: Völkerwanderung. Wenn sich Hunderttausende von Flüchtlingen zu Fuß auf den Weg machen, dann scheint diese Parallele nahezuliegen. Das gilt umso mehr, als die Landkarten mit den Balkan- und anderen Routen an jene Grafiken mit den großen Pfeilen erinnern, die in den Schulbüchern einst die Züge der Germanen symbolisierten.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Wort macht auch Angst. Oft soll es genau diese Panik bewusst transportieren. Denn die historische Völkerwanderung des 4. und 5. nachchristlichen Jahrhunderts war nicht irgendeine Migrationsbewegung. Es geht um einen Zivilisationsbruch, vielleicht den am längsten nachwirkenden der Geschichte. Es geht um vermeintliche „Barbaren“, die nach dem verbreiteten Geschichtsbild das Römische Weltreich überrannten und der antiken Hochkultur den Garaus machten. Erst ein Jahrtausend später, in der Renaissance, erholte sich das Abendland wieder von dem Rückschlag. So haben es jedenfalls viele aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung.

          Gemeint ist das immer auch als Selbstbezichtigung. Wären die Römer nicht so verweichlicht gewesen, hätten sie weniger konsumiert, mehr Kinder bekommen und beherzt zu den Waffen gegriffen: Dann könnte es ihr Imperium noch geben. Auf solche Dekadenztheorien liefen schon im alten Rom die Diagnosen der Kulturkritiker hinaus. Es sind ungefähr dieselben Thesen, die der Buchautor Akif Pirincci jetzt auf der Dresdener Pegida-Demonstration verbreitete.

          Die klassische Version dieser Verfallstheorie stammt von dem römischen Autor Tacitus. In seiner Schrift „Germania“ beschreibt er die Bewohner des rauhen Nordens als Wilde: Die Germanen trinken zu viel, streiten zu oft, besitzen keine Zivilisation. Nur auf das Geld der Römer haben sie es abgesehen. Das klang abschreckend. Andererseits drückte sich darin auch eine Bewunderung für die Unverdorbenheit und Abwehrbereitschaft der Germanen aus, die der Schriftsteller in der behaglichen Kernzone des Imperiums offenkundig vermisste. Als Tacitus um das Jahr 100 nach Christus seine Warnungen aussprach, hatte das Imperium allerdings noch mehrere Jahrhunderte Bestand. Es folgte sogar noch jene Epoche, in der „die Lage des Menschengeschlechtes die beste und glücklichste war“, wie der britische Historiker Edward Gibbon im 18. Jahrhundert urteilte.

          Das alte Rom war eine bunte Metropole

          Diese Blüte der Kaiserzeit beruhte ganz wesentlich auf der gewaltigen Integrationskraft des Weltreichs gegenüber Menschen aus allen erdenklichen Kulturen und Regionen. Die Stadt Rom führt schließlich schon ihre Gründung auf einen Flüchtling zurück: Aus den Trümmern des brennenden Troja hatte sich der Grieche Aeneas der Legende zufolge nach Latium gerettet, seinen Vater Anchises auf dem Rücken und seinen Sohn Askanios an der Hand. Askanios gründete dann Alba Longa, die Heimat der römischen Stadtgründer Romulus und Remus.

          Ihm sollten über die Jahrhunderte noch sehr viele Einwanderer folgen. Eine buntere Metropole als das Rom der Spätantike hat die Welt seither kaum gesehen, sieht man vielleicht vom modernen New York ab. So selbstverständlich war das Miteinander der Kulturen, dass sich bis weit ins vierte Jahrhundert nach Christus hinein kaum ein Autor dazu äußerte - und wenn, dann meist lobend. „Solange man sich also an der Herkunft eines Mannes nicht stieß, bei dem Tüchtigkeit aufstrahlte, wuchs die Macht Roms“, schrieb der Historiker Livius.

