13.11.2007 · In Feld und Wald soll künftig ein Großteil der Energie gewonnen werden, der als Biosprit Autos antreibt oder in Biogasanlagen Energie erzeugt. Doch ist das Gutgemeinte wirklich gut? Der Staat sollte sich hüten, zu sehr in den Preismechanismus für Agrarrohstoffe einzugreifen. Konrad Mrusek kommentiert.
Von Konrad MrusekIm Klimaschutz ist eine Lösung besonders populär, weil sie ein grünes Image hat: Bioenergie. In Feld und Wald soll künftig ein möglichst großer Teil der Energie gewonnen werden, der als Biosprit entweder Autos antreibt oder in Biogasanlagen Strom und Wärme erzeugt. "Kornkraft statt Kernkraft" heißt die Parole, die die Grünen einst prägten. Ganz so grüngläubig sind noch nicht alle Parteien, doch dass Bioenergie etwas Gutes ist und der Staat daher Anbau und Nutzung nachwachsender Rohstoffe fördern sollte, das verlangt inzwischen eine große Koalition aus Politikern und Lobbyisten. Diese war auch jetzt wieder in einer Anhörung des Bundestages zu hören.
Ist das Gutgemeinte wirklich gut, oder ist es ethisch fragwürdig, wenn irgendwann Erntedank im Autotank stattfindet? Die Nutzung von Biomasse ist in einem gewissen Ausmaß sinnvoll, weil damit knappes Öl und Gas ersetzt werden und zudem klimafreundlicher geheizt oder Strom erzeugt wird. Beim Biosprit ist dagegen die ökologische Bilanz weniger überzeugend.
Ernten für Teller und Tank
Gerade bei rekordhohen Ölpreisen gibt es vermutlich Illusionen darüber, wie viel fossile Energie deutsche Äcker und Wälder ersetzen können. Daher sollte sich der Staat hüten, als Klimaschützer zu sehr in den Preismechanismus bei agrarischen Rohstoffen einzugreifen. Wenn er Bioenergie zu stark fördert, entstehen Monokulturen, wandert Raps oder Mais in den Tank, droht durch staatliche Eingriffe eine Flächenkonkurrenz zwischen Land- und Energiewirten, die Nahrungsmittel verteuern könnte.
Beim starken Anstieg der Agrarpreise gab es bereits Nebeneffekte solcher staatlichen Eingriffe in Amerika und Europa, auch wenn bisher niemand genau beziffern kann, in welchem Ausmaß diese Subventionen jene Marktkräfte überlagerten, die vor allem auf schlechte Ernten und eine höhere Nahrungsmittelnachfrage in Asien zurückzuführen sind. Während die Lebensmittelindustrie vor unheilvoller Flächenkonkurrenz warnt und Tierzüchter über höhere Futtermittelpreise klagen, beteuert Bauernpräsident Gerd Sonnleitner immer wieder, Bioenergie sei keineswegs „schuld“ daran, dass Brot und Milch teurer würden. Die Bauern sind in dieser Debatte befangen wie die Grünen. Schließlich profitieren Landwirte vom Bioenergieboom, was man nicht allein an den Raps- und Maisfeldern, sondern auch an ihren zahlreichen Biogasanlagen sehen kann. Es kann den Bauern nichts Besseres passieren, als wenn Ernten gleichermaßen für Teller und Tank geeignet sind. Wenn Pflanzen stofflich und energetisch verwertet werden, sind Energie- und Agrarpreise stärker miteinander verwoben, dürften sie parallel steigen und fallen.
Je teurer das Öl, desto mehr kostet auch der Weizen
Wenn der Ölpreis früher stieg, klagten die Bauern, weil sie für den Traktor Diesel brauchen. Nun können sie sich die Hände reiben wie die ganze Öko-Energiebranche. Je teurer das Öl, umso höher dürfte nun auch der Weltmarktpreis für Weizen sein. Denn diesen kann man verfeuern, was über höhere Einspeisevergütungen für Strom oder Wärme gefördert wird, oder Ethanol und damit Kraftstoffe machen. Einige Agrarökonomen sagen voraus, dass Weizen nach dem Höhenflug der letzten Zeit wohl nie mehr unter einen Weltmarktpreis von 15 Euro je Doppelzentner fallen wird. Denn schon bei einem Ölpreis von 70 Dollar je Barrel lohnt sich für ein entsprechend ausgerüstetes Heizkraftwerk der Umstieg auf die energetische Nutzung von Getreide. Bei einem Ölpreis von 100 Euro dürfte die energetische Nutzung noch attraktiver und Brotweizen damit noch teurer werden.
Der Klimaschutz garantiert nun vielen Bauern eine Doppelnutzung ihrer Ernten. Die Flächenkonkurrenz zwischen Land- und Energiewirten wird zunehmen, weil der Anteil von Biomasse weiter stark steigen soll. Sie sorgt schon jetzt für 70 Prozent der regenerativen Energie, ist also wichtiger als Windkraft- oder Solarenergie. Bisher ist es vor allem Holz, das zum Heizen verwendet wird. Doch nun werden mehr Energiepflanzen gebraucht, weil die Regierung bis 2020 die Anteile regenerativer Quellen bei Strom, Wärme und Kraftstoffen verdoppeln will.
Gülle in Hülle und Fülle
Ist Deutschland in der Lage, die nötige Biomasse zu liefern? Hört man auf die Lobby, die ähnlich gut organisiert ist wie andere Energiebranchen, dann ist dies kein Problem. Es gebe ja Stroh, Gülle und andere Reststoffe in Hülle und Fülle. Das Landwirtschaftsministerium sekundiert den Bauern und argumentiert, man könnte 2020 auf etwa einem Drittel der Äcker Energiepflanzen anbauen, was bis zu 16 Prozent der Primärenergie deckte. Die Deutschen müssten sich dennoch nicht um ihre Nahrungsmittel sorgen. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen ist vorsichtiger. Er schätzt, dass selbst bei Nutzung aller Ressourcen und Flächenpotentiale maximal zehn Prozent der Primärenergie gedeckt werden könnte. Die restliche Biomasse müsste importiert werden. Das wäre billiger und für den Klimaschutz nur dann sinnvoller, wenn für Bioenergie nicht Wälder oder Naturschutzgebiete geopfert werden. Dann könnten sich diese Länder um die Preise ihrer Nahrungsmittel sorgen.
Raps
Rainer Loehrer (Rainhelt)
- 13.11.2007, 12:54 Uhr
Der Irrsinn im Tank
Stefan Gigga (GodSaveAmerica)
- 14.11.2007, 20:17 Uhr
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