21.05.2010 · Erst kritisierte die französische Finanzministerin Lagarde die deutschen Exporte, dann den Alleingang beim Leerverkaufsverbot. Auch der deutsche Glaube an eine unabhängige Zentralbank hat in Frankreich wenig Freunde. Die Euro-Krise bringt die Unterschiede im wirtschaftlichen Verständnis deutlich zum Vorschein.
Von Christian Schubert, ParisDer Anruf kam wie bestellt. Christine Lagarde hatte im Interview mit dieser Zeitung gerade erklärt, wie gut sie während des Brüsseler Gipfels vom 9. Mai mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zusammengearbeitet habe, da ruft der deutsche Politiker auf ihrem Telefon an. "Hallo, Wolfgang, wie geht es? Kann ich zurückrufen?" Das war vor einer Woche - eine lange Zeit in den deutsch-französischen Beziehungen. Diese können sich derzeit im Tagesrhythmus eintrüben, dann wieder etwas aufhellen, um sich abermals zu verdunkeln.
Am Donnerstagnachmittag versprachen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy telefonisch, sich eng im Kampf gegen Spekulationen abstimmen - auch vor dem Treffen der größten Wirtschaftsnationen (G20) im Juni in Kanada. Die schattigen Flecken überwiegen jedoch eindeutig, denn die Euro-Krise bringt die teils deutlichen Unterschiede im wirtschaftlichen Verständnis zum Vorschein. "Ich sehe mit wachsender Besorgnis ein Auseinanderdriften deutscher und französischer Politik. Es gibt zu viele Spannungen, und es verfestigen sich Ressentiments sowie gegenseitige Verärgerung", sagt Joachim Bitterlich, früherer Botschafter und Berater Helmut Kohls, der das Deutschland-Geschäft des französischen Umweltkonzerns Veolia leitet. "Früher haben wir direkter und gründlicher miteinander geredet."
Zuletzt hat das Pariser Finanzministerium überhaupt nicht den deutschen Alleingang beim Verbot ungedeckter Leerverkäufe geschätzt. "Wir waren alle sehr überrascht", sagt ein Sprecher (siehe Leerverkaufsverbot: Frankreich irritiert über deutschen Alleingang).
Frankreich hat seit September 2008 zwar schon die Leerverkäufe französischer Finanzaktien verboten, werde bei den Staatsanleihen aber nicht folgen, weil die zur Schuldenfinanzierung wichtige Liquidität nicht belastet werden dürfe, heißt es im Finanzministerium. Lagarde setzte sich auch in einen auffälligen Gegensatz zu Merkel und ihrer Rede im Bundestag: "Ich glaube absolut nicht, dass der Euro in Gefahr ist. Der Euro ist eine solide und glaubwürdige Währung, die die Stabilität im Euro-Raum seit mehr als zehn Jahren sichert."
"Der deutsch-französische Motor hat in jüngster Zeit mehrfach versagt", meint Henri Ménudier, Politologe an der Universität Sorbonne. Er sieht die beiden Länder als Vertreter zweier unterschiedlicher Ansätze: Das "nordeuropäische" Deutschland lege den Schwerpunkt auf eine strenge Haushaltsführung und eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, Frankreich dagegen lehne diesen Ansatz zwar nicht rundheraus ab, sympathisiere aber stärker mit Mittelmeerländern wie Griechenland. "Man hat den Eindruck, man reagiert jeweils auf die Einzelinitiative, die der andere gestartet hat", sagt Ménudier.
Kaum ein Gebiet, wo es ohne Reibungen abläuft: Wenn Sarkozy in Windeseile Rettungspakete schnürt, wundern sich die Franzosen, warum die Deutschen nicht reagieren - und übersehen das vielschichtige politische System jenseits des Rheins und das andersartige Naturell der Bundeskanzlerin. Die Deutschen vermuten dagegen hinter fast jeder französischen Initiative einen Versuch, sie über den Tisch zu ziehen. Die alte Debatte über die Netto-Zahlungen in die EU-Kasse schwingt hier mit, wo die Franzosen aufgrund der höheren Agrarsubventionen besser dastehen.
„Les Echos“: Hyperinflation ist eine deutsche Phantasterei
Zu den politischen kommen die wirtschaftlichen Systemunterschiede. Deutschland setzt seit dem Krieg auf den Export und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie. In Frankreich überwog lange Zeit der Dirigismus, der auch heute noch ausgeprägt ist, sowie die Förderung des inländischen Konsums. Die vielfach keynesianisch geprägten Volkswirte Frankreichs werben für eine Stärkung der Nachfrage - teilweise auch um den Preis einer höheren Staatsverschuldung.
Vor diesem Hintergrund ist die Kritik Lagardes am deutschen Wirtschaftsmodell von Mitte März zu sehen. Schon ihre Forderung, dass die Deutschen "ein kleines bisschen" mehr für ihren Konsum tun könnten, erhitzte die Gemüter östlich des Rheins.
Besonders wenig Verständnis findet in Frankreich auch der deutsche Glaube an eine unabhängige Zentralbank, die letztlich als Garant für die Inflationsbekämpfung gesehen wird. Hyperinflation sei eine deutsche Phantasterei, schrieb am Donnerstag die Wirtschaftszeitung "Les Echos". "Der ganze Euro-Raum darf sich nicht von Wahnvorstellungen anstecken lassen, die aus der Weimarer Republik stammen."
Deutsche Ökonomen und Regierungsberater trauen Frankreich indes nicht die nötige Reformfähigkeit zu, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen. Sarkozy habe für das Volk schmerzhafte Reformen gescheut und letztlich nur die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben, lautet ihre Kritik. Auch die längerfristige Bilanz der französischen Versuche zum Schuldenabbau falle äußerst mager aus. Professor Ménudier erklärt sich so die Differenzen in der Frage von Sanktionen für die Empfänger der neuen europäischen Milliarden-Hilfen. "Es herrscht die Befürchtung, dass solche Sanktionen eines Tages auch Frankreich treffen könnten."
Sanktionen gegen Frankreich längst fällig?
Assoc Anon (ParisExpat)
- 21.05.2010, 16:59 Uhr
Merkel ist zu schwach
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 21.05.2010, 17:55 Uhr
Kohls "Deutsch-Französische Freundschaft" war eine Chimäre - immer schon.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 21.05.2010, 17:57 Uhr
Kompatibilität der Systeme
Andreas Müller (abumachuf)
- 21.05.2010, 18:40 Uhr
Kooperation mit F nur im rein weltlichen Verkehr möglich, nicht visionär!
Jörg de Joop (Staffelberg)
- 21.05.2010, 20:25 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?