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Der Gesundheitsfonds Das Ende der Billigkassen

22.12.2008 ·  Fast alle gesetzlich Krankenversicherten müssen von Januar an viel mehr bezahlen. Echte Billigkassen wird es dann nicht mehr geben. Im schlimmsten Fall zahlen die Versicherten 700 Euro mehr im Jahr.

Von Dyrk Scherff
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Lange haben alle gehofft, die Idee eines Gesundheitsfonds würde nicht verwirklicht. Doch am 1. Januar kommt er nun trotzdem. Und er bringt die befürchteten negativen Folgen: Die meisten gesetzlich Krankenversicherten werden im nächsten Jahr viel mehr für ihre Gesundheit bezahlen müssen. Bessere Leistungen bekommen sie dafür nicht.

Die höheren Kosten sind Folge des Einheitsbeitrages von 15,5 Prozent, der künftig gilt und von dem die Arbeitnehmer 8,2 Prozent tragen müssen. Der fließt in Zukunft nicht mehr direkt an die Kassen, sondern an den neuen Gesundheitsfonds, aus dem alle Kassen ihr Geld bekommen. Die Zeiten, in denen die Kassen ihre Beiträge selbst bestimmten, sind damit in zwei Wochen vorbei. Künftig setzt das Bundesgesundheitsministerium den Beitrag für alle Kassen gleich fest.

Keine echten Billiganbieter mehr

Bisher verlangten die Kassen im Durchschnitt 14,9 Prozent. Weil aber den Ärzten höhere Honorare und den Krankenhäusern mehr Zuschüsse versprochen wurden, muss der Beitrag steigen. Besonders stark steigt der Satz für die Versicherten von Billigkassen. Sie müssen künftig mehr als 1,5 Prozentpunkte zusätzlich bezahlen. Im schlimmsten Fall sind das 680 Euro extra im Jahr. Nur die Kunden einiger bisher sehr teurer Ortskrankenkassen können mit einer Entlastung rechnen.

Auf der anderen Seite kann eine Kasse den Versicherten Beiträge zurückerstatten, wenn sie durch den Einheitsbeitrag mehr Geld bekommt, als sie benötigt. Doch die- se Chance wird zunächst kaum genutzt werden. Nach einer Umfrage durch das Internetportal Krankenkasseninfo.de will keine große Krankenversicherung etwas an die Mitglieder zurückzahlen. Nur acht kleinere Anbieter haben dies angekündigt. Die BKK B. Braun zahlt mit 120 Euro im Jahr am meisten zurück, vor der IKK Südwest mit 100 Euro. Das ist aber trotzdem deutlich weniger als die Beitragssteigerung und zeigt: Echte Billiganbieter wird es künftig nicht mehr geben.

Kranke Kunden sind künftig interessante Kunden

Dass so wenige Kassen etwas zurücküberweisen, liegt an einer zweiten Neuerung, die im Januar in Kraft tritt: Die Kassen erhalten aus dem Gesundheitsfonds nicht alle gleich viel Geld, sondern so viel, wie es dem Bedarf nach der Alters- und Krankheitsstruktur ihrer Mitglieder entspricht. Die bisherigen Billigkassen bekommen daher weniger Geld zugewiesen, weil sie in der Regel gesündere Kunden haben. Daher besitzen sie wenig Spielraum, einen Teil der Beiträge zurückzuerstatten. Die Ortskrankenkassen bekommen hingegen oft mehr und können daher einen Teil an die Mitglieder ausschütten. Kranke Kunden sind künftig interessante Kunden.

Für Gutverdiener wird es 2009 sogar noch ein bisschen teurer. Denn künftig wird der Beitrag auf ein Einkommen von maximal 44.100 Euro erhoben, bisher waren es nur 43 2oo Euro. Das macht noch einmal 74 Euro zusätzlich im Jahr aus.

Kassen, denen der Satz nicht reicht, können Zusatzbeitrag verlangen

Bei 15,5 Prozent Beitrag für alle muss es zudem nicht bleiben. Kassen, denen dieser Satz nicht reicht, können einen Zusatzbeitrag verlangen. Dabei darf kein Mitglied mit mehr als einem Prozent seines Einkommens belastet werden. In den ersten Monaten des neuen Jahres dürfte es zwar niemand wagen, als Erster so einen Aufschlag zu verlangen. „Im zweiten Halbjahr dürften aber die ersten Kassen eine Zusatzprämie erheben“, erwartet Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom an der Universität Duisburg-Essen. Erste Anwärter könnten Kassen in Berlin, Hamburg und Rheinland-Pfalz sein, die viele teure Krankenhäuser mitfinanzieren müssten.

Der Einheitsbeitrag selbst kann sich frühestens 2011 ändern. Da es zunächst so gut wie keine Preisunterschiede zwischen den Kassen gibt, werden künftig Service und Leistungen bei der Wahl des geeigneten Anbieters entscheiden. Fragen sind dann: Welche Präventionsangebote gibt es? Passen die Wahltarife für mich? Bietet die Kasse spezielle Programme für bestimmte Krankheiten? Oder einfach nur: Wie gut ist sie zu erreichen? Große Krankenkassen dürften in diesem Konkurrenzkampf im Vorteil sein, weil sie mehr Verhandlungsmacht besitzen als kleine und deshalb attraktivere Verträge mit Ärzten oder Krankenhäusern schließen können.

Existierende Verträge werden gekündigt

Im Moment passiert allerdings bei vielen Kassen genau das Gegenteil. Existierende Verträge, etwa zur Behandlung spezieller Krankheiten, werden gekündigt. Denn die Kassen werden das ganze nächste Jahr über unsicher sein, wie viel Geld sie genau aus dem Fonds bekommen. Die Zuweisungen sind nur vorläufig. Daher reduzieren sie derzeit alle freiwilligen Angebote.

Wer tatsächlich die guten oder schlechten Kassen sein werden, das wird sich spät im kommenden Jahr oder sogar erst 2010 herausstellen. Wechselwillige Versicherte sollten also etwas warten, bevor sie kündigen. Denn bei der neuen Kasse sind sie wie bisher für 18 Monate gebunden. Schreiben sie sich dazu noch in einen Wahltarif ein, sind es sogar ganze drei Jahre. Nur wenn die Kasse künftig eine Zusatzprämie erhebt, dürfen die Kunden innerhalb von zwei Monaten kündigen.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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