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Das sind Deutschlands Flüchtlinge

Von ANNA STEINER

21. Oktober 2015. Die Prognose für 2015 übersteigt alle vorangegangenen Jahre um ein Vielfaches: 800.000 Flüchtlinge erwartet das Bundesinnenministerium laut offiziellen Angaben. Doch es kommt nicht einfach nur eine Zahl. In erster Linie kommen Menschen, denn ein Flüchtling ist nicht gleich ein Flüchtling. Die Ankömmlinge unterscheiden sich nicht nur durch ihre Herkunft. Ein Überblick in Grafiken.


1 So viele wie nie zuvor
Seit jeher stellen Menschen aus aller Welt in Deutschland Asylanträge. So viele wie in diesem Jahr waren es jedoch noch nie. Unsere interaktive Grafik zeigt die Anzahl der Asylanträge seit 1970 im Verhältnis zu deutscher Bevölkerung und Migranten in Deutschland. Das Ergebnis ist deutlich: Die Bundesrepublik wird immer mehr weiter zu einem Einwanderungsland.
Hinweis: Die Daten 2011-2015 beruhen auf einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes.
Der Anteil der Migranten an der Bevölkerung wurde für 2015 bislang noch nicht geschätzt, daher orientiert sich die Grafik hier am Wert von 2014.

Quelle: Statistisches Bundesamt / BAMF

2 Doppelt so viele Flüchtlinge wie nach der Wende
Bereits mehrfach wurde die Zahl der erwarteten Asylbewerber im laufenden Jahr nach oben korrigiert, auf nunmehr rund 800.000 Antragsteller. Das verkündete Bundesinnenminister Thomas de Maizière Mitte August. Doch wie viele Menschen tatsächlich kommen, ist noch lange nicht klar. Viele Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Antragsteller noch viel höher wächst – auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Viele der Ankömmlinge sind zudem noch nicht offiziell registriert, dafür kamen in den letzten Wochen einfach zu viele Menschen über die deutschen Grenzen. Die Dunkelziffer dürfte entsprechend hoch sein und ist kaum zu schätzen. Die bislang meisten Asylanträge wurden 1992 gestellt: Die meisten der 438.191 Asylbewerber waren Ostblockflüchtlinge nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

3 Die meisten fliehen vor Bürgerkriegen
Doch wer flieht eigentlich nach Deutschland? Von den Flüchtlingen, die bislang einen Antrag auf Asyl gestellt haben, kommt die Mehrheit aus Syrien (55.487 Asylantragsteller). Im ersten Halbjahr 2015 überwogen noch Antragsteller aus den Balkanstaaten wie Albanien, Kosovo, Serbien oder Mazedonien. Nachdem die Bundesregierung im Juni abschreckende Anzeigen in diesen sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ geschaltet hat, gehen die Zahlen zurück. Vor einem Problem stehen die Behörden jedoch: Einige der Flüchtlinge, die Syrien als Herkunftsland nennen, sind keine Syrer. In den arabischen Staaten hat sich herumgesprochen, dass Syrer gute Chancen auf ein Bleiberecht in Deutschland haben. Seitdem geben sich auch Angehörige anderer Nationalitäten als Syrer aus. Ist das ein Massenphänomen? Im ersten Halbjahr 2015 stellte die Bundespolizei nur 118 ge- oder verfälschte syrische Reisepässe sicher.

4 Afrikanische Flüchtlinge bevorzugen Afrika
Entgegen der Annahme vieler nimmt Deutschland nur eine verschwindend geringe Anzahl an Flüchtlingen vom afrikanischen Kontinent auf. Zwar handelt es sich bei Afrika um den Kontinent mit den meisten Flüchtlingen insgesamt, doch die meisten von ihnen sind sogenannte Binnenflüchtlinge: Sie bleiben bevorzugt in Nachbarstaaten ihrer Heimatländer und hoffen, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Das gilt übrigens auch für die Syrer, die größte Flüchtlingsgruppe. Fast die Hälfte der 2013 noch 22 Millionen Einwohner Syriens befindet sich inzwischen auf der Flucht. Doch die meisten suchen Schutz in benachbarten Staaten wie Jordanien und im Libanon. Nur ein Bruchteil wagt die gefährliche Reise über das Mittelmeer oder die Flucht über die Balkanroute.

