Der Vorstoß des französischen Präsidenten zu einer Wechselkurssteuerung ist in Deutschland überwiegend auf Ablehnung gestoßen. Die meisten von der F.A.Z. befragten deutschen Volkswirte äußerten sich äußerst skeptisch. „Der Vorschlag entspringt typisch merkantilistischem Denken französischer Provenienz“, sagte Wirtschaftsweise Lars Feld. Hollande hatte die Aufwertung des Euro beklagt, weil sie Exporte erschwert und die Reformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit konterkariere. Die Europäische Zentralbank sollte sich davor hüten, dem Ansinnen Hollandes zu folgen, sagte das deutsche Sachverständigenratsmitglied. „Ein Wechselkursziel kann in Konflikt mit ihrem Mandat der Sicherung der Preisstabilität geraten“, warnte Feld. Außerdem gebe es bei einer einseitigen Fixierung von Wechselkursen die Gefahr von Währungskonflikten. Beobachter warnen schon seit längerem vor einem möglichen „Währungskrieg“, der in einem Abwertungswettlauf enden könnte.
Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, warnte ebenfalls vor einer Wechselkurs-Politik für die Eurozone, die darauf zielt, Exporte und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern: „Die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Euro-Staaten oder des gesamten Euro-Raums lässt sich nicht mit einem politisch gesteuerten Wechselkurs sichern. Für die ehrgeizigen und - zugegebenermaßen - auch sehr mühsamen Strukturreformen in Europa gibt es keine billigen Ausflüchte“, sagte Kemmer. Eine aktiv gesteuerte Wechselkurspolitik würde zudem ein enormes Konfliktfeld mit der Europäischen Zentralbank (EZB) und deren Ziel der Preisniveaustabilität eröffnen. Damit würde „an weiteren Grundfesten der Währungsunion gerüttelt“.
Abfuhr auch vom neuen DIW-Präsidenten
Eine harte Abfuhr erteilte auch Marcel Fratzscher, der neue Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dem Vorstoß aus Paris: „Die Forderung nach einer aktiven Wechselkurspolitik für den Euro ist gefährlich und falsch“, sagte er der F.A.Z.. „Sie ist gefährlich, weil eine solche Politik zu Verzerrungen in der Realwirtschaft und auf Finanzmärkten führt, und zumeist politisch motiviert ist. Die Erfahrung vieler Länder mit einer solchen Politik ist, dass sie hohe finanzielle Kosten für den Staat und den Steuerzahler verursacht“, sagte Fratzscher, der bis vor kurzem in der EZB arbeitete.
Lediglich der Wirtschaftsweise Peter Bofinger nannte es „grundsätzlich richtig, sich über eine neue Wechselkursordnung Gedanken zu machen“. Die Wechselkurse spiegelten zu oft nicht die fundamentalen Daten wieder. Der Duisburger Makroökonom Ansgar Belke fragte hingegen sarkastisch, ob eine aktive Politik zur Schwächung des Euro nicht mehr nötig sei, da die „Tendenz ohnehin in Richtung einer Liraisierung gehe“. „Eine Schwächung des Euro zu Gunsten der Handelspartner würde eine noch expansivere Geldpolitik der EZB als bisher erfordern“, sagte Belke.
Kein Kommentar von der EZB
Die EZB selbst wollte keinen direkten Kommentar zu Hollandes Rede vor dem EU-Parlament geben. Das finnische EZB-Ratsmitglied Erkki Liikanen sagte allerdings schon am Dienstag, die Zentralbank habe kein Wechselkursziel für den Euro. In den vergangenen drei Monaten hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar um 5 Prozent, gegenüber dem britischen Pfund um 7 Prozent und gegenüber dem japanischen Yen um 18 Prozent aufgewertet. Japan versucht, seine zuvor hoch bewertete Währung gezielt zu schwächen. Dies würde auch Hollande offenbar gerne sehen.
Die Bundesregierung hält von Hollandes Vorstoß offensichtlich wenig. „Es ist die Überzeugung der Bundesregierung, dass er (der Euro) im historischen Vergleich nicht überbewertet ist“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. „Wechselkurspolitik ist auch kein geeignetes Instrument um Wettbewerbsfähigkeit zu steigern“, fügte er hinzu. Die Bundesregierung sei überzeugt, „dass Wechselkurse die ökonomischen Fundamentaldaten widerspiegeln sollten“. Dazu seien flexible Kurse am besten geeignet. In der Gruppe der größten Industrie- und Schwellenländer (G8 und G20) sei es Konsens, dass Märkte die Wechselkurse bestimmen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel werde mit Hollande sicherlich am Abend beim Fußball-Freundschaftsspiel in Paris darüber sprechen.
In Frankreich gibt es hingegen auch unter Ökonomen eine gewisse Sympathie für eine aktive Politik zur Wechselkursabwertung. Einige stichelten gegen die EZB. „Jeder mogelt mit seiner Währung – außer der Euroraum mit seinen bald 20 Millionen Arbeitslosen, welche die ungewählten Gouverneure der EZB für eine bessere Anpassungsvariable halten als den Euro-Dollar-Wechselkurs“, sagte Edouard Tetreau, Professor an der Managementschule HEC. Viele französische Ökonomen würden eine Abwertung des Euro begrüßen, machen sich jedoch keine Illusionen über die begrenzten Möglichkeiten, in einem „Währungskrieg“ den Wechselkurs zu beeinflussen.
Weil sich die französischen Ausfuhren auf Waren mittlerer Qualität konzentrieren, wo der Preiswettbewerb besonders heftig sei, stehe Frankreich besonders unter Druck, erläutert Bruno Cavalier, Chefökonom der französischen Bank Oddo. Der ehemalige EADS-Vorstandsvorsitzende Louis Gallois stufte einen „akzeptablen“ Euro-Wechselkurs in seiner Industrieanalyse im vergangenen Herbst bei 1,15 bis 1,2 Dollar je Euro ein. Die Deutsche Bank errechnete kürzlich, dass die französische Wirtschaft bei 1,22 bis 1,24 Dollar je Euro Probleme bekäme, die italienische Wirtschaft schon ab 1,16 Dollar, die deutsche Wirtschaft dagegen erst ab 1,54 bis 1,94 Dollar je Euro. Aktuell steht der Euro-Wechselkurs bei gut 1,35 Dollar.
Die Pariser Politik meint, man könne nicht untätig bleiben. Karine Berger, ehemalige Chefökonomin des weltgrößten Kreditversicherers Euler Hermes und heutige sozialistische Abgeordnete, fordert eine konzertierte „verbale“ Intervention der Regierungen im Euroraum. „Wenn der Euro auf 1,40 Dollar steigt, sind unsere Anstrengungen der Reindustrialisierung ruiniert“, sagt sie. Jean-Michel Six, Europa-Chefökonom von Standard & Poor’s, bleibt indes gelassen. „Die Aufwertung verdeutlicht auch die Rückkehr des Vertrauens in den Euroraum“, sagt er.
Warum noch Statistiken bemühen, wenn man so "glasklare
Argumente hat?
Heino Ewerth (Illoinen)
- 11.02.2013, 16:10 Uhr
Mir fehlen die Worte
Heino Ewerth (Illoinen)
- 11.02.2013, 16:08 Uhr
Durchsichtige Forderung
Carsten Berg (Carberg)
- 08.02.2013, 12:46 Uhr
Die französischen Etatisten
Dieter Zorn (Zoernheim)
- 08.02.2013, 12:40 Uhr
Hollande will was Cameron kann...
Art Bleiglass (bleiglass)
- 07.02.2013, 08:12 Uhr
