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Der neue Müllnotstand : Bleiben die gelben Tonnen bald stehen?

Verpackungsmüll-Unternehmer: Die Gefahr von Pleiten wächst Bild: ddp

Im vorigen Sommer lieferten sich Müllunternehmen noch einen bizarren Häuserkampf, um möglichst große Mengen des damals begehrten und teuren Altpapiers einzusammeln. Inzwischen ist der Goldrausch der Recyclingbranche vorüber. Sogar die gelbe Tonne gerät in den Strudel der Flaute.

          Die Euphorie war von kurzer Dauer. Im vorigen Sommer lieferten sich Müllunternehmen noch einen bizarren Häuserkampf, um möglichst große Mengen des damals begehrten und teuren Altpapiers einzusammeln. In manchen deutschen Städten standen gleich zwei oder drei blaue Behältnisse verschiedener Anbieter am Straßenrand. Der Goldrausch ist vorüber, Wertstoffe werden wieder zu Abfall. Die Branche warnt vor einem Zusammenbruch der Recyclingwirtschaft und ruft nach staatlicher Hilfe.

          Sogar die gelbe Tonne, das Symbol deutscher Begeisterung für das Müllsortieren und -sammeln, gerät in den Strudel der Flaute. Weil Erdöl und Kunststoff billiger werden und die Industrie weniger Recyclate kauft, fallen die Einnahmen aus der Verwertung leerer Shampooflaschen und Joghurtbecher. Einigen dualen Systemen, welche die Entsorgung des Verpackungsmülls organisieren, steht das Wasser bis zum Hals. Die Pleitegefahr wächst und mit ihr das Risiko, dass die gelben Tonnen stehen bleiben. Denn eine privatwirtschaftliche Ausfallsicherung ist im System, das sich über Lizenzgebühren der Konsumgüterhersteller finanziert, nicht vorgesehen. Im Zweifel müssten die Kommunen einspringen und den Sammelbetrieb sicherstellen.

          Kalkulationsgrundlage stimmt nicht mehr

          Dabei hatte der Gesetzgeber erst im vorigen Jahr die Hilferufe erhört und die Vorschriften für die Entsorgung verschärft. Um Gebührenprellern das Handwerk zu legen, werden lückenlose Nachweise über die verkauften Mengen verlangt. Der frühere Ausweg der Selbstentsorgung, bei dem die Altverpackungen im Einzelhandel wieder eingesammelt werden konnten, ist weitgehend verstopft. Die in den dualen Systemen angemeldeten Mengen sind tatsächlich kräftig gestiegen. Aber was nutzt das, wenn die Kalkulationsgrundlage nicht mehr stimmt?

          Im vergangenen Jahr herrschte noch Euphorie in Sachen Altpapier

          Der neue Müllnotstand dürfte sich über kurz oder lang in den Portemonnaies der Verbraucher bemerkbar machen. Weil die Erlöse aus Altglas und Altpapier allenthalben zurückgehen, sind die Kommunen gezwungen, die Müllgebühren neu zu rechnen. Gebührentreibend wirken auch die wachsenden Schwierigkeiten mit der Auslastung der teuren Müllverbrennungsanlagen. Trotz hoher Importe vor allem aus den Niederlanden reichen die Mengen kaum aus, um die Öfen zu füttern. Da viele Anlagen reichlich groß geplant wurden, sinken die Verbrennungspreise seit etwa zwei Jahren. Zusätzlich reduziert die schrumpfende Industrieproduktion die Gewerbeabfälle, so dass sich der Preiskampf weiter verschärfen wird.

          Für eine Tonne Altpapier gibt's höchstens noch fünf Euro

          Waren 2008 in der Spitze noch mehr als hundert Euro für eine Tonne alte Zeitungen und Zeitschriften bezahlt worden, sind die Entsorger heute froh, fünf Euro zu bekommen. Etwas besser sieht es beim Altglas aus. So manches Unternehmen hat sich böse verkalkuliert. In den Ausschreibungen der Kommunen wurden Mondpreise geboten, um sich die Mengen zu sichern und Wettbewerber zu verdrängen. Als ginge der Boom ewig weiter, wurden auf Basis von zuvor nie gesehenen Preisen Verträge mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren abgeschlossen.

          Jetzt fordern manche Unternehmen Nachverhandlungen, weil sie für das gesammelte Papier weniger Geld bekommen, als sie an Gebühren für die gesammelten Mengen an die Kommunen bezahlen müssen. Ein sauberes Verfahren wäre das nicht. Wenn Verträge beendet werden müssen, weil sie nicht mehr wirtschaftlich sind, sollten sie auch neu ausgeschrieben werden. Das gebietet die Fairness gegenüber den Konkurrenten und den Steuerzahlern.

          Eine Branche warnt vor Abwrackhysterie

          Grund zum Jubeln hätten eigentlich die Altmetallverwerter. Die Abwrackprämie für Altautos schwemmt ihnen Materialmengen auf die Anlagen, dass sie nicht mehr wissen wohin mit den Karossen. Aber das Überangebot setzt die Preise mächtig unter Druck. Eine Tonne Autoschrott brachte vor einem Jahr zweihundert Euro, jetzt bestenfalls ein Zehntel davon. Die Branchenvertretung warnt inzwischen vor der Abwrackhysterie und rät den Verbrauchern, gut erhaltene Fahrzeuge auf dem Gebrauchtwagenmarkt anzubieten.

          Auch mit der Demontage von Elektroschrott ist nicht mehr viel zu verdienen, seit sich zum Beispiel die Kupferpreise mehr als halbiert haben. An allen Ecken gehen wichtige Einnahmequellen verloren. Entsprechend düster sind die Aussichten. Mehr als neunzig Prozent aller Unternehmen rechnen mit rückläufigen oder allenfalls stagnierenden Umsätzen. Von den 250.000 Arbeitsplätzen der Branche stehen fünf Prozent auf der Kippe. Während erste Unternehmen schon Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit schicken, steht zu allem Überfluss auch noch der Mindestlohn für Müllwerker vor der Tür. Er wird weitere Stellen kosten.

          Staatliche Schrottreserven - die Rettung?

          Teils abenteuerliche Rettungsvorschläge machen die Runde. Der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Entsorgungswirtschaft Peter Hoffmeyer hat allen Ernstes verlangt, staatliche Schrott- und Papierreserven anzulegen, um Marktschwankungen zu glätten. Von solchem Unsinn sollte die Recyclingbranche die Finger lassen. In den vergangenen Jahren hat sie die Gunst des Marktes erfolgreich genutzt, um sich aus ihrer Rolle des Müllsammlers zu lösen und zum Rohstofflieferanten zu avancieren. Aber wer auf Rohstoffmärkten bestehen will, muss auch lernen, mit deren Schwankungen zurechtzukommen.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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