5 Es kommen vor allem Männer
Ertrunkene Kleinkinder an türkischen Stränden. Weinende Flüchtlingskinder auf den Armen ihrer erschöpften, aber überglücklichen Eltern am Strand griechischer Mittelmeerinseln: Die Bilder aus dem Fernsehen vermitteln gelegentlich einen falschen Eindruck, denn an Stelle von Familien kommen überwiegend junge Erwachsene – und die sind meist männlich, wie unsere Grafik zeigt. Nur unter den Flüchtlingen aus Balkanstaaten sind knapp die Hälfte Frauen. Eine Erklärung ist naheliegend: Je beschwerlicher die Flucht, desto weniger Frauen flüchten nach Deutschland. Das erklärt zumindest die hohen Anteile junger Männer aus Eritrea, Somalia, Syrien oder Afghanistan. Die gefährliche Reise durch Wüstenlandschaften und über das Mittelmeer zehrt an den körperlichen Kräften.

6 Die meisten der europäischen Flüchtlinge wollen nach Deutschland
Auch wenn in den vergangenen Wochen der Eindruck entstanden sein mag, dass alle Flüchtlinge Ungarn und Österreich nur als Transitland nach Deutschland nutzen – so ganz stimmt das nicht. Viele bleiben auch in Ungarn und Österreich. Zwar nimmt Deutschland die meisten Flüchtlinge auf, wenn man die absoluten Zahlen mit anderen europäischen Ländern vergleicht. Im Verhältnis zur Landesbevölkerung liegen Ungarn und Österreich dagegen deutlich vor Deutschland, die Spitze bleibt Schweden. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland sogar selbst dann weit zurück, wenn man die prognostizierten 800.000 Flüchtlinge 2015 als Richtwert nimmt. Die Türkei und Pakistan nahmen in ihren Zeltlagern im vergangenen Jahr rund 1,5 Millionen Flüchtlinge auf, selbst im Libanon mit seinen nur etwa 4,5 Millionen Einwohnern fand eine Million der Flüchtlinge Zuflucht. Zum Vergleich: Deutschland bot 2014 gerade einmal gut 200.000 Menschen Schutz – dafür weitgehend ohne Zeltlager.

7 Die Aufnahmebereitschaft der Deutschen sinkt
Die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof haben es der ganzen Welt gezeigt; die Haltung der Kanzlerin auch: Ein Großteil der Deutschen befürwortet die Aufnahme von gleich vielen oder sogar mehr Flüchtlingen als momentan (zusammen 56 Prozent). Doch der Trend geht in die andere Richtung: Allein von September nach Oktober waren fünf Prozent weniger bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, während sich immer mehr Befragte für die Aufnahme von weniger Menschen aussprechen. Weil immer mehr Flüchtlinge kommen, kein Ende absehbar ist und Angela Merkels Verhalten in der Flüchtlingskrise als ambivalent wahrgenommen wird, regt sich zudem Widerstand – nicht nur in der Bevölkerung, sondern zuletzt auch in den Reihen der Regierungsparteien. Forderungen nach Transitzonen oder gar der Schließung der Grenzen werden lauter.

