Wirtschaftsprofessor Dirk Meyer von der Bundeswehruniversität in Hamburg rät zu einem Austritt oder Ausschluss der Griechen - dies sei besser als immer neue Finanzhilfen. Meyer hält es für einen gravierenden Konstruktionsfehler der Währungsunion, dass sie zu unterschiedliche Mitglieder zusammenspannt.
Herr Professor Meyer, Griechenland steckt tief in der Schuldenkrise. Nach dem Maastricht-Vertrag sollen die anderen EU-Staaten aber nicht helfen. Wird es trotzdem dazu kommen?
Die sogenannte „No Bail Out“-Klausel wird nicht halten. Sie ist schlicht nicht glaubwürdig. Damit erweist sich, dass wir in der Währungsunion faktisch eine Haftungsgemeinschaft sind. Davor haben Kritiker wie Joachim Starbatty früh gewarnt. Der Euroclub haftet also für das schlechte Finanzgebaren einzelner Mitglieder.
Sind wir also auf Gedeih und Verderb aneinandergebunden?
Kurzfristig ja. Die Griechen lassen sich jetzt erst mal rauskaufen. Jetzt versucht die EU erst mal, über bilaterale Hilfen oder auch eine Gemeinschaftsanleihe zu helfen. Aber das langfristige Problem wäre damit noch lange nicht vom Tisch. Wenn Griechenland geholfen wird, macht dieses Beispiel Schule. Das sehen Spanien und Portugal und fragen sich: Warum sollen wir uns anstrengen, wenn den Griechen geholfen wird? Es gibt einen gravierenden Konstruktionsfehler der Euro-Zone: Dort sind ungleiche Mitglieder einfach zusammengeführt worden. Wenn Arbeitsmärkte nicht flexibel genug sind, führen hohe Lohnerhöhungen wie in den Mittelmeerstaaten, die nicht von Produktivitätssteigerungen gedeckt sind, zu fallender Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Problemen. Früher haben die Mittelmeerstaaten einfach ihre Währung abgewertet und so ihre Exportfähigkeit wieder verbessert. Mit der Währungsunion ist das Wechselkursventil ausgefallen.
Die Griechen haben schon seit Jahren sehr hohe und steigende Leistungsbilanzdefizite. Das heißt, sie importieren viel mehr, als sie exportieren, und leben über ihre Verhältnisse.
Das gilt auch für einige andere schwächere Länder der Euro-Peripherie. Insgesamt haben die Leistungsbilanzungleichgewichte seit Beginn der Währungsunion drastisch zugenommen.
Wenn die Mitgliedsländer des Euro-Raums weiter ökonomisch auseinanderstreben, greift die kurzfristige Lösung finanzieller Hilfen auf Dauer nicht. Wäre es eine Möglichkeit für die früheren Weichwährungsländer, einfach wieder aus dem Euro auszutreten?
Falls die Griechen austräten aus dem Euro und eine neue, eigene Währung einführten, gäbe es eine starke Abwertungserwartung. Die Folge wären auch höhere Zinsen für die neuen griechischen Staatspapiere. Ihre Auslandsschulden, die in Euro notiert sind, würden bei einer Abwertung der neuen Drachme im Wert steigen, die Bedienung würde schwerer. Das wäre erst mal ein großer Nachteil für die Griechen. Es droht durchaus das Risiko einer Anschlussinsolvenz, das würden auch die Gläubiger einkalkulieren müssen. Die Spekulanten, die von den hohen Zinsen angelockt waren, würden erhebliche Verluste erleiden. Allein deutsche Banken halten griechische Schulden in Höhe von 30 Milliarden Euro. Derzeit deuten die relativ moderaten Risikoaufschläge allerdings an, dass die Märkte eine Hilfestellung der EU erwarten.
Für die Griechen wäre ein Austritt ökonomischer Selbstmord?
Um dem vorzubeugen, würde Griechenland sich einen Austritt damit abkaufen lassen, dass die EU zumindest einen erheblichen Teil der griechischen Auslandsschulden übernehmen würde. Das ist aber dennoch ein Szenario, das man langfristig erwägen sollte. Es wäre eine billigere und bessere Lösung für uns alle statt ständig neuer Hilfen. Die Griechen könnten abwerten und würden wirtschaftlich wieder gewinnen.
Also sollte man sich doch Gedanken machen darüber, wie schwache Kandidaten wieder aus der Währungsunion austreten könnten? Im Maastricht-Vertrag steht davon nichts.
Ob es politisch opportun ist, weiß ich nicht. Ökonomisch und längerfristig wäre es die bessere Lösung. Ein schwerwiegender Vorschlag wäre ein geordneter Austritt von Griechenland oder gleich von vier ehemaligen Weichwährungsländern: Griechenland, Spanien, Portugal und Italien. Dadurch würde der Währungsraum homogener werden. Und die vier Länder könnten sich entweder an den Euro locker anbinden, oder sie könnten eine gemeinsame mediterrane Währung gründen, um dem Spekulationsrisiko weniger stark ausgesetzt zu sein. Man könnte sich sogar überlegen, ob man die Griechen nicht gemäß internationaler Vertragskonvention aus der Währungsunion ausschließen sollte, denn sie haben massiv gegen die Verträge verstoßen.
Gibt es Präzedenzfälle von Währungsunionen, die aufgelöst wurden?
Es gibt mehrere Beispiele. Es bestand eine Lateinische Münzunion 1865 zwischen Frankreich, Italien und Belgien, die wieder zerbrach. 1872 gab es eine Skandinavische Währungsunion zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen. Sehr bedeutsam war die Kronen-Zone mit Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit. Die sind alle aufgrund institutioneller Ungereimtheiten letztlich zerfallen.
Auch der Euro ist nicht für die Ewigkeit?
Die Probleme werden sich verschärfen, weil das Regelwerk nur unzureichend wirksam ist und die Mitglieder strukturell nicht zueinanderpassen. Wie lange der Euro hält, kann keiner sagen. Aber die Unzufriedenheit nimmt zu. Die Bürger der Geberländer fragen sich, warum sie für Schlamperei und Misswirtschaft haften sollen. Und die Griechen und andere fühlen sich in ihrer nationalen Souveränität eingeengt und gegängelt. Die Krise wird damit auch eine politische.
Dankenswerter Weise gibt es noch Menschen die klar denken können
Martin Klocke (mampo)
- 12.02.2010, 13:17 Uhr
Kling ja ganz griffig, nur wo sind die Belege "Herr Prof. Meyer"?
Andreas Breuer (IUSTINUS)
- 12.02.2010, 13:18 Uhr
Defizit "effektiv" bei über 25%
Joachim Richard (meerwind7)
- 12.02.2010, 13:21 Uhr
Und schon wieder sind wir beim leidigen Grenzproblem.
Martin Hörig (hoerig)
- 12.02.2010, 13:24 Uhr
Hartz IV für Griechenland?
Sebastian Seyfert (sejose)
- 12.02.2010, 13:24 Uhr