          Die Fremden kamen nach Rom zunächst als Gastarbeiter, ähnlich wie in die westeuropäischen Länder des späten 20. Jahrhunderts. In der Expansionsphase des Imperiums war es üblich, sich die Arbeitskraft der Besiegten zunutze zu machen und sie als Sklaven ins Innere des Reichs zu verschleppen. Durch die verbreitete Praxis der Freilassungen wurden in der Folge immer mehr ehemalige Sklaven zu römischen Bürgern. Blonde Germanen sollten im Straßenbild der Hauptstadt bald ebenso alltäglich sein wie dunkelhäutige Zuwanderer aus Nordafrika. Mit der Verleihung des Bürgerrechts an alle freien Reichsbewohner im Jahr 212 war der Status des „Civis Romanus“ endgültig von ethnischen Schranken befreit.

          Der „Limes“ - Vorbild der neuen Zäune?

          Die aus dem Stadtstaat übernommene politische Kultur und die tolerante Vielgötterei der Römer sicherten die Anschlussfähigkeit an die übrigen Kulturen des Mittelmeerraums bis in den Nahen und Mittleren Osten. Innerhalb der mediterranen Wohlstandszone, durchaus mit dem modernen Westen vergleichbar, gab es keine Grenzen, dafür aber einen regen Austausch von Menschen, Waren und Dienstleistungen. Das kam breiten Bevölkerungsschichten zugute. Noch heute zeugen davon die 53 Millionen Amphoren, aus denen der römische Trümmerberg Monte Testaccio besteht. In ihnen wurden modernen Schätzungen zufolge rund sechs Milliarden Liter Olivenöl in die Hauptstadt transportiert.

          Nicht ganz so harmonisch wie im Inneren des Imperiums gestaltete sich das Leben an dessen Peripherie. Im Osten waren die Konflikte kalkulierbar, es gab etwa im Perserreich berechenbare Strukturen wie heute in China. Schwieriger waren die Verhältnisse im Norden. Dort hatten es die Römer mit einer Zone der Unsicherheit und fehlender Organisation zu tun. Die „failed states“ der Germanen sind typisch für die Randzonen konkurrenzloser Imperien. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist das Phänomen wieder aktuell.

          Die Römer errichteten Grenzbefestigungen, genannt „Limes“, die denjenigen der Gegenwart auffallend ähnelten. Auch der neue Zaun zwischen Ungarn und Serbien erinnert an antike Vorbilder. Immer geht es darum, an der Grenze zu einer Region der Unsicherheit oder der relativen Armut zumindest die Suggestion von Kontrolle aufrechtzuerhalten. Denn undurchlässig waren diese Grenzen nie. Schon die Römer griffen zu ergänzenden Maßnahmen. Dazu zählte ein gestaffeltes System von Partnerschaften auch mit zweifelhaften Machthabern, flüchtige Bündnisse, Finanzhilfen.

          Reste des „Limes“ im hessischen Bad Nauheim.

          Die Frage, warum dieses Gleichgewicht innerhalb und außerhalb des Imperiums irgendwann kippte, beschäftigt die Historiker bis heute. Stets waren die Antworten von den Debatten der jeweils eigenen Zeit geprägt. Aus der nationalstaatlichen Perspektive des 19. Jahrhunderts erschien die Völkerwanderung als ein Konflikt zwischen Nationen. Aus dieser Zeit stammen auch die Landkarten, die das Geschehen nach Art eines Schlachtplans abbilden. Als sich die westlichen Gesellschaften später zu Einwanderungskulturen wandelten, wurde das vorher gängige Konzept der „Völkerwanderung“ durch die Idee einer mehr oder weniger friedlichen „Transformation“ ersetzt. Die allmähliche Verwandlung des antiken Kosmos in die christliche Welt des Mittelalters stand nun im Vordergrund. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 rückten schließlich die Konflikte dieser Einwanderungsgesellschaft stärker ins Blickfeld. Der Verlust an Wohlstand und Lebensqualität, der mit dem Auseinanderfallen der mediterranen Welt verbunden war, kehrte nun ins Bewusstsein zurück.