8 Fluchtgründe sind entscheidend für die Akzeptanz
Das Klischee des sogenannten Wirtschaftsflüchtlings, der sein Heimatland nur deswegen verlässt, um es sich in Deutschland besser gehen zu lassen – obwohl er auch in einem Herkunftsland ein passables Dasein führen könnte – hat besonders in den vergangenen Wochen die Runde gemacht. Die Flucht vor einem Bürgerkrieg, eine politische oder religiöse Verfolgung sowie Hunger- oder Naturkatastrophen im Heimatland zählen zu den Gründen, die von den Deutschen am ehesten akzeptiert werden. Wer hingegen im Heimatland „nur“ arbeitslos ist oder kein Auskommen hat, also aus ökonomischen Gründen und damit als sogenannter „Wirtschaftsflüchtling“ kommt, ist hierzulande weniger gern gesehen.

9 Fast die Hälfte der Migranten hat studiert
„Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall“, sagte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles Anfang September angesichts der Schwierigkeiten, die große Anzahl von Asylbewerbern in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Das ist richtig. Allerdings: Betrachtet man alle Migranten gemeinsam (Statistiken zu Flüchtlingen allein sind rar), dann weist ein Großteil ein Abitur oder einen Hochschulabschluss auf. Nichtsdestotrotz hat auch ein Anteil der Migranten keinen Schul- oder Berufsabschluss und ist dem Arbeitsmarkt tatsächlich nur schwer zu vermitteln. Auch konnte bislang noch keine einheitliche Methode zur Anerkennung der Berufs- und Studienabschlüsse aus den Bürgerkriegsländern wie beispielsweise Somalia oder Syrien ermittelt werden. Fakt ist: Viele der jetzt ankommenden Flüchtlinge müssen noch einmal zur Schule gehen oder eine neue Ausbildung anfangen, um überhaupt Chancen zu haben. Zumal viele von ihnen auf der Flucht ihre Papiere verloren haben.

10 Migranten haben häufiger ein Abitur als Deutsche
In Bezug auf die Bildung der Migranten ist ein Aspekt besonders interessant: Menschen mit Migrationshintergrund besitzen häufiger ein Abitur als Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Zahlen ermittelte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden in den Jahren 2013 und 2014. Da es aber selbst innerhalb von Deutschland je nach Bundesland große Unterschiede in der Qualität des Abiturs gibt, ist noch nicht gesichert, inwieweit ein syrisches und ein deutsches Abitur als gleichwertig anzusehen sind.

11 Essen, Unterkunft, Krankenpflege
Am Beispiel der Stadt Hamm hat Statista aufgeschlüsselt, welche Kosten pro Flüchtling und Monat anfallen. Etwa 220 Euro entfallen demnach pro Monat auf die Krankenhilfe. Die nordrhein-westfälische Stadt mit rund 180.000 Einwohnern beherbergt derzeit rund 1000 Asylbewerber. Allein 500 kamen in diesem Jahr dazu – und damit ist die Kommune nur ein Beispiel von vielen in Deutschland. Die steigenden Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen für die Flüchtlinge sorgen bei Teilen der deutschen Bevölkerung für Unmut.

12 Flüchtlinge bekommen nicht mehr als Hartz-IV-Empfänger
Entgegen so mancher Vorurteile bekommt ein erwachsener, alleinstehender Flüchtling nicht mehr, als ein Hartz-IV-Empfänger an Sozialleistungen erhält. Der Grundbedarf für Flüchtlinge wurde auf 392 Euro festgelegt, der für einen Hartz-IV-Empfänger liegt etwas darüber bei 399 Euro im Monat. Der Regelsatz für Hartz IV wird zudem zum 1. Januar 2016 auf 404 Euro angehoben. Auch bei der Unterkunft wird kein Unterschied gemacht: Ein Flüchtling wird zunächst in der Erstaufnahme untergebracht und kann dann – je nach Aufenthaltsstatus – später eine Wohnung mieten. Ein Hartz-IV-Empfänger bekommt die Wohnungskosten vom Staat ebenfalls zurückerstattet.

