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Der Sonntagsökonom : Gier ist gut - sonst müßt Ihr Eicheln essen

„Herr A et al.” Bild: F.A.Z.

Vor 300 Jahren erschien die Bienenfabel von Bernard de Mandeville. Der Arzt für Nerven- und Magenleiden erklärte, warum Tugend allein die Wirtschaft nicht voranbringt. Ein Lehrstück für die Kapitalismusdebatte.

          Die Wirtschaft in Deutschland liegt darnieder. Doch die Sozialdemokraten vergnügen sich mit einer Kapitalismusdebatte, als lebten die Deutschen in der Vergangenheit. Damals, in den achtziger und in den neunziger Jahren, ging es uns schließlich noch gut. Damals konnte man sich die Schelte gieriger Manager und Firmenaufkäufer noch leisten - als intellektuelles Vergnügen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Filme wie "Wall Street" (1987) erzeugten Schaudern, aber ebenso heimliche Bewunderung. "Gier ist gut", rief der Filmheld aus und traf insgeheim den Nerv des Publikums. Und Ende der neunziger Jahre, im Börsenboom der "neuen Wirtschaft", wurden wir ja auch alle ein wenig zu Aktienhändlern, denen der Gewinn von Unternehmen alles ist. Nun aber schlägt das Pendel um. Die sozialdemokratische Elite predigt Bescheidenheit, attackiert die kapitalistische Gier und fordert Verantwortung der Unternehmer für die Arbeiterschaft.

          „Stolz, Luxus und Betrügerei
          muß sein damit ein Volk gedeih“

          Alles Notwendige zu diesem Thema hat eigentlich schon der niederländische Arzt für Nerven- und Magenleiden, Bernard de Mandeville, gesagt. Vor 300 Jahren veröffentlichte er in London wohnend anonym die "Bienenfabel". Am Beispiel eines Bienenstaates, als Metapher für England, beschrieb Mandeville in Versform eine reiche, aber lasterhafte Gesellschaft. Die Reichen frönen dem Luxus, die Armen schuften, um zu überleben. Advokaten verdrehen das Recht, Ärzte sehen Kranke als zahlende Kunden und nicht als Hilfsbedürftige. Politiker streichen als "Nebengelder" ein, was "Schwindelei" ihnen verschafft. Allerorten blüht Verschwendung und Luxus, Neid und Eitelkeit, Modesucht und Gier.

          Diese so abstoßend scheinende Gesellschaft entdeckt die Tugenden der Rechtschaffenheit, der Sparsamkeit und der Anspruchslosigkeit - und sie verarmt. Dem Handel ist seine Schubkraft entzogen; Reiche und Arbeiter wandern aus. "Stolz, Luxus und Betrügerei / muß sein damit ein Volk gedeih", reimt Mandeville die Moral von der Geschicht'. "Private Laster, öffentliche Vorteile" heißt es im Untertitel späterer Ausgaben der Bienenfabel.

          „Der Allerschlechteste sogar
          Fürs Allgemeinwohl tätig war"

          Intuitiv und durch Beobachtung der Menschen verstand der Arzt Mandeville, daß der Drang des Menschen nach Mehr die entscheidende Antriebskraft für die Wirtschaft ist. Sein Lob des Luxus und der dadurch entstehenden Nachfrage fand noch 1936 die große Zustimmung von John Maynard Keynes.

          Ökonomen wie Friedrich August von Hayek begeisterte eher, daß Mandeville das Grundprinzip der Evolution und der spontanen Ordnung so klar beschrieb wie kein anderer vor ihm. Von keinem menschlichen Gehirn ersonnen und geplant, führt das Eigeninteresse der Individuen am Markt zum gesellschaftlichen Wohlstand. "Der Allerschlechteste sogar / Fürs Allgemeinwohl tätig war" gehört zu den populärsten Versen der ökonomischen Ideengeschichte - und war auch den schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts bekannt. Der Übervater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, machte in seiner Theorie der "unsichtbaren Hand" und der Vorzüge der Arbeitsteilung große Anleihen bei Mandeville.

          Der Moralphilosoph Smith übernahm freilich nicht das Menschenbild des lasterhaften Selbstsüchtigen. Mandevilles Beobachtung stellte der Schotte die rationale Selbstliebe entgegen, die den Menschen auszeichne und die mit der Sympathie für den Mitmenschen einherging. Das aufregend wilde Laster des Egoismus wurde umgedeutet zur langweilig nüchternen Tugend des Selbstinteresses, die die Ökonomik heute vielen seelenlos und gefühlskalt erscheinen läßt. Ökonomen müssen deshalb aber nicht den Mund halten, wenn Kapitalismuskritiker wirtschaftliche Gier anprangern. Zwischen maßlosem Verlangen und Eigeninteresse läßt sich nicht klar trennen. Was dem einen zwanghafte Gier ist dem anderen nur der Wunsch nach Mehr. Das Eigeninteresse ist immer subjektiv bestimmt. Trotz Smith ist Mandeville nicht passe.

          „Mit Tugend bloß kommt man nicht weit;
          Wer wünscht, daß eine goldene Zeit
          Zurückkehrt, sollte nicht vergessen:
          Man mußte damals Eicheln essen."


          In beider Tradition steht der Gedanke, daß der Wettbewerb moralisch anrüchigem Verhalten Schranken setzt. Der Preismechanismus von Angebot und Nachfrage regelt unpersönlich und ohne moralische Attitüde, was wem zusteht. "Auswüchse des Kapitalismus" können sich nur ergeben, wenn Eigentumsrechte unklar sind, wenn Aktionäre kaum eine Möglichkeit haben, über Vorstandsgehälter abzustimmen. Oder wenn der Staat Privilegien verteilt, die die Gier der Menschen anstacheln, wie Nils Goldschmidt vom Freiburger Walter Eucken Institut unlängst auf einer Tagung der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung betonte.

          Wohlstand entsteht, wenn der Staat ein Regelwerk sicherer Eigentumsrechte setzt und den Rest der spontanen Marktordnung überläßt. Moralisch aufgeladene Kapitalismusschelte hilft dagegen nicht weiter, wie schon Mandeville wußte: "Mit Tugend bloß kommt man nicht weit; / Wer wünscht, daß eine goldene Zeit / Zurückkehrt, sollte nicht vergessen: / Man mußte damals Eicheln essen."

          Eine deutsche Fassung von de Mandevilles Hauptwerk "Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile" ist 1998 im Verlag Suhrkamp erschienen.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 34

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