          Die Veränderungen weckten Ängste

          Klar scheint zu sein, dass gegen Ende des vierten Jahrhunderts ein lange funktionierendes Gleichgewicht zu kippen begann. Eine konstruktive Entwicklung wandelte sich zu einem destruktiven Prozess. Aber warum gelang irgendwann nicht mehr, was jahrhundertelang nahezu reibungslos geklappt hatte? Warum schwand die Integrationskraft Roms, wieso rückten die Zonen der Unsicherheit immer näher an das Zentrum des Imperiums heran? Schließlich waren die Einwanderer nicht gekommen, um die Strukturen der mediterranen Wohlstandszone zu zerstören. Sie wollten vielmehr an ihnen partizipieren.

          Für die Zunahme der Konflikte an den Grenzen gab es Gründe, die uns heute sehr vertraut vorkommen. Sie hatten mit der instabilen Peripherie des imperialen Systems zu tun, mit der stetig wachsenden Anziehungskraft der Wohlstandszone und auch mit der wachsenden Durchdringung entlegener Gebiete: Je weiter der Einfluss des Imperiums reichte, desto größer wurde in einer schon damals globalisierten Welt seine Anziehungskraft. Daneben mögen auch Klimaverschlechterungen eine Rolle gespielt haben.

          Vor allem aber beeinflusste der beschleunigte Wandel die Mentalität der angestammten Bevölkerung in den Kernzonen der mediterranen Welt. Die Veränderungen weckten Ängste. Ein allgemeines Krisenbewusstsein brach sich in hysterischen Debatten Bahn, die Integrationsbereitschaft der Einheimischen schwand.

          Der Untergang des Imperiums, die Errichtung neuer Grenzen machte am Ende alle zu Verlierern. Die Römer büßten durch ihre schwindende Integrationsbereitschaft und teils panische Reaktionen ein, was sie so beharrlich verteidigen wollten. Auch die Germanen erreichten nicht, was sie eigentlich anstrebten: die Teilhabe am Wohlstandsraum, der sich nun stattdessen ganz allmählich auflöste. An seinem Erhalt hätten alle Beteiligten ein Interesse gehabt. Mit einer klugen Politik der Offenheit wäre es womöglich geglückt.

          Lange, allzu lange waren der Bevölkerungsmehrheit innerhalb des Imperiums die Konflikte an der Peripherie gleichgültig gewesen. Ähnlich wie heute galt das zumindest so lange, wie sich die Folgen dieser Konflikte nicht im Alltag zeigten. So machten sich die Römer von dem Elend, das in den unbekannten Regionen des eurasischen Nordens und Nordostens herrschte, nur eine ungefähre Vorstellung. Die Hunnen, schreibt etwa der Historiker Ammianus Marcellinus, lebten „von den Wurzeln wilder Kräuter und dem halbrohen Fleisch von jedwedem Getier“, das sie „zwischen ihre Schenkel und den Pferderücken legen und etwas erwärmen“. Wie sich die vielen Bürgerkriege und Völkermorde außerhalb des Imperiums im Einzelnen abspielten, interessierte die Römer kaum.

          Doch plötzlich ließ sich das Geschehen nicht mehr ignorieren. Nicht, dass die Barbaren den Krieg auf das Gebiet des Imperiums getragen oder die Römer militärisch bedroht hätten. Es waren Flüchtlinge, die auf einmal vor der Tür standen. Sie wollten das Imperium nicht zerstören. Sie waren vor Krieg und Verwüstung, vor Hunger und materiellem Elend geflohen, und sie begehrten das genaue Gegenteil davon: Teilhabe an den Segnungen des Wohlstands.

