07.03.2010 · Ein bisschen Öko, ein wenig Kapitalismus, aber vor allem ganz viele Werte: Die Deutschen fühlen längst schwarz-grün. Das elektrisiert die Politik. Und Marktforscher bezeichnen das Milieu als schwierig, aber kaufkräftig.
Von Melanie AmannIm Saarland, in Hamburg, in vielen Städten ist es Realität – ein Bündnis von CDU und Grünen. Noch realer und weiter verbreitet ist ein schwarz-grünes Milieu und Lebensgefühl. Es eint konservative, gebildete, christliche und ökologisch bewegte Besserverdiener – bürgerlich gewordene Grüne wie bürgerlich gebliebene Unionsleute. Sie sehen sich mittwochs beim Yoga, freitags in der Oper, samstags auf dem Markt, sonntags in der Kirche. An dieses Milieu denken Automanager, wenn sie Elektroautos bauen, von dem Milieu leben Öko-Supermärkte.
„Eine gemeinsame bürgerliche Lebens- und Erfahrungswelt“ attestiert ihnen der Politologe Franz Walter. Das bestätigen Umfragen: Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend sprachen sich 46 Prozent der Befragten für eine schwarz-grüne Regierung aus. Der Trend reicht bis in die Führungsetagen der Wirtschaft: 2008 befragte das Institut für Demoskopie Allensbach 400 Top-Manager über ihre Wunschregierung. Drei Viertel kombinierten Schwarz mit Grün. Zwischen diesen Welten wandern liberale Banker und konservative Selbständige: „1987 wählten 1 Prozent von ihnen die Grünen“, sagt Franz Walter. Seit 2002 sind sie nach den Beamten die stärkste Wählergruppe.
„In diesem Milieu tummeln sich schwierige, aber kaufkräftige Konsumenten“, sagt Wolfgang Plöger, Direktor Marktforschung von Sinus Sociovision. Sie tragen keine selbstgestrickten Pullis, aber sehen genau hin, wer strickt. „Sie kaufen Bio-Produkte, um gesund zu bleiben und örtliche Bauern zu unterstützen.“ Vor allem im Milieu der Konservativen und Postmateriellen sieht Plöger schwarz-grüne Werte. Dieses Spektrum zählt zur oberen Mittelschicht und macht gut 15 Prozent der Wählerschaft aus.
Architekten gehören dazu, Ladenbesitzer, leitende Angestellte. Staatseinfluss auf Unternehmen und Mindestlöhne sieht diese Gruppe skeptisch. Steuern versteht sie als Mittel zum sozialen Ausgleich, aber ausdehnen will man den Sozialstaat nicht. Westerwelles Reden über spätrömische Dekadenz sind dem Milieu fremd, gar peinlich. „Das tut man nicht“, sagen Galionsfiguren wie die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Obwohl klar ist: „Leistung muss sich lohnen“, wie der Junganwalt Florian Braune sagt. Schwarz-grüne Milieuvertreter sind technikaffin, verstehen aber nicht viel von Computern. In der schwarz-grünen Welt spart man Energie, aber der Wechsel zu Solarstromanbietern ist vielen zu anstrengend. Atomenergie lehnen Postmaterielle kategorisch ab, Konservative akzeptieren sie – als Brückentechnologie. Sie sagen ja zum Windrad, wenn es weit genug weg steht.
Auch spirituell passt Schwarz-Grün, weiß die Konrad-Adenauer-Stiftung: 66 Prozent der Grünen- und 68 Prozent der Unionswähler glauben, dass die Kirche den Menschen Lebenshilfe bietet. „Grüne Bürger sind keine besseren Menschen als schwarze“, resümiert Franz Walter. „Also könnte da einiges zusammengehen.“
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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