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Die Briten stimmen ab : Für sie bleibt der „Brexit“ sehr unwahrscheinlich

  • Aktualisiert am

Die Zeit läuft: In zehn Tagen stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land Mitglied der EU bleiben soll. Bild: dpa

In zehn Tagen stimmen die Briten über die EU ab. Die Meinungsumfragen sagen ein sehr knappes Ergebnis voraus. Es gibt einen Grund, aus dem die Buchmacher das immer noch ganz anders sehen.

          Noch zehn Tage, dann stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land Mitglied der Europäischen Union bleiben wird oder nicht. In den beinahe täglich neuen Meinungsumfragen deutet sich ein ganz knapper Ausgang an, mal liegen die EU-Befürworter knapp vorne, mal die EU-Ablehner, sogar eine regelmäßig aktualisierte Analyse des Durchschnitts der neuesten sechs Umfragen signalisiert nun ein Ergebnis von 50:50 (siehe Grafik). Zuvor hatten in dieser Zusammenfassung die EU-Befürworter zumindest in der Tendenz immer leicht vorne gelegen.

          Es gibt jedoch eine für die Einschätzung der vorherrschenden öffentlichen Meinung wichtige Gruppe von Sachkundigen, die einen EU-Austritt („Brexit“) des Vereinigten Königreichs immer noch für sehr unwahrscheinlich hält: die britischen Buchmacher. Die Online-Wettanbieter Ladbroke und Betfair bemessen die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Briten für einen „Brexit“ entscheiden, nur mit rund einem Drittel. Zwar sind auch sie damit nun weniger optimistisch als noch vor einigen Wochen - kurz nach dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama beispielsweise ergab sich aus ihren Quoten eine „Brexit“-Wahrscheinlichkeit von weniger als einem Fünftel. Gleichwohl signalisieren auch ihren neuen Zahlen, dass die Abstimmung eigentlich eine klare Sache sein müsste.

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          Besonders für professionelle Beobachter sind die Buchmacher eine wichtige Quelle geworden für Abstimmungen im Vereinigten Königreich. Der Grund liegt nicht nur darin, dass die Meinungsforscher etwa im Vorfeld der letzten britischen Parlamentswahlen deutlich daneben gelegen hatten. Die Buchmacher berücksichtigen neben den Umfragen beispielsweise auch psychologische Faktoren wie etwa die ausgeprägte Risiko-Aversion: Im Zweifel, so haben das Verhaltensforscher herausgefunden, entscheiden die Menschen für den bekannten Status Quo und gegen ein unbekanntes Risiko, dessen Folgen sie nicht einschätzen können. Experten wie Jacob Funk Kirkegaard von der amerikanischen Denkfabrik Peterson Institute of International Economics halten auch aus diesem Grund einen „Brexit“ weiter für unwahrscheinlich - aktuelle Umfragen hin oder her.

          Mit der hinter der Risiko-Aversion steckenden Logik dürfte sich tatsächlich auch das Verhalten der jeweiligen Kampagne ziemlich gut erklären lassen. Der britische Premierminister David Cameron und sein Finanzminister George Osborne warnen vor den wirtschaftlichen Nachteilen für das Vereinigten Königreich, die sich aus einem EU-Austritt ergeben - und berufen sich dabei auf ein breites Sammelsurium von Berechnungen wie sie zum Beispiel der Internationale Währungsfonds oder die Welthandelsorganisation angestellt haben. Die EU-Ablehner um den früheren Londoner Bürgermeister Boris Johnson und den Ukip-Parteichef Nigel Farage stellen ebenfalls die Risiken in den Vordergrund, aber ganz andere: Sie versuchen (durchaus erfolgreich), ihren Landsleuten Angst vor Ausländern einzureden und zumal vor denjenigen, die schon in Britannien leben oder dorthin einwandern wollen.

          Videografik : Die Briten und ihre Beziehungen zur EU

          Die heiße Phase des Wahlkampfes läuft und der bevorstehende britische Volksentscheid ist jedenfalls mittlerweile auch an den internationalen Finanzmärkten angekommen. Das Umfrage-Patt und eine einzelne Erhebung in der vergangenen Woche, nach der die EU-Ablehner sogar deutlich in Führung liegen, sind zeitlich etwa damit zusammengefallen, dass die Aktienkurse rund um die Globus nachgaben - der deutsche Standardwerteindex Dax fiel wieder unter 10.000 und ist auch schwächer in diese neue Woche gestartet. Ökonomen in den Banken spielen zunehmen durch, was ein EU-Austritt der Briten für die übrigen Mitgliedsländer bedeuten könnte. Gibt es dann auch in anderen Ländern den Wunsch nach einem Referendum, sogar in solchen, die der Währungsunion angehören?

          „Ein Brexit wäre der Sargnagel für eine tiefere politische Integration, die für den langfristigen Bestand der Währungsunion notwendig ist. Nach einem Brexit wären die Regierungen erst recht nicht mehr bereit, die Ursachen der Staatsschuldenkrise durch mehr Integration zu lösen“, sagte beispielsweise Commerzbank -Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Bei einem Brexit würde es keinen Gewinner geben. Wir in Europa würden alle verlieren. Der politische Integrationsprozess würde um Jahre zurückgedreht werden“, äußerte DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier.

          Es gibt aber auch Äußerungen, die nicht einen gewissen Humor entbehren: „Hinter dem Brexit-Referendum steckt eine ordentliche Portion Ironie, da nach meiner Auffassung Großbritannien nie der EU beigetreten ist“, wird Steen Jakobsen, Chefvolkswirt der Saxo Bank, zitiert.

          Quelle: ala./Reuters

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