          Im Jahr 376 überqueren die Goten die Donau

          Der oströmische Kaiser Valens versuchte zunächst, die Eindringlinge mit den scheinbar bewährten Mitteln der Grenzsicherung aufzuhalten und die Balkan-Route zu sperren. Seine Legionen patrouillierten an der Donau-Grenze, wie es heute die europäische Grenzschutzagentur Frontex macht. Ein anhaltender Erfolg blieb dieser einseitigen sicherheitspolitischen Maßnahme jedoch versagt. Deshalb beschloss Valens im Jahr 369, sich mit den Goten, einem der größten germanischen Stämme, ins Benehmen zu setzen. Auf Schiffen inmitten der Donau, an der heutigen Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien, besiegelte er mit dem Gotenkönig Athanarich ein Abkommen, das eine geregelte Einwanderung der Barbaren ins Imperium vorsah.

          Wenige Jahre später wandte sich abermals eine gotische Delegation an den Kaiser. Diesmal beantragte sie ganz offen die Aufnahme ins Imperium, und Valens stimmte zu. Er sagte nicht nur: „Wir schaffen das.“ Seine Berater priesen das Abkommen sogar als „Glück des Kaisers“, denn „aus den entferntesten Ländern bringt es so viele Rekruten und biete sie ihm wider Erwarten an“, dass er sich „ein unbesiegbares Heer schaffen könne“. Die Politik sah in den Einwanderern also vor allem willige Arbeitskräfte für die Wachstumsbranche der inneren und äußeren Sicherheit.

          Im Jahr 376 überquerten die Goten die Donau. Dem Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus zufolge versuchten die römischen Beamten, die Neuankömmlinge aus dem Norden zunächst zu zählen, gaben den Versuch aber bald „als vergeblich“ auf. Kaum hatten die Goten den Grenzfluss überschritten, schlug ihnen das Misstrauen der ansässigen Bevölkerung entgegen. Auch die römischen Repräsentanten vor Ort taten auf einmal alles, um eine erfolgreiche Eingliederung zu verhindern. Statt rasch und effizient die Versorgung der Flüchtlinge sicherzustellen, nutzten sie deren Notlage aus. Von jener „Willkommenskultur“, die der Kaiser zuvor propagiert hatte, war auf einmal keine Rede mehr.

          Der Eklat von Marcianopel

          Zum ersten Eklat kam es in Marcianopel, einer Stadt im Nordosten des heutigen Bulgariens. Während der römische Befehlshaber die Anführer der Goten zum Essen lud, bat die Mehrzahl der Einwanderer vergeblich um Zutritt zum städtischen Markt. Die Einwohner der Stadt mochten nicht einsehen, dass sie allein die Lasten der Einwanderungspolitik tragen sollten, selbst wenn sie dem Imperium insgesamt zugutekam - zumal sogar fraglich war, ob die Neuankömmlinge ihre Einkäufe überhaupt bezahlen konnten.

          Beide Seiten fühlten sich alsbald düpiert. Die Goten verstanden nicht, dass die Römer ihnen erst den Übergang über die Donau öffneten und dann die Stadttore von Marcianopel verschlossen. Die Römer wiederum meinten, sie hätten mit der bloßen Aufnahme der Goten schon genug getan. Eine Fülle von kulturellen Missverständnissen im Kleinen trat hinzu. Es kam von beiden Seiten zu ersten Übergriffen. Die Gewalt eskalierte. Es dauerte nicht lange, bis sich die römische Politik dazu entschloss, die Integrationsbemühungen durch den Einsatz der Armee abzulösen.

          Das Ergebnis war ein gewaltsamer Zusammenstoß, der als die Schlacht von Adrianopel in die Geschichte einging. Die Stadt, das heutige Edirne, lag nur 200 Kilometer von Konstantinopel entfernt. Dort kam es am 9. August 378, den ein italienischer Buchautor als „Tag der Barbaren“ bezeichnete, zu einer Eskalation der Gewalt. Sogar der Kaiser verlor sein Leben. Seither gilt das Ereignis als Beleg dafür, dass der römischen Politik die Kontrolle über die Situation entglitten war.

