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Diabetes Das gute Geschäft mit der Volkskrankheit

26.12.2005 ·  Sahnetorten, Kekse, Schokolade: alles ohne Zucker. Das Angebot für Diabetiker wächst. Jetzt stürzen sich auch die Gesunden darauf.

Von Carsten Germis
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In den Regalen der Supermärkte hat sie inzwischen ihren festen Platz: Spezielle Nahrung für Diabetiker verkauft sich gut. Sie gilt als ein Segment, das in der Zukunft deutlich wachsen wird. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Es gibt immer mehr Zuckerkranke in Deutschland. Diabetes wird zur Volkskrankheit.

Bei etwa fünf Prozent der Bevölkerung ist Diabetes in der Bundesrepublik diagnostiziert worden - Tendenz steigend. Wer Diabetes hat, muß Nahrungsmittel meiden, die viel Industriezucker enthalten - Marmelade etwa, Kekse oder Schokolade. Weil Industriezucker die Zuckerwerte im Blut schnell hochtreibt und beim Diabetiker zu krankhaft erhöhten Blutzuckerwerten führt, werden für Diabetikernahrung statt Zucker andere Süßungsmittel wie Sorbit, Isomalt und Lactit oder Fruchtzucker verwendet.

Nischenmarkt trotz Wachstumstrend

Ein Unternehmen, das eine starke Stellung am Markt für Diabetiker-Produkte hat, ist der schleswig-holsteinische Konfitüren-Hersteller „Schwartau“. „Schon jetzt haben sie einen festen Stellenwert in unserem Sortiment“, berichtet Unternehmenssprecher Peter Bernhagen. Der Anteil am Umsatz liegt bei etwas unter fünf Prozent. Bernhagen erwartet aber mehr. Auch er sagt, Diabetikerprodukte stünden für „ein wachsendes Segment in der Zukunft, da die Zahl der Diabetiker tendenziell ansteigt“.

Hinzu kommt, daß zuckerarme Diätprodukte auch für die Gesunden immer attraktiver werden. So haben vor allem Wellness-Produkte bei Schwartau einen rapide steigenden Stellenwert. Die Marmeladen der Marke Schwartau extra Wellness wurden erst im vergangenen Jahr eingeführt. Schon jetzt haben die sechs Sorten einen Anteil von mehr als fünf Prozent am Umsatz. „Die Entwicklung ist sehr erfreulich“, sagt Bernhagen. „Wellness bleibt auch in Zukunft ein Mega-Trend.“

Trotz des Wachstumstrends: Ein Nischenmarkt werden solche Nahrungsmittel und Produkte für Diabetiker bleiben. Schließlich können Zuckerkranke die meisten Lebensmittel wie Milchprodukte, Fleisch oder Gemüse genauso essen wie Menschen ohne Stoffwechselstörungen. Problematisch wird es bei Kuchen, bei Schokolade, Bier oder Konfitüre - also überall dort, wo viel Zucker im Spiel ist. Diese Produkte sind es vor allem, die der Verbraucher in den Regalen findet.

Deutsche Traditionen

Lebensmittel mit Ersatzstoffen dürfen den Aufdruck tragen: „Geeignet zur besonderen Ernährung bei Diabetes mellitus im Rahmen eines Diätplans“. So regelt es die deutsche Diätverordnung, die die Zusammensetzung und Kennzeichnung diätetischer Lebensmittel in 29 Paragraphen und 20 Anlagen bis ins Detail regelt. „Bei diätetischem Bier für Diabetiker müssen zusätzlich die Worte ,nur nach Befragen des Arztes' in Verbindung mit der Angabe des Alkoholgehalts in Volumenprozenten angegeben werden“, heißt es da zum Beispiel.

Die deutsche Diätverordnung basiert auf Richtlinien, die der Diätverband in der Bundesrepublik bereits 1953 auf den Weg gebracht hat. In anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Vorschriften nicht. „Es gibt dort nicht diese Tradition für Diabetiker-Lebensmittel“, berichtet Norbert Pahne, der Geschäftsführer des Diätverbandes, in dem sich rund 60 Unternehmen zusammengeschlossen haben, die Diätlebensmittel herstellen.

Diätmarmelade und -schokolade

Es liegen zwar keine genauen Zahlen darüber vor, wieviel Diätnahrungsmittel deutsche Unternehmen ins Ausland exportieren. Doch wer sich in den Regalen ausländischer Supermärkte umschaut, findet auch dort die Diabetikerprodukte von „Schneekoppe“, „Veelmann“, „Lindt-Schokolade“ oder die Diätmarmelade von Schwartau. „Die Deutschen neigen ja dazu, die Dinge überzuregulieren“, meint eine „Schneekoppe“- Sprecherin.

Mit der Diätverordnung habe die Regulierung aber einmal positive Auswirkungen, weil hierzulande Produkte für Diabetiker hergestellt werden, die in anderen Ländern fehlen.

Auch die bekannte Konditorei Coppenrath und Wiese aus Osnabrück hat Produkte für Diabetiker in ihrem Angebot. Der Handel frage danach, „und wir wollen uns als Vollsortimenter darstellen“, heißt es. Schließlich suche eine wachsende Zahl von Kunden nach den Produkten, „und es sind sehr treue Kunden, die immer wiederkommen“, sagt ein Unternehmenssprecher. Wer Süßwaren herstelle und keine Diätprodukte habe, der könne beim Handel schnell Probleme mit dem Image bekommen.

„Das bleibt ein Wachstumsmarkt“

Die Umsätze diätetischer Nahrungsmittel für Erwachsene sind in den vergangenen Jahren gestiegen. 2002 waren es 1,2 Milliarden Euro, 2003 dann 1,3 Milliarden Euro und im vergangenen Jahr noch etwas mehr. Etwa zehn Prozent davon macht der Umsatz von diätetischen Lebensmitteln aus, die speziell für Diabetiker sind. „Das bleibt ein Wachstumsmarkt“, ist sich Pahne sicher.

Zwar sei ein Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl der Diabetiker und den Umsätzen noch nicht erkennbar. Doch mit der wachsenden Zahl auch jugendlicher Diabetiker werde der Bedarf maßgeschneiderter Produkte zunehmen. Wer auf Marmelade, Kekse oder Schokolade nicht verzichten wolle, der finde in den Diät-Regalen genau die Produkte, die ihm den Genuß ermöglichen - und dabei den Blutzucker nicht in gefährliche Höhen treiben, weil die Kohlenhydrate langsamer vom Körper aufgenommen werden. Und auch für die Gesunden ist es gesund, solche Diätprodukte zu essen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.12.2005
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Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

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