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Kommentar : Zurück in die Zukunft

In „Zurück in die Zukunft“ präsentiert Dr. Emmett Brown (Christopher Llyod, li.) dem staunenden Marty McFly (Michael J. Fox) seine Zeitmaschine. Bild: obs

Ob das Nokia 3310 oder die Agenda von Martin Schulz: Wirtschaft und Politik ergehen sich in Nostalgie. Das mag verführerisch sein, ist aber auch reichlich naiv.

          Den Verlockungen einer Zeitmaschine ist schon so mancher unzufriedene Geist erlegen. Unvergessen der Kultfilm „Zurück in die Zukunft“, in dem sich der junge Michael J. Fox alias Marty McFly mit einem solchen Wunderwerk der Technik dreißig Jahre zurück in die Vergangenheit katapultierte – in eine vermeintlich bessere Zeit. Auch wenn die Antriebsform des Gefährts (Atomkraft!) heute wohl nicht mehr mehrheitsfähig wäre: Der Reiz der Idee scheint ungebrochen.

          Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in der Wirtschaft ein ausgeprägter Hang zur Nostalgie zu besichtigen ist. Das gilt bei weitem nicht nur für die Modeindustrie, die jede Saison aufs Neue zuverlässig das zum Trend erklärt, was schon vor dreißig/vierzig/fünfzig Jahren als ebensolcher galt. Auch jenseits dieses Metiers blüht die Erinnerungskultur. Wer heute stilecht fotografieren will, tut das nicht mehr mit dem neuesten iPhone, sondern einer alten Polaroid-Kamera. Die passende Musik kommt vom Plattenspieler, der sich ebenfalls wieder bestens verkauft. Und auch das Nokia 3310 ist wieder da, jener Knochen von Handy, der zwar kein Whatsapp hat, dafür aber einen Akku, der angeblich bis zu einem Monat hält.

          Der Nostalgie-Effekt

          Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, wenn, ja wenn die allgemeine Rückwärtsgewandtheit nicht auch in einem immer stärkeren Maß die Wirtschaftspolitik erfassen würde. Ob „Make America great again“ oder „Take back control“: die siegreichen Wahlslogans des vergangenen Jahres eint, dass sie den Wählern die Rückkehr in die guten alten Zeiten versprechen – oder das, was man gemeinhin dafür hält. Donald Trump will den Amerikanern den Kohlebergbau wiedergeben, Theresa May den Briten den Stolz des Empires. SPD-Heilsbringer Martin Schulz wiederum verspricht: Alles wird wieder so wie vor der Agenda 2010. Und wird dafür in den Umfragen nach oben gespült wie lange kein Politiker.

          Wie kommt es, dass sich offenbar große Teile der Bevölkerung nichts sehnlicher wünschen als ein „Zurück in die Zukunft“? Wie kann es sein, dass der Wohlstand in Deutschland so groß ist wie nie zuvor, die Menschen das Leben vor zwanzig Jahren aber als ein besseres in Erinnerung haben? Mit Fakten hat das wenig zu tun, mit Gefühlen dafür umso mehr.

          Es ist vor allem diese allgemeine Grundstimmung, dass Veränderungen immer schneller vonstattengehen. Eben noch war das Smartphone eine Revolution, schon machen sich in den Fabriken Roboter und auf den Straßen selbstfahrende Autos breit. In den Konzernen ist Restrukturierung kein singuläres Ereignis mehr, das man in Krisenzeiten wohl oder übel über sich ergehen lassen muss. Aus dem „Change-Prozess“ ist vielmehr ein Dauerzustand geworden, bei dem selbst die damit betrauten Berater manchmal nicht mehr so recht wissen, welche Mitarbeiter sie da eigentlich gerade wohin verpflanzen – geschweige denn, warum.

          Offiziell fünf Millionen Arbeitslose

          In dieser Gemengelage kommt die Nostalgie vielen gerade recht, diese heimelige Verbindung aus den Wörtern „nóstos“ – der Heimkehr – und „álgos“ – dem schmerzlichen Verlangen. Wobei es schon eigenartig ist: Einst galt „Nostalgia“ als eine Krankheit, der man am besten mit der Gabe von Opium entgegenwirkte. Heute ist sie selbst die Arznei gegen die Widrigkeiten des Alltags, gibt Sicherheit in unruhigen Zeiten.

          Damit keine Missverständnisse aufkommen: Gegen ein gewisses Maß an Nostalgie ist nichts einzuwenden. Jeder soll nach Herzenslust seiner Vorliebe für Schlaghosen und Nierentischchen frönen und in Gedanken an die rauschenden Partys der achtziger Jahre schwelgen. Doch die Gefahr ist groß, dass die Sache in Verklärung umschlägt, was sie leider allzu schnell tut.

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          Man kann nicht oft genug daran erinnern: In der Vor-Agenda-Zeit, die Martin Schulz für einen so erstrebenswerten Zustand hält, hatte Deutschland offiziell fünf Millionen Arbeitslose, inoffiziell gar mehr als sieben Millionen. Viele Hochschulabsolventen konnten sich ihren Arbeitgeber nicht aussuchen, sondern waren froh, wenn sie überhaupt irgendwo unterkamen. Work-Life-Balance, Elterngeld, Sabbaticals: gab es alles nicht. Wollen wir wirklich wieder in diese Zeit zurück? Und all die technischen Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit zurückgeben? Auch so mancher Käufer des Nokia 3310 ist vermutlich ganz froh, dass er zugleich noch ein Smartphone in der Tasche hat, mit dem er bei Bedarf den Weg zum nächsten Schallplattenladen googeln kann.

          Man kann Politik und Wirtschaft vieles vorwerfen. Etwa dass sie den Sinn von Veränderungen nicht ausreichend kommunizieren. Oder es in einer Sprache tun, die das Volk nicht mehr versteht. Aber auch dem Einzelnen täte ein wenig mehr Realitätssinn gut. Das Beste aus zwei Welten, der Vergangenheit und der Gegenwart, mag eine verführerische Vorstellung sein. Aber sie ist auch reichlich naiv. Selbst Marty McFly, der Held aus „Zurück in die Zukunft“, war am Ende ziemlich froh, dass ihn die Zeitmaschine auch wieder zurück in die Gegenwart brachte.

          Julia Löhr

          Redakteurin in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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