          Das oströmische Reich überlebte länger

          Vor den Toren Adrianopels war allerdings nicht die römische Integrations- und Zuwanderungspolitik als Ganzes gescheitert, sondern nur deren widersprüchliche Variante, die der verstorbene Kaiser Valens vertreten hatte. Seinem Nachfolger Theodosius gelang es, das Verhältnis zur gotischen Bevölkerung wieder zu entspannen. Nur vier Jahre später einigte er sich mit den Goten auf einen neuerlichen Vertrag. Dass Integration nicht notwendigerweise Assimilation bedeuten musste, wurde nun offiziell akzeptiert - zum Wohl aller Beteiligten.

          In der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, waren diese Fragen kaum weniger umstritten als heute. Die liberale Linie vertrat besonders eloquent der Redner und Philosoph Themistios, ein Anhänger altrömischer Gebräuche. „Keiner würde heute noch die Galater als Barbaren bezeichnen“, schrieb er mit Bezug auf eine ältere Gruppe von Einwanderern. „Sie zahlen Steuern wie wir und gehorchen denselben Gesetzen.“ Die Gegenposition vertrat wenig später der christliche Bischof aus dem nordafrikanischen Kyrene, Synesios, ein fanatischer Verfechter der damals noch neuen Glaubensrichtung. Er schrieb: „Nur ein Verrückter könnte keine Angst haben, wenn er all diese Jugendlichen sieht, die im Ausland aufgewachsen sind und die weiterhin nach ihren Gewohnheiten leben.“

          Solche antigermanischen Einstellungen, vergleichbar dem heutigen Islamhass, nahmen seit der Schlacht von Adrianopel überall im Imperium Romanum zu. Im Osten blieben größere Friktionen gleichwohl fortan aus. Das mochte an der längeren Erfahrung mit kultureller Diversität liegen, an der Tradition griechischer Kleinstaaterei, der kulturellen Eigenständigkeit einer Region wie Ägypten mit ihrer multikulturellen Hauptstadt Alexandria. Jedenfalls trug die erfolgreichere Integrationsgeschichte dazu bei, dass die Geschichte des Oströmischen Reichs noch ein ganzes Jahrtausend weiterging.

          Dagegen schwand im lateinischen Westen die Integrationsbereitschaft, trotz seiner längeren Migrationsgeschichte und seiner schwächeren Traditionen. Offenbar sind auch klassische Einwanderungsländer vor Abstoßungsreaktionen gegenüber Nachkommenden nicht gefeit.

          Ein Feldherr mit Migrationshintergrund

          Zunächst verlief die Integration der Germanen gerade im Westen sehr vielversprechend. Sie stiegen in hohe und höchste militärische Funktionen auf. Selbst ein Germane als Kaiser schien zuletzt möglich zu sein. Eine Schlüsselfigur war zu Beginn des 5. Jahrhunderts der General Flavius Stilicho. So weit wie er hatte es noch kein „Barbar“ gebracht. Mehr als dreizehn Jahre lang war er der mächtigste Mann des Weströmischen Reiches, nicht nur Oberbefehlshaber der Armee, sondern auch Vormund der beiden Kaisersöhne. Niemand verstand es in jener Zeit so gut wie der Feldherr mit Migrationshintergrund, das Imperium durch die instabilen Zeiten zu führen, die Ordnung zu sichern und Kompromisse zu schließen.

          Aber die Römer hatten am Ende dann doch nicht vergessen, wo Stilicho herkam. Solange er als angriffslustiger Falke auftrat, war er bei der angestammten Bevölkerung Italiens populär. Nach erfolgreichen militärischen Interventionen gegen den Gotenkönig Alarich sprach er sich jedoch gegen einen neuerlichen Krieg aus, der ihm als unverantwortliches Abenteuer erschien. Da bröckelten die Sympathien rasch, der mittlerweile volljährige Kaiser Honorius ließ seinen fähigsten General fallen. Am 22. August 408 wurde er, erst 43 Jahre alt, erschlagen - ausgerechnet in einer Kirche, in die er sich in Ravenna in Oberitalien geflüchtet hatte.