13 Ausländer liegen dem Staat nicht auf der Tasche
Die Angst vor zunehmender Arbeitslosigkeit und steigenden Kosten für den Sozialstaat ist derzeit nahezu mit den Händen greifbar. Was gerne übersehen wird: Mit den hunderttausenden Asylbewerbern, die gerade nach Deutschland strömen, kommen nicht nur potentielle Sozialhilfeempfänger, sondern auch Arbeitskräfte. Das zeigen auch die Zahlen des ZEW und der Bertelsmann-Stiftung: Die Nettosteuerzahlungen für Ausländer liegen zwar während ihres Arbeitslebens etwas unter denen der Deutschen, dafür belasten ausländische Bürger die Sozialkassen im Alter weniger als ihre deutschen Mitbürger – was wiederum an der beitragsbezogenen Rente liegt. Beim laufenden Finanzierungsbeitrag zu den öffentlichen Haushalten steht die ausländische Bevölkerung deutlich besser da, als es das angezeigte Altersprofil vermuten lässt. Das liegt daran, dass Einwanderer häufig jung sind, aber die Schule schon hinter sich und noch ihr gesamtes Berufsleben vor sich haben. Zwar fällt der Finanzierungsbeitrag je Ausländer um 16,4 Prozent niedriger aus als der Beitrag pro Kopf der deutschen Bevölkerung, doch er war klar im positiven Bereich.

14 Nur etwa jeder Dritte darf bleiben
Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge macht manchem Deutschen Angst. Wenn man jedoch die bereits bearbeiteten Asylanträge betrachtet, stellt man fest, dass nur etwa einem Drittel der Asylbewerber Flüchtlingsschutz gewährt wird, bzw. ihr Asyl anerkannt oder ein Abschiebeverbot festgestellt wird. Selbst im August 2015, einem Monat, in dem vorwiegend Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan kamen, die grundsätzlich bessere Chancen auf ein Bleiberecht haben, betrug die Schutzquote nur 54,8 Prozent, das heißt etwas mehr als jeder Zweite darf in Deutschland bleiben. Wenn man diesen Anteil auf die 800.000 Flüchtlinge umrechnet, die laut offizieller Prognose in diesem Jahr Deutschland erreichen sollen, dann werden am Ende wohl etwa 438.400 Flüchtlinge im Land bleiben dürfen. Der Rest ist eine Frage der Abschiebepraxis.

15 „Wirtschaftsflüchtlinge“ haben kaum Chancen auf ein Bleiberecht
Während die Gesamtschutzquote von Januar bis August 2015 unabhängig des Herkunftslandes etwa 38,7 Prozent betrug, liegt sie für Staaten, die Bürgerkriegen oder der Gewalt der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausgesetzt sind, ungleich höher. Etwa 89 Prozent der Antragsteller aus dem Irak oder Syrien erhielten einen positiven Asylbescheid oder Flüchtlingsschutz. Auch für das kleine ostafrikanische Land Eritrea, aus dem die meisten afrikanischen Flüchtlinge kommen, liegt die Gesamtschutzquote bei über 80 Prozent. Flüchtlinge, die aus Balkanstaaten kommen, haben hingegen kaum Chancen auf eine Anerkennung in Deutschland. Die Schutzquoten für Mazedonien, den Kosovo, Albanien und Serbien liegen nahe null. Rechnet man das auf die Zahlen von 2015 um, dürfen von den 20.864 Flüchtlingen, die bis einschließlich August aus Serbien einreisten nur etwa 21 Serben bleiben. Wenig verwunderlich ist demnach, dass die Gruppe der Balkanflüchtlinge, die noch in den neunziger Jahren – in der Folge der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien – am zahlreichsten war, seit Juni 2015 immer kleiner wird.
Multimedia: Bernd Helfert
Das Titelbild zeigt Flüchtlinge in einem Deutschkurs an der Universität in Vechta (Niedersachsen).
Foto: Carmen Jaspersen/dpa
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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 21.10.2015 12:59 Uhr