          Es war, wie der italienische Publizist Indro Montanelli schreibt, „vielleicht das dümmste, niederträchtigste und katastrophalste der Verbrechen, die im Namen Roms begangen wurden“. In den umliegenden Städten Norditaliens fielen die regulären römischen Soldaten anschließend über die Familien der von Stilicho rekrutierten Germanen her, die sich daraufhin auf die Seite des Goten Alarich schlugen. Der Gegensatz zwischen Römern und Barbaren, der im Imperium schon fast aufgelöst schien, war plötzlich wieder da.

          Aus der Kultursymbiose ging eine neue Zivilisation hervor

          Zwei Jahre später fiel Alarich mit den frustrierten Einwanderern in Rom ein. Drei Tage verbreiteten seine Leute Angst und Schrecken, dann zogen sie nach Süden weiter. Das Leben in Rom ging zwar weiter, aber der Schock wirkte lange nach - vergleichbar mit der Situation nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Wie New York heute war Rom in der Antike das Symbol für eine ganze Zivilisation und deren Sicherheitsversprechen. Der Einzug der Goten in Rom war weniger ein externer Konflikt als eine Auseinandersetzung innerhalb des Reichs. Auch Alarich war schließlich schon ein militärischer Befehlshaber des Imperiums gewesen, im Osten. Erst als ihm diese Anerkennung im Westen versagt blieb, griff er zu den Waffen.

          Die Integrationsfähigkeit Roms blieb in der Folge nachhaltig gestört. Ausgerechnet die bis vor kurzem noch selbst verfolgten Christen taten sich nun als besonders eifrige Kritiker der Einwanderung hervor. Den Kirchenvater Augustinus inspirierte die Plünderung Roms zu seiner Schrift „Vom Gottesstaat“, einer Generalabrechnung mit dem angeblich dekadenten „Melting Pot“ des Imperiums. Und der Mailänder Bischof Ambrosius hetzte gegen die Einwanderer aus dem Norden, die er als Wilde und als Erbfeinde der Römer betrachtete.

          Allerdings war die Eroberung durch die Goten mit all ihren Folgen noch nicht der „Untergang“ Roms, wie zahlreiche Zeitgenossen und spätere Autoren glaubten. Nicht einmal das formale Ende des weströmischen Kaisertums im Jahr 476 konnte die Einheit der einst eng vernetzten Mittelmeerwelt von einem Tag auf den anderen auflösen. Der Senat tagte in der Stadt Rom bis weit ins 6. Jahrhundert hinein, auch die Thermen und Wasserleitungen blieben vorerst noch in Betrieb. Unter dem gotischen König Theoderich, der von Ravenna aus auf römische Weise regierte, erlebten Teile Italiens sogar eine neue Blüte. Langfristig ging aus der römisch-germanischen Kultursymbiose eine neue Zivilisation hervor.

          Dass die Integration innerhalb des Imperiums nicht mehr gelang, führte gleichwohl zu einem dramatischen Verlust an Lebensqualität. Die Einheit der Mittelmeerwelt löste sich Stück für Stück auf, neue Grenzen entstanden - eine Entwicklung, deren Wiederholung der deutschen Bundeskanzlerin anderthalb Jahrtausende später aus durchaus pragmatischen Gründen als nicht erstrebenswert erscheint.

          Für Rom jedenfalls gab es zum Festhalten an der Offenheit den Fremden gegenüber keine vernünftige Alternative. „Eine andere Art zu leben gibt es nicht“ - so formulierte es der griechische Rhetor Aelius Aristides in Bezug auf das römische Vielvölkerreich schon im 2. Jahrhundert nach Christus. Lebenswerter war das, was danach kam, jedenfalls nicht. Die Einheit des Imperiums löste sich in eine Vielfalt feudaler Herrschaftssysteme auf. Umgekehrt wurde das Leben in den einzelnen Städten eintöniger, die Buntheit der Lebensformen schwand. Erst seit dem späten Mittelalter, im Zuge einer neuen Globalisierung, kehrte sich das Verhältnis wieder um. Zum Wohle aller Beteiligten.

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